Daniel H. Rapoport hat im letzten, fünften Heft des Hacks-Journals ARGOS einen beachtlichen Essay vorgelegt unter dem zugegebenermaßen etwas barocken Titel „Die reizlose Seite des Humanismus. Widerwillige Untersuchung der Frage, ob Peter Hacks ein Antisemit gewesen sei“.
Nachdem der Dichter Peter Hacks gestorben war, mehrten sich öffentlich vorgetragene Verdächtigungen, er hätte vielleicht ein heimliches Ressentiment gegen die Juden gehegt. Aus der Beschäftigung mit dieser Unterstellung ist der vorliegende Aufsatz entstanden.
‘Ob Peter Hacks ein Antisemit gewesen sei?’ »
Dass der Prophet in seinem Lande nichts gilt, scheint sich gerade zu ändern; jedenfalls, was den Propheten „Jona“ aus Hacks’ gleichnamigem Stück angeht. Denn es findet eine Tagung statt:
Der problematische Prophet. Die biblische Jona-Figur in Exegese, Theologie, Literatur und Bildender Kunst
Veranstalter: Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Ulrich Heinen, Prof. Dr. Wilhelm Kühlmann, Prof. Dr. Johann Anselm Steiger.
Datum, Ort: 23.03.2010-26.03.2010, Schloss Friedenstein, Forschungsbibliothek Gotha, Konferenzraum
‘Jona als Wal? Gott als Behörde?’ »
Auf diese Überschrift müssen wir natürlich anspringen! Die Zeitung junge Welt unternimmt ein Interview mit dem Komponisten Siegfried Matthus, der 1976 Hacks’ Werk „Omphale“ vertont hat. Leider relativiert sich die schöne Überschrift beim Lesen des entsprechenden Absatzes doch sehr:
Die Oper kriselt. Wir brauchen eine neue Sicht auf die Oper, eine Opernreform. Das Opernrepertoire wird immer enger. Außer Bizets »Carmen«, außer Mozart und Wagner gibt es fast gar nichts mehr. Neue Werke sind fast ganz verschwunden. Wir müssen junge Autoren ermutigen, für die Opernbühne zu schreiben, Stoffe zu finden, die das Heute gestalten. Der schöpferische Autor muß in den Vordergrund gerückt werden, nicht der Regisseur, der die alten Stücke neu erzählt.
Wie langweilig.
Das ist mal eine Freude: Nach junge Welt bringt jetzt auch die Wochenzeitung Der Freitag eine Hommage für den Hacks-Intimus André Müller senior aus Anlass von dessen 85. Geburtstag. Matthias Dell findet respektvolle, kluge und unterhaltsame Worte für diesen wichtigen und vollkommen vernachlässigten kommunistischen Schriftsteller:
Biografie ist ein Spiel, auf das der am 8. März 1925 in Köln geborene André Müller sen. sich nicht einlassen will. „Wenn man in Rom etwas werden wollte, lief man rum, zog die Toga hoch und zeigte seine Wunden. Das war der Beweis dafür, dass man für das Vaterland etwas getan hatte. Ich fand diese Prozedur verständlich – und irgendwie auch lächerlich. Ich werde keine Autobiografie schreiben. [...]“
‘Ohne Ironie geht gar nicht’ »
Wikipedia sagt, Robert Havemann sei folgendes zugestoßen: Er konspirierte gegen die Nazis, wurde von denen ertappt und zum Tode verurteilt, dann aber setzten sie die Vollstreckung, weil er kriegswichtige Forschung machte, bis zum Kriegsende aus. - Führt man sich diese Situation noch einmal vor Augen, weiß man, woher Ionesco seinen Stoff nahm.
Der Chemiker und Nationalpreisträger der DDR, der 1945 von der Roten Armee aus der Todeszelle im Zuchthaus Brandenburg befreit worden war, wandelte sich 60er Jahren vom ostdeutschen Starwissenschaftler zum Stardissidenten.
‘„Robert Havemann“. Ein Drama von Ionesco’ »
Das Volk steht auf! Die ReclaBox beinhaltet nicht etwas, worein man sich die Nase schnäuzt, im Gegenteil, es sind aufgebrachte Bürger darin, denn ReclaBox, das ist die „beliebteste deutsche Verbraucherschutzseite“ - da fragt man sich unwillkürlich, ob es am Verbraucherschutz etwa auch deutsche Seiten gibt, die unbeliebt sind.
Die Sache läuft wie folgt: Jede Klemmtrine, die ernsthaften Menschen, die in Ruhe und Gelassenheit um eine Fahrkarte anstehen, durch nicht enden wollendes Debattieren mit dem armen Menschen am Schalter Stunden um Stunden an Lebenszeit kostet, jeder Zwangsaufreger und Bürgerrechtsaktivist kann bei ReclaBox eine Konto anmelden, dann bekommt er einen Namen, der zumeist in der Form „ReclaBoxler-153667399203394“ gebildet wird, was besonders spaßig ist, wenn „ReclaBoxler-1536673926503334“ einen Satz von „ReclaBoxler-15366739203323“ zitiert und „ReclaBoxler-153667399205436“ erheblichen Bedarf hat, einzubringen, was „ReclaBoxler-15366739126438990“ in diesem Zusammenhang zu „ReclaBoxler-1536673920049958834“ gesagt hat, und kann der Öffentlichkeit vortragen, was bisher nur der Kartenschalterbeamte stumm anhören musste:
Online ungültiges Ticket bei der Bahn gebucht!
Ich habe für meine Frau online eine Fahrkarte gebucht, jedoch mit meiner VISA-Karte bezahlt.
