Ralf Meyer, seines Zeichens Chefdramaturg am Schauspiel der Stadt Halle, hat an die Redaktion des ARGOS folgenden Leserbrief geschickt:
Der hervorragende Verleger und Essayist André Thiele vertritt in der F.A.Z. vom 12. Juni 2010 die These, Peter Hacks habe die Grundfeste seiner Ästhetik bereits als junger Mann in seiner Münchner Zeit beisammen gehabt. Anlaß für diese Überlegung bietet Thiele ein wieder aufgefundenes Manuskript von 41 Gedichten des jungen Hacks. Nun müßte man, die Richtigkeit dieser Annahme zu belegen, Hacks´ Position erklären, was dem Rahmen eines Zeitungsartikels nicht entspricht. Thiele könnte das, die Zeitung will es nicht. Thiele widerfährt ein Fehler: Er interpretiert die frühen Schriften vom Ende her. Der Hacks-Kenner Thiele findet in den frühen Gedichten, was er aus Hacks´ fünfzehnbändigen „Werken“ weiß!
Herr Thiele betont die Unabhängigkeit des Genies von Zeitläufen. Dabei hat Hacks ausführlich über die Unabhängigkeit der Genies von ihren Zeiten geschrieben und – Shakespeare, Voltaire, Goethe und sich selbst betreffend – stets auf die Abhängigkeit der Genies von ihrer Zeit hingewiesen: Eine für die Klassik bestimmende Bedingung, den Absolutismus, fand Hacks unter Ulbricht und – für den Dichter mehr als eine Frage des Anstands – in der Erinnerung an ihn. Hacks´ Meisterschaft wird in seinen frühen Gedichten nicht deutlicher ansichtig als der Kommunismus in der Französischen Revolution. Jeder Versuch, die DDR aus seinem Werk herauszuoperieren, verfolgt im besten Fall, dem Dichter eine breitere Leserschaft zu gewinnen, aber entspricht nicht den Fakten. Kein Mißverständnis: Die frühen Gedichte sind besser als das Meiste, was aus München zu uns gelangt ist. Verglichen mit Hacks´ späteren Werken versteht man dennoch den Grund, warum sie in der Ausgabe letzter Hand unberücksichtigt blieben.
Ralf Meyer, Halle
Wir werden versuchen, Herrn Thiele zu einer Stellungnahme zu bewegen.




Sehr geehrter Herr Meyer,
Ihnen meinen herzlichen Dank für Ihr sehr freundliches Schreiben, das mir gute Gelegenheit gibt, einige Missverständnisse auszuräumen. Erlauben Sie mir bitte, dass ich das in Stichpunkten tue, andere Pflichten rufen.
(1) Wir können alle Hacks nicht anders lesen, als durch sein Werk hindurch und also vom Ergebnis her. Eine Naivität in Sachen Hacks gibt es für uns nicht. Eine Analyse des Frühwerkes, die mit den Worten beginnt “Wir haben vor uns die Verse eines talentierten jungen Mannes, von dessen weiterem Fortgang wir nichts wissen” wäre lächerlich.
(2) Kein Streit in der Frage des Ranges: Die Frühwerke sind (fast) alle zu Recht nicht in die Werkausgabe aufgenommen worden.
(3) Jedes Genie ist von seiner Zeit unabhängig. Abhängigkeit bedeutet, dass die eine Sache ohne die andere Sache vergeht. Die Zeiten der Genies vergehen, die Werke der Genies aber nicht.
(4) So sehr jedes Genie aus seiner Zeit ist, so sehr ist jedes Genie über seiner Zeit. Ich bestreite nicht, dass das Genie in und aus einer Zeit ist und dass es ohne diese Zeit nicht so wäre, wie wir es konkret kennen. Aber die richtige Erkenntnis, dass es kein “reines Genie” gibt, das über den Verhältnissen schwebt, hat zu der Irrsinnsidee geführt, dass es die Zeit sei, die die Werke macht. Auf meiner Goethe-Ausgabe steht immer noch “Goethes Werke”, nicht “Werke der Jahre 1749-1832″.
(5) Dass Hacks eine Sache so und nicht anders sieht, bedeutet nicht, dass wir diese Sache so und nicht anders sehen sollen. Im Gegensatz zu dem, was Hacks ganz gerne mal daherredet, sind die Dinge nicht deswegen wahr, weil Peter Hacks sie sagt, sondern sie sind wahr, weil und wenn sie zutreffen. Denken lernen, das kann man bei Hacks, aber man soll nicht lernen, was Hacks gedacht hat, es sei denn, man hat es sich gedacht, und dann braucht man es nicht mehr zu lernen. Hacks liegt öfter richtig als viele andere, aber er liegt auch sehr oft sehr daneben. Apologetik ist fast immer eine Unterform der Dummheit, sie ist die schlimmste, weil informierte Dummheit.
(6) Peter Hacks kann weder vom Marxismus noch von der DDR getrennt verstanden werden. Ich habe keine andere Position vertreten und werde keine andere vertreten. So sehr allerdings Hacks weder vom Marxismus noch von der DDR getrennt verstanden werden kann, so wenig geht er im Marxismus und in der DDR auf. Man kann mir den berechtigten Vorwurf machen kann, dass ich das, was hier nicht aufgeht, überbetont habe.
(7) Mich interessieren nicht breitere Leserschaften für den Dichter, sondern bessere. Der Sekte aber, da haben Sie recht, die Hacks als den Chronisten der DDR und den Ladenschwengel der Errungenschaften der Oktoberrevolution verstehen will, gehöre ich nicht an, ich teile deswegen deren Reinheitswahn in Bezug auf das zur Hacks-Rezeption zugelassene Publikum nicht.
