Lang lebe die CIA!

Wir erhielten heute den folgenden Beitrag, den wir mit freundlicher Erlaubnis des Autors hier wiedergeben:

Hendrik Weber
Mit besten Grüßen aus Langley
Erinnerungen zum Todestag von Peter Hacks

Vor einiger Zeit hatte ich das große Vergnügen Jana kennenzulernen. Sie verbüßt eine Haftstrafe und wird demnächst entlassen. Wir arbeiten daran, ihre Geschichte in lesbare Form zu bringen. Ich bin sicher, Sie werden von ihr hören.
Jana ist 26 Jahre jung und nicht nur über Durchschnitt intelligent, sondern auf eine Weise klug, die es mir ermöglicht, sie als Repräsentantin ihrer Generation zu sehen.
Auf Jana zu treffen war ein Ereignis, angesichts dessen ich mir in mein Gedächtnis rufen musste, was mich bewegt hat, in den 90er Jahren, als ich, grob gesagt, ihres Alters war.

Bis ca. Mitte dreißig hatte ich das Glück hin und wieder auf Bücher zeitgenössischer Autoren zu stoßen, deren Lektüre über bloße Schulung des Intellektes oder gute, zeitvergessene Unterhaltung resp. gediegenen Genuss hinaus ging. Lektüre, die vielmehr Erlebnissen gleichkommt, die ganze Lebensphasen prägen können.
In den Achtzigern waren das Bücher von Günther Anders. Später, mal abgesehen von dem, dessen Verfasser ich nicht namentlich erwähnen mag, solche von Arno Schmidt, William Gaddis und Saul Bellow.
Als ich in Janas Alter war, lieferten Die Maßgaben der Kunst von Peter Hacks diesen Stoff.

Es würde nichts zur Sache tun, wenn ich in diesem Schrieb näher darauf einginge, was Herrn Hacks und zurecht und beispielsweise auf youtube nachgeworfen wird. Darum erwähne ich es lediglich.
Dass er, nämlich, in formvollendetem Deutsch zu schreiben gewusst, als Goethe der DDR gegolten, Erfinder einer sozialistischen Klassik gewesen, zeitlos schöne Dramen in großer Anzahl geschrieben, als Lyriker großes geleistet und sein Werk, das aus verschiedenen, bekannten Gründen in Vergessenheit geraten, einer Goldmine gleiche.
Auf Letzteres weist Frank Schirrmacher hin, verbunden mit dem Plädoyer, sich an dieses Gold zu halten bzw. es zu entdecken und den mitunter verrückten Hacks, den, der als ohnmächtiger Verlierer der Geschichte nach ‘89 zum Vorschein gekommen sei, weniger zu beachten. (Das will ich mir gerne merken, um ggf. irgendwann einmal als geschickter Minenarbeiter vorstellig zu werden.) Die Maßgaben der Kunst, als dickleibige Essaysammlung, dank derer, so Hermann Gremlitza, die Deutschen nach Heine noch heute Besitzer einer ästhetischen Theorie seien, können zwischen diesen literarischen Goldschätzen und den verschwörungstheoriegesättigten Schriften des späten Hacks angesidelt werden.
Lese man Hacks, sagt Schirrmacher, könne man die Größe, Widersprüchlichkeit, vielleicht auch Unüberbietbarkeit der deutschen Klassik spüren. Zutreffend!
Berücksichtigt man darüberhinaus den zeitgeschichtlichen Kontext, ist allerdings noch mehr zu merken.

