Leicht puffig

Es ist mal wieder Hacks-Renaissance. - Soeben geben zwei Gruppen in der Hacks-Nachwelt Laut, die lang vermissten Hacks-Feinde, die man schon still dem Suff verfallen wähnte ob des nicht nachlassenden öffentlichen Interesses an Hacks, und die Abgehängten unter den Hacks-Freunden, die bei der immer deutlicher werdenden Beschleunigung und Intensivierung der Hacks-Rezeption nicht mehr mithalten können und darum jede andere Weise suchen, sich interessant zu machen.

Beide Gruppen greifen putzigerweise heuer zum selben Genre, der Homestory. Und so durchleiden wir gleich eine Flut von Porträts ausgerechnet der Hacksschen Wohnumgebung.

Kann man Matthias Dell noch unbedingt abnehmen, dass ihn in seinem Beitrag in Der Freitag das Thema des Interieurs des Dichterlebens ehrlich interessiert und dass er da die eine oder andere Antwort auf relevante Fragen vermutet, so ist, was entsteht, eben doch das, was man einen ersten frühen Höhepunkt des Hacks-Boulevards nennen muss. Dass der kam, war unvermeidlich, was daraus aber werden muss, liegt auf der Hand.

Denn wo Matthias Dell redlich ist, da ist es Alexander Cammann nicht. Seine Räuberpistole, er habe als erster Hacks’ Sommersitz, die Fenne, besucht, endlos lang ausgebreitet in DIE ZEIT vom 19.8., zielt auf nichts als auf Beckmesserei in treudeutschem Ton:

Edles und Tinnef finden sich nebeneinander, in leicht angestaubter Gemütlichkeit. Unter zwei geschnitzten Engeln schlief Frau Wiede; ihr Gatte hingegen in seinem Gemach unter einem riesigen Orpheus-Bild, umgeben von nackten Fin-de-Siècle-Schönheiten, und einem goldenen Miniatur-Napoleon auf dem Nachttisch - als Hüter des träumenden Dichters, der Bonaparte verehrte. Im gedrechselten Holzbett möchten wir uns sofort verlustieren, zumal im Gästezimmer ein Gips-Goethe wacht und wir eben einen Hegelkopf mit unserer Hüfte gestreift haben. So taumeln wir im Halbdunkel durch die überladenen Räume. Angst vor Kitsch hatte der sozialistische Klassizist Hacks nicht, auch nicht vor dem Prunk des bürgerlichen Zeitalters.

Was das soll? Schon laufen die ersten Berichte gestandener Hacks-Forscher ein, die von arrivierten Akademiker-Kollegen aufgrund des Cammannschen ZEITgeist-Artikels angesprochen werden: »Und für so einen interessierst du dich?« - Genau das ist das beabsichtigte Resultat des Aufrufs zur Solidarität der ZEITgenossen gegen Hacks, und ist da wer, der zweifelt, dass und wie bei weniger Selbstbewussten solche Fragen wirken?

Immerhin, Cammann ist in seiner Aggression gegen Hacks relativ offen. Mancher wählt sublimere Wege:

Wiglaf Droste schraubt den Ton seiner Hacks-Evokation in solche Höhen, dass man zunächst an eine Parodie glauben will. Erst beim zweiten Lesen erweist sich die Eloge als das, was sie ist, - das Gründungsmanifest der Hacks-Schickeria:

Sakral oder heiligtuerisch ging es dennoch nicht zu in der Schönhauser Allee; Gustav Mahlers Diktum, daß Tradition die Weitergabe des Feuers ist, nicht die Anbetung der Asche, war für Hacks wohl so selbstverständlich, daß ich es aus seinem Mund nie hörte. [...] In den Räumen, in die Peter Hacks mich einlud, konnte man klar denken, direkt, feinstofflich, offen, subtil, kontrovers oder an Gemeinsamkeit der Zustimmung wie Ablehnung sich freuend.

Halten wir dem eine nüchterne Erkenntnis entgegen: An Peter Hacks ist weiß Gott kein Innenarchitekt verlorengegangen. Oder, wie André Müller senior es treffend in seinen »Gesprächen mit Hacks« notierte (S. 7):

Hacks hat eine neue Wohnung und kein Geld mehr. Die Wohnung in der Schönhauser Allee 129 ist groß, geräumig, ist mit alten Möbeln eingerichtet und wirkt auf mich sehr bürgerlich, genauer: leicht puffig. Hacks hat einen wirklichen Sinn für Dekadenz.

Rechtzeitig zum siebten Todestag des Dichters gibt es nun also auch eine Hacks-Dekadenz. Man erkennt sie daran, dass sie sich in der Wohnung des Dichters sicherer bewegt als in seinem Werk.

2 Responses to “Leicht puffig”


  1. Andre Thiele 1 ATh

    Der ganze Textbeitrag im Freitag ist nun im Internet verfügbar: http://www.freitag.de/alltag/1034-gespraech-ueber-das-haus-hacks (Dank an Matthias Dell für den Hinweis!)

  2. Andre Thiele 2 ATh

    Auch die ZEIT hat sich entschlossen, den Beitrag zu Hacks online zu stellen:

    http://www.zeit.de/2010/34/Peter-Hacks

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