Zu Heidi Urbahn de Jauregui

Wir veröffentlichen hier eine persönliche Stellungnahme unseres Verlegers André Thiele zu den Vorwürfen von Heidi Urbahn de Jauregui gegen ihn in der Tageszeitung »junge Welt«:

Das ist so und damit muß man leben

Heidi Urbahn de Jauregui, eine hochgeschätzte Autorin meines Verlages, die mehrfach Beiträge zum bisher von mir herausgegebenen Hacks-Journal ARGOS geleistet hat, zuletzt im sechsten Band, hat heute in der Zeitung junge Welt einen Aufsatz unter dem Titel »Seltsame Freunde. Peter Hacks und der ‘falsche Anhang’« veröffentlicht, in dem sie mich ob meiner Äußerungen zum Werk des Dichters in die Nähe von Nazis rückt.

Heidi Urbahn de Jauregui und ich waren seit etlichen Jahren befreundet, mehrtätigen Besuchen bei ihr in Montpellier folgten Treffen in Berlin und bei ihrer Familie in Heidelberg. Zuletzt sahen wir uns im März in Leipzig, wo sie für den Verlag auf der Buchmesse aus ihrem Buch gelesen und an der Verlagsfeier zum Geburtstag des Dichters teilgenommen hat.

Mir war bekannt und ist nachvollziehbar, dass Heidi Urbahn de Jauregui mit einigen meiner Thesen zu Hacks nicht einverstanden war, wir haben da offen gesprochen und gestritten, mit Schärfe und Respekt und viel Ironie, schriftlich und, zuletzt in Leipzig, mündlich, sie hat über lange Zeit an der Entwicklung meiner Positionen kritisch teilgenommen. Noch am 16.6., nachdem ich ihr meinen neuesten F.A.Z.-Artikel zu Hacks geschickt hatte, und wieder am 21.6. schrieb sie mir, beidemale schloss sie mit dem Gruß »Amicalement«.

Neun Tage später ohne irgendeinen Zwischenschritt erfahren zu müssen, dass ein vertrauter Mensch einem per Zeitungsartikel die Freundschaft gekündigt hat, nachdem er diese wenige Tage vordem noch ohne Not betonte, ist eine bittere Sache. Wenn man aber entschädigt wird durch einen substantiellen Streit, einen Inhalt, dann mag man wenigstens mit dem Gefühl davongehen, es sei etwas Relevantes passiert.  - Die Frage ist, ob Heidi Urbahn de Jaureguis Text in »junge Welt« substantielle Argumente enthält. Dies ist der Eingangssatz:

Am 12. Juni erschien in der FAZ ein Text über Peter Hacks, zu dessen Autor, bzw. zu dessen Gleichgesinnten sich der Dichter bereits im Jahre 1975 geäußert hatte.

Hacks soll sich also im Jahr 1975 bereits zu mir und  meinen »Gleichgesinnten« geäußert haben - 35 Jahre vor der Zeit, das ist sicherlich beeindruckend. Was hat Hacks nun also vor 35 Jahren zu mir und meinen »Gleichgesinnten« gesagt? - Nachdem Heidi Urbahn de Jauregui sich einigen Passagen meines Artikels gewidmet hat, worauf noch einzugehen sein wird, erklärt sie, welche Äußerung des Dichters von 1975 sie meint und zitiert Hacks:

»Und das zur Frage des falschen Anhangs. Es tut mir leid, wenn man über Kunst vernünftig redet, kriegt man auch manchmal Beifall von den Nazis. [...] Das ist so und damit muß man leben, und solange man ihn brauchen kann, ohne daß er einen gefährdet, muß man ihn sich sogar gefallen lassen.«

Die ganze Passage ist hochproblematisch. Mit dem Inhalt hält sich Heidi Urbahn de Jauregui aber nicht lange auf. Ihr kommt es einzig darauf an, per Hacks-Zitat zu insinuieren, dass jeder Beifall, der Hacks von nicht-kommunistischer Seite gezollt wird, der ihm von mir und  meinen »Gleichgesinnten« gezollt wird, identisch ist mit dem Beifall von Nazis. - Welche Gründe trägt Heidi Urbahn de Jauregui vor, um ihre Unterstellung, meine Beschäftigung mit Hacks’ Werk sei dem Beifall von Nazis zu vergleichen, zu untermauern?