In den Neunzigern war ich ein parteiisches Resultat des Kalten Krieges. Das lag vor allem daran, dass einer, als politisch einigermaßen aufmerksamer und sensibler Heranwachsender, in einem Westdeutschland, in dem die mangelhafte Verarbeitung des Nationalsozialismus vielfach gegenwärtig war, antifaschistisch fühlen musste und in Folge dessen, als des Denkens fähiges Subjekt, im linken Lager stand.
Die gefühlte Nähe zur DDR war in diesem Kontext bis 1989 und darüber hinaus keineswegs besonders unlogisch oder falsch, im Gegenteil – und alle, die ehrlich und differenziert hinzusehen in der Lage sind, könnten das nachvollziehen, würden sie sich entsprechend mühen …
Sinn hat die DDR schon allein deswegen gemacht, weil die Betonung der Wortbildung Realsozialismus auf real lag.
Die exemplarische Reduktion auf ein totalpolitisches Entweder- Oder (Mensch oder Schwein) lieferte nicht nur den wichtigsten psychologischen Dreh, um mit allen möglichen Geschehnissen und Zuständen linker Vergangenheit und Gegenwart gefühlsmäßig im Reinen zu sein, sondern machte alle zu automatischen Teilnehmern im Großen Spiel um die Weltherrschaft, in dem es im zwanzigsten Jahrhundert nur zwei Parteien gab.
Der nationalsozialistische Extremismus, in seiner unvergleichlichen Verdrehtheit, hatte Deutschland zu einem besonderen Feld auf dem Spielplan der zweigeteilten Welt gemacht.
Der beste Grund pro DDR war die Tatsache ihrer bloßen Existenz als Ergebniss des Zweiten Weltkrieges. Das deutsche Monster schien unwiderruflich in zwei Stücke zerhackt.
Weitere Gründe leiteten sich für alle jene daraus ab, die, warum und wie auch immer, in das Große Spiel verwickelt waren, in dem die DDR als gleichwie strategische Figur agierte.
Ich war verwickelt.
Warum?
Weil ich eifrig und gerne gelesen habe.
Und wie?
In Gedanken, es war ein Gedankenspiel.
Würde ich ungefähr hundert Jahre früher gelebt haben, hätte ich tauglich Figur in einem Roman von Dostojevskij machen können.
Sahra Wagenknecht hat irgendwo irgendwann sinngemäß geschrieben, die DDR sei allein darum schon gerechtfertigt, da sie den Hacks resp. dessen Werk ermöglicht habe.
Interessant, nicht erstaunlich, ist, dass sie vom Standpunkt der Kunst her mit dieser Behauptung recht haben könnte, da von diesem Standpunkt aus die Kunst, als Maßstab aller Dinge, in einer ihrer klassischen Erscheinungsformen, also auf größtmöglichem Niveau, die Verhältnisse, denen sie entspringen kann, selbstverständlich rechtfertigt.
Der Sozialismus, sagt Hacks, ist nun einmal eine wissenschaftliche und bewusst eingesetzte Willensentscheidung und die kann man zurücknehmen.
Eine kurze Erzählung dazu geht wie folgt:
Es war einmal ein großer Karl, der begründete eine Wissenschaft, die die Welt verändern sollte, sie musste lediglich in die Tat umgesetzt werden. Man tat sich also zusammen und ging ans Werk. Mit erstaunlichen Wirkungen. Und schließlich Resultaten, die sich sehen lassen konnten. Die Theorie bestätigte sich praktisch selbst und wurde als Marxismus-Leninismus zu einer wissenschaftlichen Wahrheit großen Ranges.
Nun allerdings sollte sich bestätigen, was große Dramatiker immer schon wussten, dass es nämlich noch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als man, so wie so, immer schon dachte.
Nachdem der wissenschaftliche Sozialismus mit Stalin einen in aller Hinsicht beeindruckenden Praktiker hervorgebracht hatte, begann, nach dessen Ableben, der Niedergang.
Während die politisch Verantwortlichen zu willenlosen, oblomowähnlichen Figuren degenerierten, wechselte der bewusste Wille ganz auf die Seite der Kunst. Die ging, solange es noch einen Staat gab, in aristokratischen Gewändern. Dem Träger dieser Kleider blieb, den bewussten Willen in kunstvoll gesetzter Schrift gerinnen zu lassen. So weit, so schön.
Dem Niedergang folgte die Auflösung des linken Vaterlandes als völkerrechtliches Subjekt.
Fürderhin würde es im Reich der Poesie fortleben. Von dort, beteuerte der Aristokrat bis zum letzten Atemzug, werde es eines Tages wieder erstehen und zum Wohle aller der Kunst die verlorenen Möglichkeiten zu wahrer Schönheit zurückgeben.
Hacks selbst hat sich, zusammen mit Arno Schmidt, als den deutschen Sprachmeister der zweiten 20. Jahrhunderthälfte bezeichnet, so wie Thomas Mann und Brecht die der ersten gewesen seien (ein jeder jeweils auf seinem Gebiet).
