Gestern fand im Deutschen Theater Berlin die Premiere von »Die Sorgen und die Macht« statt. Felix Bartels wird im kommenden Argos eine ausführliche Kritik zu dieser Inszenierung veröffentlichen. Für die Peter Hacks Seite hat er einen ersten Bericht von der Premiere am gestrigen Abend angefertigt, den wir hier einstellen:
Nudge-and-Wink-Parade
Daß man nach gefühlten 200 Jahren an den Bühnen des DT wieder einen Hacks gibt, ist ein Ereignis, dem man nicht anders als mit Freude begegnen kann. Daß man den Hacks dort auf eine Weise gibt, die wenig mit dessen Vorstellungen von Theater zu tun hat und dafür viel mit denen unserer Zeit, ist etwas, das man erwarten konnte. Jürgen Kuttner und Tom Kühnel haben die Erwartungen übertroffen, indem sie sie enttäuscht haben. Man steht ein bißchen davor wie Hacksens Ascher, zufrieden und unzufrieden zugleich: »Ich habe es gewollt, und ich habe es bekommen, und ich habe es nicht so bekommen, wie ich es gewollt habe – das versteht sich ja für uns Menschen von selbst.« Fröhlich resigniert eben, und ich scherze nicht. Wenn der Preis der Aneignung des Dichters Hacks der ist, daß die Zeit ihn auf ihre Weise aneignet, dann soll es sein. Freilich muß sie sich dann auch gefallen lassen, daß man ihre Ergebnisse mit denen anderer Zeiten vergleicht. Erfolg rechtfertigt vieles, Mißerfolg ist nicht zu rechtfertigen.
Am 4. September hat »Die Sorgen und die Macht« von Peter Hacks am Deutschen Theater in Berlin in der Regie von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner Premiere. Dass es sich um ein gesellschaftlich-politisches Ereignis handelt, ist schon jetzt klar.
Wir dokumentieren hier alle relevanten Beiträge rund um die Inszenierung, die uns zugänglich sind.
Für eine solide Auseinandersetzung mit »Die Sorgen und die Macht« empfehlen wir das neueste Heft des ARGOS, in dem in vier Essays Stück und Skandal umfassend behandelt werden.
8.9.2010 - Peter Hans Göpfert in der Freien Presse: »Nach drei Stunden und vierzig Minuten sehnt man sich danach, diese ‘Sorgen der Macht’ ganz schnell wieder loszuwerden.«
8.9.2010 - Tobias Schwartz in der Märkischen Allgemeinen: »Im Raum steht die Frage, ob nicht ein Blick in „die Zukunft von gestern“ angesichts gegenwärtiger Kapitalismuskrisen lohnend sein kann.«
8.9.2010 - Christoph Müller nennt den Abend in der Südwestpresse eine »brillante Inszenierung«.
6.9.2010 - Arnold Schölzel in der jungen Welt: »Das Stück wird – und das ist unter gegenwärtigen Verhältnissen eine kleine Sensation – tatsächlich fast werkgetreu gegeben, dazu auch noch von sichtlich höchst engagierten Mitwirkenden. Lustloses Theatermuseum sieht anders aus.«
Es ist mal wieder Hacks-Renaissance. - Soeben geben zwei Gruppen in der Hacks-Nachwelt Laut, die lang vermissten Hacks-Feinde, die man schon still dem Suff verfallen wähnte ob des nicht nachlassenden öffentlichen Interesses an Hacks, und die Abgehängten unter den Hacks-Freunden, die bei der immer deutlicher werdenden Beschleunigung und Intensivierung der Hacks-Rezeption nicht mehr mithalten können und darum jede andere Weise suchen, sich interessant zu machen.
Beide Gruppen greifen putzigerweise heuer zum selben Genre, der Homestory. Und so durchleiden wir gleich eine Flut von Porträts ausgerechnet der Hacksschen Wohnumgebung.
Also das ist mal ein Spaß und eine Ehre. In der September-Ausgabe der Zeitschrift konkret werden wir zitiert:
Im letzten Heft war anstelle der Kolumne des kurzzeitig erkrankten Herausgebers ein Kommentar von Dietmar Dath erschienen (nochmals Dank, Dietmar!). Prompt meldete am 1. August die Peter-Hacks-Seite (www.peter-hacks.de):
Unsere Sammlung von Fundstellen und Ereignissen: Peter Hacks im Netz und andernorts. Ohne Gewähr, dafür mit Pepp.
28.8.2010 - In der Ausgabe zum siebten Todestag von Hacks bringt junge Welt die bisher umfassendste Besprechung der »Berlinische Dramaturgie« genannten Sammlung von Gesprächsprotokollen.
Unsere Sammlung von Fundstellen und Ereignissen: Peter Hacks im Netz und andernorts. Ohne Gewähr, dafür mit Pepp.
