Der hier wiedergegebene Beitrag wurde verschiedenen linken Organen angeboten. Diese haben den Text abgelehnt. Wir freuen uns, dass der Autor daraufhin uns erlaubt hat, seine Stellungnahme abzudrucken.
Detlef Kannapin
AllsehendSeit Herbst 2007 erscheint im VAT Verlag André Thiele in Mainz ein Periodikum zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks. Es trägt den Titel Argos und verweist damit sowohl auf den Anspruch der Klassik im Werk von Hacks selbst als auch auf die etymologische Grundierung des Begriffs. Argos Panoptes, ein Nachfahre des Zeus, war am ganzen Körper mit Augen ausgestattet, von denen mindestens eines immer wach blieb. Prädestiniert als Wächter der Io, einer Geliebten des Zeus, war Argos somit allsehend – die Überlieferung der Argus-Augen zeugt davon. Er wurde freilich späterhin doch noch überlistet. Die Augen endeten dann als Schmuckwerk im Pfau.
Inwieweit sich die Überlistung des Peter Hacks durch Zeitläufte, Weltgeist, Heiner-Müller-Fronde oder einfach die biologische Grenze dartat, muss hier dahingestellt sein. Fakt aber ist, dass die Zeitschrift in erhellender Manier die intellektuelle Landschaft zumindest en miniature reparieren hilft. Das gilt nicht nur für die spezialisierte Hacks-Philologie, sondern auch für generalisierbare Aussagen zum Lebensumfeld von Hacks und darüber hinaus.
So kommt es, dass im fünften Heft vom November 2009 sich ein Beitrag findet, der zum Verständnis der DDR mehr beiträgt, als es auf den ersten Blick aussieht. Sein Autor Daniel H. Rapoport beschäftigt sich darin vordergründig mit der abwegig-üblichen Frage, wo nun eigentlich der Antisemitismus bei Peter Hacks sitzen würde. Der müsste doch zu finden sein, schon allein deswegen, weil sich Hacks nie „eindeutig positioniert“ hat. Wir können es kurz machen: Rapoport schreibt, es gäbe so Stellen, die könne man Hacks jedoch schenken. Denn sein Buch über Saul Ascher beweist das Gegenteil in einer klassischen Verteidigung des rationalen Denkens gegen Tümelei und Dumpfheit auf der Basis allgemeiner Menschlichkeitsverteidigung. Überdies gäbe es Wichtigeres als den Faschismus, und die dramatische Beschäftigung mit den wild gewordenen Kleinbürgern an der Macht, ob sie nun Hitler, Eichmann oder sonst wie hießen, wäre im Angesicht der gewaltigen Aufgabe, den Kommunismus postrevolutionär vorzubereiten, einfach nur langweilig. Im Übrigen möchte ich hinzufügen, dass Hacks bei Bedarf sicher Marx mit seiner Judenfragenschrift zustimmend kommentiert hätte. Erst die gesamtgesellschaftliche Emanzipation dürfte Juden- wie Fremdenhaß überflüssig machen.
Allerdings geistert in der Diskussion über die Aufarbeitung der Vergangenheit ja immer der Vorwurf herum, die DDR hätte sich der Schuldfrage gegenüber, ja wem? den Juden, dem Judentum, Israel?, ausweichend, wenn nicht ignorant verhalten. Daraus würde folgen, dass die DDR keine besondere Verantwortung für die Vernichtung der europäischen Juden durch das Deutsche Reich übernommen und somit auch den Antisemitismus nicht wirksam bekämpft hätte.
Teil Eins der Annahme ist richtig: Die DDR hat dafür keine besondere Verantwortung übernommen, weil sie den deutschen Faschismus generell verurteilt und ihm die gesellschaftliche Basis entzogen hat. Sie wollte aus der kommunistischen Opferperspektive heraus überhaupt keine Opferhierarchisierung zulassen und hat daher den überlebenden Juden auch keine besondere Opferrolle zugestanden. Sie hat völkische Kategorien abgelehnt und die soziokulturelle Wendung vom Anti- zum Philosemitismus, die Wiesengrund für Westdeutschland beklagte, nicht mitgetragen. Rapoport: Entscheidend bei der Beurteilung ist, daß die DDR seit Jahrhunderten der erste deutsche Staat war, der es ermöglichte, mit gleicher Selbstverständlichkeit Staatsbürger und Jude zu sein.