Das erste Argument lautet wie folgt:

In der FAZ steht z.B. zu der vom Dichter ausdrücklich autorisierten Gesamtausgabe bei Eulenspiegel: »…doch wußte man, daß dies vor allem eine Selbststilisierung war – sind doch unbedeutende Arbeiten der letzten Schaffensperiode fast ausnahmslos aufgenommen, wertvolle Produkte der Zeit vor dem Gang in die DDR 1955 aber nahezu vollständig ausgeschlossen worden.«

Dies ist, was in der F.A.Z. steht:

Die Auseinandersetzung mit dem Werk des Dichters Peter Hacks (1928-2003) gewinnt zusehends qualitativ wie quantitativ an Substanz. Zwar hatte der Autor von »Ein Gespräch im Hause Stein« 2003, im Jahr seines Todes, eine Werkausgabe letzter Hand vorgelegt und deren Bestand ausdrücklich kanonisiert, aber Kenner wussten, dass dies eine Selbststilisierung war, sind doch unbedeutende Arbeiten der letzten Schaffensphase fast ausnahmslos aufgenommen, wertvolle Produkte der Zeit vor dem Gang in die DDR 1955 aber nahezu vollständig ausgeschlossen worden.

Es wird deutlich, dass sich mein Wort von der »Selbststilisierung« auf Hacks’ Kanonisierung der Werkausgabe bezieht, nicht auf die Werkausgabe selbst; also auf die Hacks zugeschriebene Behauptung, für eine wissenschaftlich solide Auseinandersetzung mit Hacks’ Werk sei nur das maßgeblich, was in der Werkausgabe stehe, und nichts sonst. Meine (im Grunde selbstverständliche) Position in diesem Fall ist, dass Hacks’ Kanonisierung vom Standpunkt der systematischen Auseinandersetzung mit dem Werk des Dichters für die wissenschaftliche Auseinandersetzung wenig bedeutsam ist, weil etliche für das Verständnis des Werks zentrale Texte nicht in die Werkausgabe aufgenommen worden sind, so z.B. der auch von Heidi Urbahn de Jauregui genutzte Hacks-Aufsatz zu Thomas Mann von 1949, wohingegen Texte, die kaum begrifflichen Wert haben, wie etwa die Hacks-Epistel »An meine Kollegen«, ein Werbebrief für ein Schernikau-Buch, sich sehr wohl in der Werkausgabe finden. Die Werkausgabe letzter Hand kann für die Hacks-Forschung nicht die »kanonische« Ausgabe sein, wenn auch Hacks’ Entscheidungen über den Rang seiner Werke bei deren Interpretation selbstverständlich eine Rolle spielen müssen. - So weit, so banal. Woran also stört sich Heidi Urbahn de Jauregui so sehr, dass sie verfälschend zitieren muss, ohne zu einem relevanten Ergebnis zu kommen? Vielleicht liefert der Folgesatz Aufklärung:

Die 35 Jahre, die der Dichter bis zum Ende des Landes in der DDR zubrachte, und in die er ausdrücklich die Zeit seiner »Mannesjahre« sowie seine größten Werke legte, werden in dem FAZ-Text als »Umweg« bezeichnet.

Die 35 Lebensjahre von Peter Hacks in der DDR als Umweg; starker Tobak, ohne Frage. Bleibt allerdings die Tatsache, dass diese Wiedergabe meiner Gedanken schlichtweg falsch ist. Nicht die 35 Jahre DDR habe ich als Umweg bezeichnet, sondern diejenige Phase bei Hacks, die als Brechtphase bekannt ist, die schon in Westdeutschland begann und spätestens Mitte der sechziger Jahre endete. - Heidi Urbahn de Jauregui war einmal Professorin für Literaturwissenschaft; einen so schlamperten Umgang mit den Texten anderer würde man einer Studentin im ersten Semester nicht durchgehen lassen. Rechnet sie wirklich damit, dass keiner nachliest, und dass keiner, der nachliest, mitdenkt?

In der F.A.Z. vertrete ich folgende Position: Hacks’ geistige Entwicklung beginnt bei Goethe, und zwar früher und fundierter, als bisher bekannt war; sein Goethe-Verständnis als Achtzehn-/Neunzehnjähriger ist einerseits noch unfertig, andererseits enthält es bereits zentrale Elemente einer Position, die später »sozialistische Klassik« genannt werden sollte und die, der bisherigen Theorie zufolge, überhaupt erst etwa Mitte der sechziger Jahre schrittweise entwickelt werden würde. Aufgrund der neuesten Forschungen von Gunther Nickel stellt sich die Lage so dar, dass Hacks sehr früh einen profunden Ausgang bei Goethe hatte, von dem er sich fortschreitend entfernte, indem er sich Brecht annäherte; im Zuge der Auseinandersetzung ließ Hacks Brecht weiter fortschreitend zurück und näherte sich wiederum seinem Ausgangspunkt, Goethe, an, allerdings auf wesentlich höherem Niveau. Der »Umweg« ist folglich untrennbarer Bestandteil der Entwicklung, ein »Umweg« im hegelschen Sinne. Spätestens mit Beginn der Serie der klassischen Dramen hatte Hacks diese Entwicklung vollzogen; von da ab schrieb er die Bühnenwerke, die wir als die großen Hacks-Dramen ansehen, selbstverständlich sind dies alles Dramen, die in der DDR geschrieben wurden und ohne die DDR nicht so hätten geschrieben werden können.