‘Ein Volk. Ein Reich. Ein Beschwerdeführer.’ »
Ist Ihnen aufgefallen, dass es keine Clowns mehr gibt? Der Weltgeist scheint sie alle gefrühstückt zu haben.
Da gibt es eine richtige Traditionslinie, die beispielsweise über Ringelnatz, Peter Hacks und Peter Rühmkorf zu Wiglaf Droste oder Thomas Gsella führt.
Der Kerl heißt Maintz, kommt aber nicht von hier:
Kann man über anspruchsvolle Lyrik überhaupt lachen, Herr Maintz?
Ich finde: ja.
Also hat Nestroy doch noch eine Chance! Gottseidank. - Ich finde ja, man sollte alle selbstgefälligen Idioten, die auf Fragen mit einem “Ich finde: ja” antworten, einfach auf 10.000 Fuß aus dem Flugzeug werfen. Wollen doch mal sehen, ob sie dann noch jemand findet, ja?!
Wie hält Stefan Otto das nur aus?
Am Horizont aber ragt die Mühle des berühmten Müllers von Sanssouci auf. Auch ein DDR-Literaturgelände ist dies also. Peter Hacks hat vor Jahren eine didaktische Erzählung über die Auseinandersetzung des pfiffigen Potsdamer Müllers mit dem Preußenkönig geschrieben. Der wollte die Mühle, weil sie ihn störte, abreißen lassen, ließ dann aber Einsicht in die Prinzipien aufgeklärten Despotentums walten. Hacks’ Nacherzählung der Legende war als solidarisch-ironischer Appell an die neuen Despoten gemeint; vorüber nun auch solche Gesten versuchter Fürstenerziehung. Und schön, dass die alte Mühle noch steht.
Blablablablablablablabla. Blabla.
Wäre ich Kommunist, ich dächte ganz wie André Müller senior. Ich bin aber Verleger; meine Pflicht ist es nicht, die Revolution zu machen, sondern gute Bücher. Eines der Bücher, die ich am liebsten gemacht hätte, ist soeben erschienen; leider nicht bei mir, worüber ich mich ewig ärgern werde, sondern bei André Müller seniors Hausverlag Eulenspiegel: „Die Partei der Knoblauchfreunde“.
Linke Modeschwätzer durchschaut man am leichtesten mit zwei einfachen Fragen: Wie gut kennen sie Stalin? Was sollen sie taugen, diese Leute, die sich die Welt mit einer Theorie erschließen, aber mit dem konsequentesten Anwender dieser Theorie so ihre höchst subjektiv gestimmten Problemchen haben. - Kennen sie „Die Partei der Knoblauchfreunde“? Sie kennen sie üblicherweise nicht. Was sollen sie dann taugen?
‘Das Leben.’ »
Nach Rimini, der hübschen kleinen Stadt an der Marecchia, hat die Welt zwei Dinge benannt: Einen zu kurzen Rock und das Wort Riminiszenz, was eine Erinnerung an herrliche Urlaube in der Emiglia-Romana bedeutet. Dann aber haben es die Bildungsjobber missverstanden und bringen es nun immer und überall und dann auch noch falsch geschrieben:
Marco Tschirpke wirkt auf der Bühne, oberflächlich gesehen, fast verloren, scheint sich selbst, seine Texte und seine virtuosen Klavierpassagen quasi aus dem Augenblick heraus zu erfinden, ständig vor dem Abbruch und dem Abgang. Seine chansonartigen Reminiszenzen an den 1955 aus dem Westen in die DDR eingewanderten unbequemen Lyriker Peter Hacks sind kurz und haiku-artig, die Sätze bleiben im Raum hängen, kaum hörbar und überraschend vollendet, das Lachen des Publikums kommt manchmal herzlich, manchmal bleibt es auch im Halse stecken.
Heiku ist wahrscheinlich die Freundin vom Riminiszenten, der Rimini und Remnibi nicht auseinanderhalten kann. Wir freuen uns, dass Marco Tschirpke Eindruck macht, und verweisen auf seine CD mit Vertonungen von Hacks-Liedern.
Kennen Sie noch Otto Waalkes’ alten Witz?: Zwei Straßen treffen aufeinander.
Sie meint, er sei zu sensibel „für den Dienst am Kunden“, er sieht sie als „verknöcherte alte Schlampe.“ Sie ist in den Wechseljahren, er hat „den Blick durch die rosarote Brille längst verloren“. Zwei Welten treffen aufeinander im Theaterstück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“: Der homosexuelle Tanzlehrer und die Witwe eines Baptistenpredigers.
Oh kniet mit mir, dies seltne Glück zu preisen! - Ich fühle mich nach dem Lesen dieses ersten Absatzes, als hätte man mich binnen einer Minute durch die bewussten sechs Tanzstunden getrieben. Und die Sache ist nicht etwa ausgestanden:
‘Zwei Welten treffen aufeinander’ »
In der Tageszeitung junge Welt melden sich Constanze und Dr. Dieter Kraft zu Wort, sie Pfarrerin zu Berlin, er Herausgeber der Zeitschrift Topos. Beide feiern den heutigen 70. Geburtstag der Hacks-Kennerin Prof. Dr. Heidi Urbahn de Jauregui mit überschwenglichen Worten:
Wenn sie ihre Texte vorträgt, wird es im Publikum hörbar still, denn selten übergreifen sich Inhalt und Form so apart wie bei dieser deutschen Französin, die als französische Deutsche sich selber zu übergreifen scheint. Dialektik ist da bereits biographisch angelegt. Und nur im Dialektischen scheint Schönheit wahrhaft auf. In ihm hat das Banale Hausverbot, die Dummheit ohnehin.
‘Das Banale hat Hausverbot’ »