Ob es, wie gesagt wurde, die Hacks-Meldung des Jahrzehnts ist, bleibe dahingestellt. Eine Sensation jedenfalls ist es: Das Deutsche Theater in Berlin wird am 4. September 2010 Hacks’ Stück »Die Sorgen und die Macht« zur Aufführung bringen.
Was ist hieran sensationell? Das DT war lange Jahrzehnte die Leitbühne der DDR und ursprünglich Hacks’ Hausbühne. Nach seinem Gang in die DDR im Jahr 1955 arbeitete er zunächst als Dramaturg am Berliner Ensemble, 1960 ging er an das DT. 1958 hatte Hacks das Stück »Die Sorgen und die Macht« geschrieben, von dem mehrere Versionen entstanden, deren endgültige 1962 am DT zur Aufführung kam: Die Inszenierung wurde der Theaterskandal der DDR, die Diskussionen wurden quasi Staatsangelegenheit, das Stück wurde schlussendlich abgesetzt, für viele Beteiligte, so den Intendanten Wolfgang Langhoff, hatten die Vorgänge erhebliche Konsequenzen, Hacks verließ das DT 1963 und arbeitete fortan als freier Autor.
Im soeben erschienenen sechsten Band des Hacks-Journals ARGOS haben wir die Vorgänge mit vier Essays umfassend dokumentiert und diskutiert. Einer unserer Autoren ist Alexander Weigel, der von 1964 bis 2001 Dramaturg am DT war und die Geschehnisse aus der Perspektive des Theaters beschreibt.
Der nun bekannt gewordene Plan des DT, unter Leitung von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel »Die Sorgen und die Macht« zum ersten Mal seit 1963 wieder zur Aufführung zu bringen, ist ein Durchbruch in der Hacks-Rezeption: Erstens öffnet sich damit endlich eine große Bühne einem anderen Hacks-Werk als den hinreichend bekannten »üblichen Verdächtigen«. Zweitens ist die Regie mit Kuttner und Kühnel hochkarätig und originell besetzt. Drittens verspricht der Ankündigungstext eine inhaltliche und nicht bloß eine ästhetisierende oder historisierende Auseinandersetzung:
Im Oktober 1962 hat Peter Hacks’ Stück ‚Die Sorgen und die Macht‘ Premiere im Deutschen Theater. Hacks erzählt darin von ökonomischen und emotionalen Verflechtungen zwischen Mitarbeitern einer Brikett- und einer Glasfabrik, er fragt nach den Verhältnissen von Quantität und Qualität, von Geld und Begehren und von Egoismus und Solidarität. Und er fragt auch, wie es denn mit der Realität des kommunistischen Versprechens in der Gegenwart aussehe.
Viertens anerkennen die Beteiligten, ebenfalls im Ankündigungstext, Peter Hacks als einen »der maßgeblichen Intellektuellen beider deutscher Staaten« und als einen »Dichter und Denker«, welche Formel ja im Deutschen einen besonderen Rang hat. Fünftens wird das Renomée des DT dafür sorgen, dass die Diskussionen um das Stück und seine Aussagen sowie um Hacks insgesamt in Kreise getragen wird, die sich bisher der Erkenntnis, dass Hacks noch immer maßgeblich ist, verschlossen haben.
Wir erlauben uns trotzdem und trotz der frühen Phase zwei Anmerkungen: Hacks, sagt das DT, rage heute schräger in die Zeit hinein denn je; wir aber fragen uns, ob es wirklich der Dichter ist, der schräg steht, oder doch die Zeit. Etwas misstrauisch macht uns, dass das Stück als »nach Peter Hacks« angekündigt ist, was bedeutet, dass sich die Regisseure weitgehende Änderungen am Text vorbehalten. Wir würden uns freuen, wenn die Verantwortlichen den Mut zu möglichst großer Texttreue zeigten. Unserer Erfahrung nach wusste Hacks ziemlich genau, was er tat.
Gleichwohl: Schon die Ankündigung der Inszenierung ist ein Schritt vorwärts. Wir werden die Proben mit Mitteilungen begleiten und von der Premiere sowohl auf der Peter Hacks Seite als auch ausführlich und vertieft im im Oktober erscheinenden siebten Band des Hacks-Journals ARGOS berichten.




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