31.7.2010 - Reflektionen auf Generelle: »Die recht häufig behandelte Frage, was er ohne sie gewesen wäre, ist die uninteressantere, weil nach hinten blickende. Die spannende geht so: Was wäre der große Hacks im Kommunismus geworden?«
Wir veröffentlichen hier eine persönliche Stellungnahme unseres Verlegers André Thiele zu den Vorwürfen von Heidi Urbahn de Jauregui gegen ihn in der Tageszeitung »junge Welt«:
Das ist so und damit muß man leben
Heidi Urbahn de Jauregui, eine hochgeschätzte Autorin meines Verlages, die mehrfach Beiträge zum bisher von mir herausgegebenen Hacks-Journal ARGOS geleistet hat, zuletzt im sechsten Band, hat heute in der Zeitung junge Welt einen Aufsatz unter dem Titel »Seltsame Freunde. Peter Hacks und der ‘falsche Anhang’« veröffentlicht, in dem sie mich ob meiner Äußerungen zum Werk des Dichters in die Nähe von Nazis rückt.
Ob es, wie gesagt wurde, die Hacks-Meldung des Jahrzehnts ist, bleibe dahingestellt. Eine Sensation jedenfalls ist es: Das Deutsche Theater in Berlin wird am 4. September 2010 Hacks’ Stück »Die Sorgen und die Macht« zur Aufführung bringen.
Was ist hieran sensationell? Das DT war lange Jahrzehnte die Leitbühne der DDR und ursprünglich Hacks’ Hausbühne. Nach seinem Gang in die DDR im Jahr 1955 arbeitete er zunächst als Dramaturg am Berliner Ensemble, 1960 ging er an das DT. 1958 hatte Hacks das Stück »Die Sorgen und die Macht« geschrieben, von dem mehrere Versionen entstanden, deren endgültige 1962 am DT zur Aufführung kam: Die Inszenierung wurde der Theaterskandal der DDR, die Diskussionen wurden quasi Staatsangelegenheit, das Stück wurde schlussendlich abgesetzt, für viele Beteiligte, so den Intendanten Wolfgang Langhoff, hatten die Vorgänge erhebliche Konsequenzen, Hacks verließ das DT 1963 und arbeitete fortan als freier Autor.
Im soeben erschienenen sechsten Band des Hacks-Journals ARGOS haben wir die Vorgänge mit vier Essays umfassend dokumentiert und diskutiert. Einer unserer Autoren ist Alexander Weigel, der von 1964 bis 2001 Dramaturg am DT war und die Geschehnisse aus der Perspektive des Theaters beschreibt.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bringt heute auf S. 41 einen Vorabdruck aus dem neuesten Heft des Hacks-Journals ARGOS. Der in Mainz lehrende Literaturwissenschaftler Gunther Nickel hat 41, zum größten Teil unveröffentlichte Gedichte des frühen Hacks aufgespürt und ediert, von denen die F.A.Z. sich drei ausgesucht hat.
André Thiele hat hierzu einen begleitenden Artikel geschrieben, der zu gewagten Schlüssen kommt:
Die These, die DDR sei conditio sine qua non der Entwicklung von Peter Hacks gewesen, ist damit hinfällig: Die Entwicklung von Hacks’ Denken erweist sich als weitgehend von den äußeren Umständen unabhängige, nach inneren Notwendigkeiten ablaufende, bei Goethe beginnende, aufwärtsführende Schraubenbewegung zu Goethe hin, bei der Brecht und der sozialistische Realismus ein Umweg sind, der am Ende auf höherer Warte zum Ursprung zurückführt. Die Hegelsche Denkweise scheint für Hacks nicht eine angelesene Philosophie gewesen zu sein, sie hat ihn wohl im Innersten ausgemacht.
Der neue ARGOS erscheint am 15. Juni und bringt alle 41 von Gunther Nickel edierten Gedichte des frühen Hacks.
Felix Bartels reflektiert in seinem Journal Neuigkeiten vom Parnassos noch einmal gründlich, was es mit dem Einstellen des Tagesbetriebs auf der Peter Hacks Seite und dem Wechsel der Herausgeber beim ARGOS auf sich hat.
Als die Peter Hacks Seite 2005 den Betrieb aufnahm, waren die Hacks-Freunde verstreut und isoliert. Die Peter Hacks Seite berichtete tagesaktuell über alle Aktivitäten rund um den Dichter und dokumentierte damit, wieviel insgesamt geschah und ermutigte viele, sich am Bestehenden zu beteiligen bzw. Neues zu bewirken. Die Hacks-Seite war fünf Jahre lang das zentrale Forum der das Internet benutzenden Hacks-Nachwelt. Indem sie das Hacks-Publikum mit sich selbst beeindruckte, schuf sie es zugleich.
Das Ziel ist erreicht.
Man muss den Leuten Hacks nicht mehr aufschwatzen: Es gibt jetzt ein zunehmend kundiges Hacks-Publikum, es gibt viele aktive Hacks-Institutionen, es gibt Medienaufmerksamkeit, es gibt Wissenschaft. Wir müssen folglich nicht mehr einen Boden schaffen, auf dem man arbeiten kann, diesen Boden gibt es, man muss nun auf ihm stehen und vorangehen.
Der Anspruch, täglich über alle Aktivitäten in der Hacks-Nachwelt zu berichten, ist obsolet geworden. Nicht mehr die Quantität der Aktivitäten zum Dichter ist das zentrale Argument, sondern deren Qualität.
Die Phase der Popularisierung von Hacks ist abgeschlossen.