Nach einiger Verspätung ist die neue Ausgabe des Hacks-Journals ARGOS ab sofort lieferbar. Wir dokumentieren hier das Editorial aus diesem Band:
»Aber der Blitz soll mich zersägen, wenn ich begreife, wie das alles so
schnell mit mir bis hierhin gekommen ist.«1958 begann Peter Hacks mit der Ausarbeitung eines Stücks, das sich mit der Produktion von Waren in der DDR befasst und zu dem Schluss kommt, dass der Sozialismus die Voraussetzungen dafür bietet, einerseits die industrielle Produktivität und dadurch den gesellschaftlichen Wohlstand massiv zu steigern und andererseits die daraus resultierenden politischen, sozialen und privaten Probleme auf hohem Niveau im Sinne von Staat undMenschen zu lösen. »Die Sorgen und die Macht«, aus dem das Eingangszitat stammt, wurde der Theaterskandal der DDR: Die Parteiführung schien nicht hören zu wollen, was ein Dichter aus Westdeutschland ihr zutraute.
Wir dokumentieren die Vorgänge um das Stück in vier Texten. Stefan Wolle stellt eine, teilweise polemische, Einführung in das Thema. Alexander Weigel erzählt aus der Perspektive des Deutschen Theaters in Berlin, an dem die Uraufführung stattfand. Er hat die wichtigsten Dokumente aus den Archiven von SED und DDR-Kulturpolitik herausgesucht und aufbereitet, in Einzelfällen wurden diese orthographisch behutsam korrigiert. Lutz Getzschmann rückt die SED in den Mittelpunkt seiner Betrachtung und stellt die These auf, dass die Probleme der Parteiführung mit dem Stück aus marxistisch-leninistischer Sicht nicht so unbegründet und willkürlich waren, wie es gelegentlich dargestellt wird. Hacks selbst hat später übrigens mit ähnlicher Perspektive auf die Ereignisse zurückgeblickt. Christian Krause beschäftigt sich vertiefend mit dem Paradoxon, dass Künstler der DDR staatstragende Kunst schufen, die im Westen auch als solche wahrgenommen und trotzdem von der SED kritisiert wurde.
Ein neues Forschungsfeld zu Hacks sind dessen frühe Werke aus der Zeit in München bis 1955. Ein erstes Ergebnis ist der Fund eines Konvoluts von 41, zum großen Teil bislang unveröffentlichten Gedichten aus der Zeit vor 1951 durch den Mainzer Literaturwissenschaftler Gunther Nickel, das wir Ihnen mit freundlicher Erlaubnis des Eulenspiegel Verlages in diesem Heft präsentieren können. Die bekannte Hacks-Gelehrte Heidi Urbahn de Jauregui befasst sich in gewohnt tiefgründiger Weise mit der Rolle der Frauen im Werk von Peter Hacks. Wir hatten schon länger gewünscht, diesen Aufsatz im ARGOS zu präsentieren zu können. Jan Decker hat eine stille Liebe zwischen Frankreich und der DDR entdeckt und setzt in einer synthetisierenden Lektüre von Roland Barthes und Peter Hacks mutig Klassik und Postmoderne zueinander in Beziehung.
In zwei Fällen ist von einem produktiven Scheitern zu berichten: Im »Interview« erklärt Felix Bartels, warum das von ihm betreute Projekt einer Hacks-Enzyklopädie nicht in der ursprünglich geplanten Form weitergeführt wird und warum er sich auf die Ausarbeitung des Hacks-Lexikons konzentriert, das im Frühjahr 2011 erscheinen soll. André Thiele hatte für den Bereich »Diskussion« eine Auseinandersetzung mit der Frage des Antisemitismus bei Hacks angekündigt, diesen Beitrag aber zurückgezogen. Das Thema muss seiner Ansicht nach zwei umfangreiche Aufsätze umfassen, einmal den des Verhältnisses von Peter Hacks zum Judentum insgesamt und außerdem den der Frage des Benimms bei Hacks. Mit Ingo Ways Erwiderung auf Daniel Rapoports vielbeachteten Essay in Heft 6 schließen wir die Diskussion darum vorläufig ab.
Mit dem für Oktober angekündigten siebten Heft des ARGOS wird Gunther Nickel die Herausgeberschaft des Journals übernehmen.
Gunther Nickel ist Hacks-Freunden sowohl durch Beiträge im ARGOS als auch durch seine Teilnahme an der ersten wissenschaftlichen Peter Hacks Tagung im November 2008 in Berlin bekannt. Er war 2007 an der Edition der Sämtlichen Schriften von Carl von Ossietzky im Rowohlt Verlag beteiligt und ist als Mitherausgeber der Werkausgabe von Siegfried Jacobsohn in Erscheinung getreten; er ist Lektor des Deutschen Literaturfonds in Darmstadt und lehrt Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz.
Der Gründer und bisherige Herausgeber André Thiele wird sich in Zukunft auf die verlegerische Betreuung des Journals konzentrieren.
ARGOS setzt sich mit dieser Umstrukturierung zum Ziel, sein akademisches Profil zu schärfen, intensiver als bisher Diskussionen anzuregen und eigenständig Themen zu setzen. Neben der rein wissenschaftlichen Arbeit sollen aber auch andere Aspekte der Hacks-Rezeption ausgebaut werden. Eine neu gebildete Redaktion wird Gunther Nickel bei diesem Vorhaben unterstützen: Felix Bartels betreut den Bereich Wissenschaft, Stefan Otto das Berichtswesen, und Martin Engelmann übernimmt die Endredaktion.
Das Berichtswesen wird komplett neu aufgebaut: Der ARGOS will ab Heft 7 systematisch alle Publikationen zu Hacks unabhängig und zuverlässig rezensieren, bedeutende Aufführungen seiner Stücke besprechen und von wichtigen Veranstaltungen zu Hacks berichten. Um die schneller und umfangreicher werdende Hacks-Rezeption zeitnah zu begleiten, hat sich die Redaktion vorgenommen, ab 2011 jährlich drei Hefte des ARGOS erscheinen zu lassen.
Mainz und Berlin, im Mai 2010
Martin Engelmann, Redaktion
André Thiele, HerausgeberP.S. Da der ARGOS seit Heft 5 nicht mehr als Zeitschrift sondern als Buch mit eigener ISBN gefertigt wird, gibt es aus formalen Gründen kein Abonnement mehr. Der Verlag bietet aber eine Paketsubskription, die dem bisherigen Abonnement entspricht: Die kommenden zwei Hefte sind jeweils zusammen für 22 EUR inkl. Porto zu beziehen. Abonnements werden automatisch in Subskriptionsbezug umgewandelt, sofern der bisherige Abonnent dem nicht bis zum 30.9.2010 schriftlich widerspricht. Subskription ist nur direkt über den Verlag, nicht über den Buchhandel möglich.
Das Inhaltsverzeichnis des Bandes finden Sie hier.




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