Der Aufwand für deren Ermittlung

Die Informationsmittel IFB ist ein digitales Rezensionsportal für Wissenschaft und Bibliotheken. Dort informieren sich Bibliothekare und Fachbereiche über neue Titel und deren Relevanz. Einer der Hauptrezensenten hat sich von Annette Lose die Peter-Hacks-Vertonungen vorgenommen; leider ist es keine rechte Rezension mit einer soliden Bestimmung der Brauchbarkeit des Werkes, nach einer Übersicht über Inhalt und Einteilung fällt eigentlich nur folgendes Urteil:

Auf die bibliographischen Angaben in den einzelnen Teilen muß hier nicht im Detail eingegangen werden, doch dürfte der Aufwand für deren Ermittlung nicht unerheblich gewesen sein.

In der Sprache unserer amerikanischen Bündnispartner: Damn right. Die Rezension führt drei weitere Vertonungsverzeichnisse auf, von Hölderlin, Schiller und Mörike, und stellt dabei aber zwei Dinge nicht fest: Dass diese von Forschungsgruppen und zudem viele Jahrzehnte, wo nicht mehr als ein Jahrhundert nach dem Tod des Künstlers angefertigt wurden, wohingegen die Hacks-Vertonungen von einer Wissenschaftlerin allein und schon sechs Jahre nach dem Tod Hacks’ vorgelegt wurde.

Dem Rezensent ist die Beschäftigung mit Hacks spürbar unheimlich. Er zitiert aus Killys Literaturlexikon die Meinung, Hacks habe sich nach 1990 mit Elogen auf Stalin isoliert (und nicht etwa mit Elogen auf Stalin auf die Isolation reagiert, in die man ihn verbracht hatte); sagt, dass Hacks „nach dem Ende der DDR [...] keine rechte Konjunktur mehr hat“, was erstens ein verstörendes Argument für oder gegen die wissenschaftliche Beschäftigung mit einem Dichter ist (wann hätte Mörike jemals „Konjunktur“ gehabt?) und zweitens bei Hacks spätestens seit 2008 weder von der wissenschaftlichen noch von der allgemeinen Aufmerksamkeit her stimmt; wundert sich, dass man doch Personalbibliographien „eher [...] bei großen deutschen Autoren der Vergangenheit begegnet“ statt bei einem großen deutschen Autor der noch nicht ganz so vergangenen Vergangenheit; und zitiert aus ARGOS 5 allein die Frage „ob Hacks’ bekanntestes Stück ‚Ein Gespräch im Hause Stein’ im Lichte neuester Forschung überhaupt noch gespielt werden kann“ ohne die ebendort gegebene Antwort mitzuliefern: selbstverständlich ja (und offenbar mit wachsender Begeisterung, was die Frequenz der Stein-Inszenierungen betrifft).

Ein lustiger Fehler versöhnt: Der Rezensent führt den Verleger ein und schreibt, dass André Thiele

von 1967 bis 2003 als freier Adlatus für Peter Hacks (arbeitete)

Thiele hat uns gegenüber bestätigt, dass er sehr gern das Gerücht in der Welt sähe, dass er 36 Jahre lang für Peter Hacks tätig gewesen sei; er fürchtet aber, dass der Schwindel auffliegt, wenn jemand herausfindet, dass er erst 1968 geboren wurde.

2 Responses to “Der Aufwand für deren Ermittlung”


  1. Felix Bartels 1 Felix Bartels

    Die Rezension führt drei weitere Vertonungsverzeichnisse auf, von Hölderlin, Schiller und Mörike, und stellt dabei aber zwei Dinge nicht fest: Dass diese von Forschungsgruppen und zudem viele Jahrzehnte, wo nicht mehr als ein Jahrhundert nach dem Tod des Künstlers angefertigt wurden, wohingegen die Hacks-Vertonungen von einer Wissenschaftlerin allein und schon sechs Jahre nach dem Tod Hacks’ vorgelegt wurde

    Ich zitiere mal einen Satz aus der Rezension: “Der zweite Band in der Schriftenreihe Edition neue Klassik ist eine Spezialbibliographie der Vertonungen lyrischer Werke des Autors, eine Gattung von Personalbibliographien, die sonst eher bei großen deutschen Autoren der Vergangenheit begegnet.”

    Wer über Pflichten eines Rezensenten redet, sollte auch selbst die Pflicht erfüllen, die Rezension gründlich zu lesen.

  2. Andre Thiele 2 ATh

    Philine scheint wütend über des Rezensenten Realismus zu sein. Sie sollte lesen von Rüdiger Bernhardt “Die verkürzte Tradition des Peter Hacks” im eben erschienenen Tagungsband “Gute Leute sind überall gut” (Berlin: Eulenspiegel 2010, S. 105 ff.). Bernhardt hat zwar mit seiner Herleitung einer Hacksschen Staatstheorie unrecht; stimmen aber tut diese nüchterne Einschätzung: “Der Dramatiker Hacks ist auf den Bühnen gegenwärtig nicht präsent.” (107) Die Argumente, vor allem im Kontrast zu Brecht, sind zuverlässig.

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