Was hat Heidi Urbahn de Jauregui, die doch einmal in der Lage war, dialektisch zu denken, an einer solch simplen, dabei ihrer eigenen Weltsicht so nahe kommenden Folgerungskette scheitern lassen?

Vielleicht liefert der folgende Passus besseres:

Die Begründung: Schließlich sei der Dichter schon als Jüngling Goethe-Verehrer gewesen. Und der Verfasser präsentiert uns seine Erkenntnis zum Werk des kommunistischen Dichters, der keine Gelegenheit auszulassen pflegte, sich über Jugendwerke unreifer Dichter im allgemeinen – und über seine eigenen im besonderen – spöttisch zu äußern: »Die These, die DDR sei für die Entwicklung von Peter Hacks die conditio sine qua non gewesen, ist damit hinfällig.« Der gleiche Verfasser ist der Herausgeber von Hacks’ – allzumeist in der späten DDR und vor allem nach der Wende entstandenen– Politischen Schriften, in denen es u.a. heißt: »Schlechterdings nicht denkbar für mich wäre…, daß ich etwas anderes getan hätte, als in die DDR zu gehen. Da fällt mir keine Alternative ein, als tot zu sein.« In der »Editorischen Notiz« zu den Schriften – wohlgemerkt vom Verfasser des FAZ-Textes – steht die Erkenntnis: »Es gibt keine Arbeit dieses Mannes, die nicht politisch ist.«

Was soll das sein, eine Argumentation?

Ich spreche in der F.A.Z. von der Entwicklung Peter Hacks’, also von seinem Werden als Dichter, als Person, und von der Bewegung, die dieses Werden ausmachte, und stelle die These auf, dass für diese Bewegung die DDR keine unwegdenkbare Bedingung war, sondern dass es hier, bezogen also auf die Bewegung, nicht auf die konkrete Ausformung des Werkes, eine Autonomie gab, die sich aus den materiellen und sozialen Bedingungen des Staates DDR nicht ohne weiteres erklären lässt - und die hochgebildete Heidi Urbahn de Jauregui widerlegt diese Position wie? Indem sie ein Zitat von Hacks anführt, in dem gesagt wird, dass Hacks nicht aus Versehen in die DDR gegangen ist.

Und Heidi Urbahn de Jauregui entdeckt, dass Hacks eine Politik hatte, und dass ich als Herausgeber seiner politischen Schriften 1988-2003 verstanden habe, dass er eine hatte. Hatte aber der Dichter mehr als eine Politik, oder erschöpfte er sich in seiner Politik? Ist damit, dass es von diesem Dichter keine Arbeit gibt, die nicht politisch wäre, gesagt, dass es an den Arbeiten dieses Dichters nichts gibt als das Politische? - Wieder: Das ist einfach schlecht argumentiert.

Was führt einen solchen Menschen wie den Herausgeber vieler Hacksiana zu diesem Dichter?

Immerhin, ich bin froh, dass mir noch nicht abgesprochen wird, ein Mensch zu sein, wenn ich auch leider schon nur noch ein »solcher« bin.

Nur die gewitzte Sprache – und nichts von dem, wozu die das Kleid ist?

Wie kann man nur einen solchen Unsinn wie den von der Sprache als dem Kleid des Inhalts vertreten, wenn man einmal Goethe, Hegel, Marx und Hacks gelesen hat?! Hat Heidi Urbahn de Jauregui wirklich noch nie etwas von der Dialektik von Form und Inhalt gehört? Oder unterwirft sie wie vordem ihre Logik dem Willen, in meinen Gedanken und Handlungen Fehler zu finden, wo keine sind, jedenfalls nicht die, die sie eher aufgeregt denn gedanklich zuverlässig dem Publikum per Tageszeitung zur Anzeige bringen will?