Teil Zwei der Annahme ist falsch. Antisemitismus in der DDR war kriminalisiert und stand unter Strafe, und zwar mit einer Härte, so Rapoport, die manchen zeitgenössischen Judenschützer beeindrucken müßte. Staatlicherseits gibt es drei Möglichkeiten, sich zum Antisemitismus zu verhalten: a) offene Ausübung, b) Duldung, c) Deckelung. Die Deckelung birgt zwar die Gefahr einer latenten Perpetuierung, schließt aber per defintionem und per nominem die Möglichkeiten a) und b) aus. Die DDR hat sich für Variante c) entschieden, offenbar in der wohlbegründeten Annahme, dass man über Jahrhunderte eingeübte Verhaltens- und Bewußtseinsmuster nicht so ohne Weiteres wegdekretieren kann. Und solange jene im stillen Kämmerlein verbleiben, solange besteht keine öffentliche Gefahr für Leib und Leben. Das ist mithin die wichtigste Aufgabe des Staates. Ihre Vernachlässigung hat vor 1933 erst dazu geführt, dass der deutsche Hofbräuantisemitismus die Straßen und Paläste erobern konnte. Ob die Auseinandersetzung mit der Judenvernichtung in der DDR ausreichend war, um die wesentlichen Elemente des Antisemitismus hinreichend zu bekämpfen, vermag ich nicht abschließend zu sagen. Verordnete oder staatlich sanktionierte Aufklärung scheint aber allemal besser zu sein, als frei flottierenden Selbstheilungskräften zu vertrauen, die, wie Hegel gesagt haben würde, den Fluch der Meinung über vernünftige Urteilskraft stellen und damit auch obskurem Gedankengut gleichberechtigt Tür und Tor öffnen.
Womit sich der Kreis schließt: Auch Peter Hacks fand in der DDR zwar nicht seinen Idealstaat, aber er hatte immerhin einen, der sich als Vernunftstaat verstand und ihm die Möglichkeit bot, mit klassischen Werken an dessen Vervollkommnung mitzuarbeiten. Rapoport interpretiert gleich Hacks die Ulbrichtsche Sozialismusauffassung der späten 1960er Jahre mit dem Begriff des quasistatischen Prozesses, also der beruhigenden, zeitlupenhaft langsam vollzogenen Veränderung der Gesellschaft, in der das Gleichgewicht des Systems erhalten bleibt. Nur hier waren für Hacks Ansätze zu einer postrevolutionären Dramaturgie in Poesie und Theater möglich, in einer Situation, in der Politik ihren ursprünglichen Sinn endlich wiedererhält, damit sich der einzelne Bürger um einige unerfreuliche Dinge nicht mehr zu kümmern brauchte.
Rapoport sieht die positive Haltung von Hacks (und anderen) zur DDR in ihrem Staatshumanismus begründet: Man konnte ertragen, unfrei in vielen Dingen zu sein, wenn man zum Ausgleich frei im Selbstverständnis war. Die Niederhaltung des Antisemitismus war eine dieser „unfreien“ Lösungen, die in ihren Auswirkungen der Gesellschaft den nötigen inneren Frieden brachte – einen Frieden, der heute, wenn überhaupt, nur noch als brüchige, nostalgische Reminiszenz widerscheint.
Letztlich gruppiert sich aller Fortschritt der Zukunft um die Frage: Wie hältst Du’s mit dem Staat? Eine hochwichtige Einsicht bleibt der positive Zugang zur Staatsidee, der, seit langem außer Mode, davon ausgeht, dass ohne staatliche Organisation an eine vernunftbegabte Emanzipation nicht zu denken ist. Man kann das triftig mit Hegel begründen, man kann aber auch mit Fug Hacksens allsehendes Diktum bemühen, das da schlicht lautet: Aber was der Staat nicht regelt, regeln andere. Eine Garantie für die bessere Welt ist die Regelungsinstanz namens Staat nicht, wohl aber ihre conditio sine qua non.
Daniel H. Rapoport: Die reizlose Seite des Humanismus. Widerwillige Untersuchung der Frage, ob Peter Hacks ein Antisemit gewesen sei, in: Argos. Mitteilungen zu Leben, Werk und Nachwelt des Dichters Peter Hacks (1928-2003). Fünftes Heft, November 2009, S.165-197.
Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass wir vor Fertigstellung und Ablehnung des Artikels keinerlei Kenntnis von diesem hatten und dass wir ihn hier unverändert wiedergeben.
Zur Fortführung der Diskussion sei ergänzt, dass Daniel Rapoports Artikel online bei Das Blättchen einzusehen ist, wenn auch stark gekürzt. Im kommenden sechsten Heft des ARGOS wird Ingo Way direkt gegen Rapoports Position argumentieren, während André Thiele eine „Kasuistik“ vorlegt.




Um Weiterungen in der Götterwelt vorzubeugen: Der Name ARGOS für das Hacks-Journal kommt von dem Hund des Odysseus her. Der aber hieß tatsächlich nach dem hundertäugigen Riesen, auf den Detlef Kannapin sich bezieht. Vgl. z.B. http://tiny.cc/xall3