Wie gesagt, es herrschte, wenn auch stark unterkühlt, Krieg; und was Hacks anging, wurde der auf realsozialistischer Seite viel zu lax geführt.
Die Arbeit, die Hacks in diesem Kontext in den Maßgaben der Kunst leistet (und so brillant, dass die deutsche Klassik bei Hernn Schirrmacher durch die Tür den Raum betritt), besteht vor allem darin, literarische Schätze auf die richtige, linke, Seite zu bringen.
Darin sind sich die zwei Größten gleich, im Auffinden und Prägen literarischen Goldes.
Dass sie sich wesentlich unterscheiden könnte man, marxistisch betrachtet, mit den verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen erklären, in denen sie produzierten: Hacks, im Sozialismus, tut diese Arbeit, um sich selbst und damit die gesamte, kommunistische Linke zu erheben, Schmidt, im perspektivlosen Monopolkapitalismus, tut diese Arbeit, um ausschließlich sich selbst zu erheben.
Die oben angeführte exemplarische Reduktion auf ein totalpolitisches Entweder-Oder (Sozialismus oder Barbarei) würde in Bezug auf die Maßgaben „Klassik“ vs. „Romantik“ heißen.
Die Maßgaben sind, so ihr Autor, wie eine einzige Verteidigung Goethes. Bemerkenswert bleibt in diesem Zusammenhang, dass Goethe bei Hacks aber immer auch ein Synonym für Hacks und die Verteidigung Goethes gegen „die Romantik“ so auch eine Verteidigung in eigener Sache ist. Und die war, wie gesagt, bis ‘89ff nicht falsch.
Die Apologie Stalins, für die der Name Hacks ebenfalls steht, war Teil des Großen Spiels. In dieser Hinsicht war der riesenhafte Dramatiker der Sache nach konsequent. Und der Blick vom Mont Hacks (im Kontext die Mille Plateaus von Guatari&Deleuze), schrecklich und schön zugleich.
In dem Essay Mehrlei Langeweile macht Hacks, ganz wunderbar zu lesen, Jan Phillip Reemtsma nieder, weil dieser in einem Buch über Wieland sinngemäß ausgeführt hatte, man werde nicht mit Blindheit geschlagen, sehe man von Goethe ab und stattdessen mehr auf Wieland.
Wieland meint in diesem Zusammenhang Arno Schmidt, Goethe Hacks…
Mehrlei Langeweile fällt in den Maßgaben unter die Rubrik Freudlose Wissenschaft. Und wahrlich, freudlos ist sie, diese Wissenschaft, in jeder Hinsicht. Dass sie aber nicht länger perspektivisch, sondern nur noch als literarischer Schatz aus vergangenen Tagen Freude zu machen weiß, liegt daran, dass „der Fortschritt“ aufgehört hat fortzuschreiten und sich nach Nordkorea zurückgezogen hat.
Schon allein aus diesem Grunde ist Reemtsmas Paradigmenwechsel von Goethe zu Wieland nichts weniger als logisch und voll Freud.
Als Hacks Mehrlei Langeweile 1994 veröffentlichte war das Große Spiel vermutlich rein theoretisch noch nicht verloren. Inzwischen stellt sich die Frage nach einem Paradigmenwechsel längst nicht mehr. Aus heutiger Sicht – und Geschichte ist immer ein Konstrukt gegenwärtiger Hirnaktivität, spricht alles für Arno Schmidt. In einem nämlich hat Hacks recht: Die deutsche Kunst, die gemäß seiner dialektischen Zuspitzung der Kategorie „Romantik“ zuzuordnen wäre, ist ästhetisch eine einzige, schlimme und ziemlich unerträgliche Katastrophe!
Lediglich Arno Schmidt, der, obgleich zweifelsohne ein Romantiker, nicht in diese Kategorie gehört, weil er sich zwischen den Lagern behauptet hat, kann Hacks den Rang streitig machen.
Bis zum Beginn des neuen Jahrtausends hat der vermutlich letzte bedeutende deutsche Theaterautor betont, dass zivilisierte Verhältnisse rasch wieder hergestellt werden könnten. Das schien mir im ersten Moment weniger absurd, als es aus heutiger Sicht erscheinen mag. Vielleicht lag es am Wunsch nach einem wirklich großen Gegner, da mir längst klar war, dass die schnelle Wiederherstellung zivilisierter Verhältnisse alles andere als wünschenswert sein würde.
Wir alle, meint Jeremy Rifkins, seien unterwegs nach Amerika. Ich selbst bin dort, nach einem Umweg über fernliegende Gebirgsketten, unwiderruflich angekommen.
Der späte Hacks kann vor diesem Hintergrund mit einem Backgammonspieler verglichen werden, der, obwohl sein Gegner schon so gut wie alle Steine aus dem Spiel gewürfelt hat, maximal verdoppelt, derweil seine eigenen Steine alle noch drin sind.
Was aber hat Jana mit all dem zu tun? Gar nichts!