(8) Ist die klassische Lage in der Gesellschaft die Bedingung klassischer Kunst? Hacks sagt, ja. Sie scheinen auch zu sagen, ja. Leben wir in einer klassischen Lage? Nein? Warum hören Sie dann nicht auf, Kunst zu machen, vorausgesetzt, Sie wollen keine romantische Kunst machen? WENN die Lage die kausale Bedingung ist, müssten Sie dann nicht nachhause gehen und sagen, schlaf ich halt bissel länger bis wieder eine klassische Lage ist? Klassische Kunst war in klassischen Lagen wie in unklassischen. Romantik und Klassik sind immer, ganz unabhängig von der Lage.
(9) Die Wahrheit ist, wir wissen sehr wenig darüber, wann und warum unsterbliche Kunst geschaffen wird und warum in ganz vergleichbaren Situationen nur Quatsch entsteht. Die Sowjetunion zum Beispiel, ich sage es nur am Rande, künstlerisch totes Feld. Alles Mist. Selbst Schostakowitsch: Mist. Die Lage macht die Kunst? Na dann.
(9a) Die kleine DDR hingegen: Mindestens Brecht, wenn der ein DDR-Künstler gewesen sein sollte, Müller, Hacks, Matusche, Berg. Und dann auch noch Tübke. Nun sagen die Schlauberger: Seht, das alles hat uns der Sozialismus bereitet! Ist aber Quatsch, leider, denn ebenso wie sie eine sozialistische Gesellschaft war, war die DDR eine post-imperialistische und post-faschistische Gesellschaft. Soll man nun sagen, den Brecht, den Müller, den Hacks, den Matusche, den Berg und sogar den Tübke hat uns der Imperialismus gemacht, hat uns der Faschismus gemacht? - Bittsie, Herr Meyer, in dieser Hölle wollen Sie gebraten sein?
(10) Um mal einen Schernikau-Witz anzubringen: Wissen Sie, warum so wenig Hacks-Freunde in der Kommunistischen Partei sind? Weil Sie, um in die Kommunistische Partei aufgenommen zu werden, zum nächstgelegenen Kreisbüro gehen und einen Antrag stellen müssen. Und wenn Sie dann sagen “ich will Kommunist werden”, dann fragen die Sie “warum?”, und wenn Sie dann sagen “weil Walter Ulbricht ein größer König und die DDR ein absolutistischer Staat war”, dann nehmen die Sie nicht.
(11) Man kann bei Peter Hacks lernen, aufzuhören, anderen Leuten auf ihren Quatsch reinzufallen, und man erweist sich als gelehriger Schüler, indem man aufhört, dem Peter Hacks auf seinen Quatsch reinzufallen.
(12) Die Frühwerke von Hacks sind in dreierlei Hinsicht wichtig: Sie zeigen uns, wie der Künstler an sich und seinen Texten gearbeitet hat. Sie geben Hinweise auf das, was am Künstler konstant war und was im Laufe der Jahre errungen wurde. Und sie beweisen, dass bei Hacks zentrale gedankliche und ästhetische Positionen, von denen bisher angenommen wurde, dass sie erst spät, ab etwa 1962, entwickelt worden sind, tatsächlich bereits sehr früh vorlagen, wenn auch in einer rohen, simplen, unfertigen Form, aber doch: vorlagen. Außerdem verraten sie uns einiges über den Ehrgeiz und die außerpoetischen Motive von Hacks. Nicht mehr, nicht weniger.
Ich grüße Sie sehr herzlich als Ihr ATh
Die Sowjetunion zum Beispiel, ich sage es nur am Rande, künstlerisch totes Feld. Alles Mist. Selbst Schostakowitsch: Mist.
Hier, Bester, schiessen Sie übers Ziel hinaus. Die Sowjetunion hatte Künstler! Und was für welche! Ich zähle her, wer mir auf Anhieb einfällt: Bulgakow, Babel, Ilf&Petrow, Tendrjakow, die Gebrüder Strugatzki…Chatschaturjan, Prokowjew (so gut!), Schostakowitsch, Usbenski… mit der Malerei und der bildenden Kunst kenne ich mich leider nicht aus. Und Kino, nunja, Kino konnte der ganze Sozialismus nicht. Ich glaube sowieso, dass das ein wichtiger Grund für den Niedergang der Kunst im Kapitalismus war. Die sind alle zum Film gegangen. Nur, dass die Sache sich als Kunstform nach Charli Chaplin erledigt hatte.
Sie sehen: Ich habe aus dem Stehgreif einen ganzen Haufen respektabler Leute hingeschüttet. Dafür müssten sie in einem beliebigen Land des Westens lange schaben. Ich glaube schon, dass was dran ist, an Hacksens Idee, der Sozialismus würde das Hervorbringen guter Kunst begünstigen. Natürlich ist das keine zwingende Folge: Sozialismus und ZACK! geniale Kunst. Aber das Niveau der Eliten hebt sich sich beträchtlich. Und das Niveau der Eliten ist das Sprungbrett der Genies. Sollten Sie einmal zufällig daher schlendern und in Sprunglaune sein, die Genies…
Wenn ich mir Ihre Reihe so durchlese, dann können wir Gogol, Nabokov und Solschenizyn auch noch einfügen.
Ich hatte bisher den Begriff der Bedingung interpretiert als positive, fördernde Bedingung. Wenn Sie nun natürlich jeden, der vom Sozialismus abgewürgt wurde, zur Reihe der Künstler zählen, die der Sozialismus hervorgebracht hat, dann ergeben sich ganz neue Besetzungslisten, das ist wahr.
Schalamow und Angela Rohr nicht vergessen!