(Dass  der Hegelianer Hacks gelegentlich von der Form als der Magd des Inhalts gesprochen hat, weiß ich - wir sind hier jetzt auf der Argumentationsebene von Heidi Urbahn de Jauregui, da gibt es keine Widersprüche in den Äußerungen von Hacks, da gibt es nur einen, den reinen Hacks. Damit muss leben, wer mit der Sorte Argumente leben will, die Heidi Urbahn de Jauregui vorbringt und die »junge Welt« druckt.)

Heidi Urbahn de Jauregui hat einmal der Hacks-Forschung wesentliche Impulse gegeben. Das ist nun schon eine Weile her. Die Dinge beschleunigen sich, neue Forscher treten auf, neue Meinungen, neue Positionen, neuer Streit. Was tun? Sich einmischen, lernen, sich einbringen. Kämpfen.

Will Heidi Urbahn de Jauregui dabei nicht mehr mithalten? Will sie sich in die Nestwärme zurückziehen, die ein »Lager« zu vergeben hat? Will sie die fundierte Auseinandersetzung zugunsten der Stimmungsmache aufgeben, die  rationale Kritik zugunsten eines Zusammengehörigkeitsgefühls?   - Was, wenn nicht Lagerdenken und die Angst vor allem Neuen, soll solche Sätze motivieren?:

Hacks hat das zu Zeiten der Existenz der DDR gesagt. Sein gesamtes Werk und alle seine Äußerungen nach der sogenannten Wende zeigen unzweideutig, daß er sich diesen auf Verleumdungen beruhenden Beifall jetzt nicht mehr gefallen lassen würde, weil die Schadenstiftung unübersehbar ist. Denn die DDR, die er als »mein liebes Vaterland« bezeichnet hat, gibt es nicht mehr. Hacks’ Werk ist Angriffen ausgesetzt, von denen er damals nichts wissen konnte.

Heidi Urbahn de Jauregui weiß, was der 2003 gestorbene Hacks heute tun würde. Unzweideutig. Beifall für Hacks, den Heidi Urbahn de Jauregui nicht genehmigt hat, beruht auf Verleumdungen, und Verleumdungen wie etwa die, dass ich etwas mit Nazis zu tun hätte, darf nur Heidi Urbahn de Jauregui nach Belieben einsetzen.

Da wird im September z.B. das Deutsche Theater, an dem er seine größten Erfolge gefeiert hat, ein Stück von Hacks aufführen. Meine allererste, naive, ja dumme Reaktion war Freude. Doch dann bedachte ich den Titel und den Zeitpunkt: Pünktlich zur Zwanzigjahrfeier der sogenannten Wiedervereinigung wird ein Gegenwartsstück (»Die Sorgen und die Macht«) von Hacks aufgeführt, in dem der eine innersozialistische Produktionskritik anbringt, um diesem Staat damit zu helfen und die neue Politik des von ihm so hoch verehrten Staatsmanns Ulbricht zu unterstützen. Inzwischen hörte ich gar, daß es nicht um ein Stück »von« Hacks gehe, sondern um eine Inszenierung »nach« Hacks. Allein dazu hätte der niemals seine Erlaubnis gegeben, und Schlimmstes ist zu befürchten.

Schlimmstes ist zu befürchten! Sie hörte inzwischen gar! Hacks hätte niemals seine Erlaubnis gegeben! Heidi Urbahn de Jauregui weiß es. Unzweideutig! Es geht um eine Inszenierung »nach« Hacks. Pünktlich zur Zwanzigjahrfeier der sogenannten Wiedervereinigung! Ja fällt denn keinem der Zusammenhang auf?!

Heidi Urbahn de Jauregui rauft sich die Haare und zerreißt sich die Kleider, leider ohne dass dahinter Inhalte zum Vorschein kämen. Sie führt sich auf wie die Hauptrolle einer Boulevardtheaterinszenierung von »Die letzte lebende Hacks-Witwe« - ein Schauerstück »nach« Heiner Müller, in der Regie von Franz Xaver Kroetz.

Mir bleibt nichts als Bedauern ob dieser geistigen Selbstverstümmelung einer Gelehrten, die doch einmal gut gewesen ist, Ärger über den Versuch, eine lebendige Auseinandersetzung zugunsten eines Hacks-Totenkultes zu verhindern, und Trauer über den Verlust einer Freundin.

Wie sagt Hacks? »Das ist so und damit muß man leben«. »junge Welt« wollte, dass ich öffentlich in die Nähe von Nazis gerückt werde, und »junge Welt« hat bekommen, was gewünscht war. Dass sich dabei eine verdiente Frau um ihren Anstand und den Respekt der ernstzunehmenden Hacks-Nachwelt gebracht hat, ist den Medienmenschen von »junge Welt« gleichgültig.

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