Wäre sie 30 Jahre früher geboren, hätte sie wahrscheinlich konkret gelesen. Da sie wachen Verstandes ist und über ein feines Gehör verfügt, würde sie der Realität des realen Sozialismus’ sicherlich nicht entgangen sein … Weiß sie aber weniger, weil sie von konkret noch nie etwas gehört hat?
Nein, denn sie kennt z.B. Leonard Cohens Closing Time und schätzt, wenn sie schon den Arno nicht kennt, einen anderen Schmidt, den Harald, der am 10.6.2010 auf einer Veranstaltung in Tübingen bemerkte, die Volksverdummung sei ein wichtiger Bestandteil der europäischen Stabilität.
(Früher, als die Deutschen noch den Wallenstein vor- und rückwärts rezitieren lernten, hätten sie ständig die Nachbarn überfallen. Wenn er, Schmidt, nun heute die Menge beim Public Viewing feiern sehe, bliebe bloß zu sagen, dass man eben nicht alles haben könne: Entweder Russland oder die Fanmeilen …) Ich will sagen, der vergangene deutsche Bockmist, egal, ob es sich um ästhetische Katastrophen oder latent stalinistische Theorie des Schönen handelt, spielt keine Rolle mehr, da die in der Summe segensreiche Amerikanisierung unsere Kultur gründlich ausgemistet hat. Selbst die Ramones haben das vor über 30 Jahren bereits gewusst: It’s A Long Way Back To Germany
Hacks 2003:
Und selbst, wenn man Karl von England oder Ludwig von Frankreich guillotiniert, weiß das Volk, jetzt kommt irgend etwas Neues, aber dann brauchen wir wieder einen König.
(Wieso eigentlich keine Königin?)
A. Schmidt 1973:
GOETHE - und seine Hand spendet eben immer noch Segen! - hat einmal, und vermutlich völlig bewußt, empfohlen, der Dichter solle mit dem König gehen. Eine Diskussion darüber erübrigt sich, infolge der Verminderung der Herrscherhäuser seitdem: ›Es hat mich sehr gefreut; es war sehr schön.‹

Genau. Und vielleicht ist, folgen wir Schirrmacher und entdecken alle den Hacks, ja nicht nur der deutschen Klassik im gegenwärtigen Kulturbetrieb gedient, sondern auch dem Niveau der Diskussion über zurückliegende Zeiten, als Deutschland und die Welt zweigeteilt waren und noch nicht feststand, dass das Licht am Ende des Tunnels nur die entgegenkommende Lokomotive anzeigt.
Bis dahin aber, mit Blick auf den späten Hacks und die frühe Jana, ein Prosit auf das, was bleibt: Lang lebe die CIA!

0 Responses to “Lang lebe die CIA!”


  1. No Comments

Leave a Reply

You must login to post a comment.