Hacks irrt in Schanghai

Wir hatten schon Gelegenheit, auf den Blog des verehrten Hacks- und Zigarren-Kenners Rayk Wieland hinzuweisen, auf dem er kunstvoll beklagt, dass er reisen muss. Heute lesen wir auf Geschangheit in Schanghai dies:

die berliner mauer, durchlässig auch sie, vor allem zuletzt, verdankt ihren fall und ihr völliges verschwinden womöglich dem umstand, daß sie zu häßlich war, zu plump, ästhetisch zu unerfreulich. es gab keinen grund, sie länger stehen zu lassen, als sie stand. die mauer war als mauer einfach nicht schön genug, ihr weg durch die stadt verlief alles andere als grazil, und ansonsten wirkte sie immer: banal, bigott, blöd. die berühmten verse von peter hacks, aus dem gedicht „das vaterland“, sie sind nicht mehr als kabarett und, leider, nicht zu halten, nicht zu glauben:

Wer kann die Pyramiden überstrahlen?
Den Kreml, Sanssouci, Versailles, den Tower?
Von allen Schlössern, Burgen, Kathedralen
Der Erdenwunder schönstes war die Mauer.
Mit ihren schmucken Türmen, festen Toren.
Ich glaub, ich hab mein Herz an sie verloren.

eben nicht. gerade nicht. genau nicht. peter hacks irrt. mag sein, er irrt mit absicht, weil er sich hier konsequenterweise irren muß in dem irrtum, sich treu bleiben zu müssen. aber sein ganzes werk, an vielen stellen plausibilität durch schönheit ersetzend, spricht gegen diese strophe (und, nebenbei, gegen das ganze gedicht, das sowieso nur als eine unfreiwillig kuriose parodie auf goethes „marienbader elegie“ zu lesen und zu verstehen sein dürfte …).

Irren mit Absicht: eben das. Was sollte denn die Nachricht, man habe sein Herz an etwas Schönes verloren? Es an etwas Hässliches zu verlieren, das ist eine Botschaft. Alles andere wäre Tüddelkram.

Und: eine schöne Mauer wäre dann doch eine Hecke, oder nicht?

25 Responses to “Hacks irrt in Schanghai”


  1. Schönstens 1 Schönstens

    Wenn man auf der anderen Seite die Zombies wähnt, dann kann so eine spröde Mauer gleich viel charmanter wirken. Unter diesen Umständen jedenfalls verschafft nur die Mauer die Zeit und Muße für ein Loblied.

  2. rayk wieland 2 rayk wieland

    @schönstens
    das ist die ästhetik des kriegskommunsimus, der auch die melodie von mg-salven preist, wenn sie nur in die richtige richtung zielen, wobei sich die richtung gern alle parteitagsnaselang ändert. das ist kabarett. das ist ja nicht mal die verteidigung der mauer als notwendiges übel, wie sie h. müller, v. braun und sogar der frühe biermann noch fertiggebracht haben. sondern die erfindung der schönheit aus dem geist einer - man siehe ruhig auf das ende, man muss sich gar nicht streiten - ubiquitär beschränkten politik.
    @beutler
    von “häßlichem” spricht hacks gerade nicht. zu fürchten ist aber, leider, daß genau das gemeint ist.

  3. Felix Bartels 3 Felix Bartels

    Vielleicht überschätzt man das Vermögen eines Gebrauchsgedichtes wie “Das Vaterland” ein wenig, wenn man aus ihm eine radikale Revision derjenigen Ästhetik ableitet, die sein Verfasser seit mehreren Jahrzehnten entwickelt hat. Nicht, daß das generell unmöglich wäre, aber es gibt doch keine Hinweise darauf, daß der späte Hacks seine Ästhetik umgeworfen hat. Und der späte Hacks hat so manches merkwürdige gemacht.

    Gattungsbezogen würde ich sagen, daß ein Gedicht schon aufgrund seines geringen Umfangs nicht das Vermögen zur Totalität besitzt. Bei Hacks kommt im besonderen hinzu, daß er offenkundig seine Gedichte hin und wieder dazu benutzte, in gewisse Masken und Rollen zu schlüpfen, die ihm erlaubten, auch Dinge zu äußern, von denen bekannt ist, daß er hierzu eine andere Auffassung hatte. Ich nenne z.B. das Couplet “Zwei Gleiche”, worin Hacks eine Gegenthese zu seiner eigentlichen Theorie von der geschlechtlichen Liebe gibt, derzufolge Liebe von vornherein nur zwischen Ungleichen (genauer: vom Höherem zum Niedern) stattfinden kann. Ich nenne auch das Gedicht “Die drei Gewalten”, worin Hacks, bekanntlich Etatist, den Staat als solches einer Kritik unterzieht, die man bestenfalls als linke Romantik definieren kann. Ich erinnere auch an “Die Auster”, in welchem Gedicht Hacks den Genuß einer Auster beschreibt, obgleich bekannt ist, daß er alles verabscheute, was aus dem Meer kam. Es sind solche und ähnliche Beispiele, die bezeugen, daß die Lyrik für Hacks ein Feld gewesen ist, auf dem die Möglichkeit bestand, Haltungen und Perspektiven einzunehmen, die nicht unbedingt seine eigenen waren. Freies Spiel eben, ganz im Schillerschen Sinn.

    Damit meine ich freilich nicht, daß man grundsätzlich hinter jedem Gedicht eine Finte vermuten muß. Ich halte es nur für problematisch, ein bewußtes Rollenspiel von vornherein auszuschließen. Ironie, Übertreibung, auch bewußt gesetzte Provokation - das sind doch gängige Mittel in der Hacksschen Lyrik.

  4. Andre Thiele 4 ATh

    der späte Hacks hat so manches merkwürdige gemacht

    Zuruf aus der Forschungsstelle: Der frühe auch!

  5. Felix Bartels 5 Felix Bartels

    Und der mittlere erst!

  6. Schönstens 6 Schönstens

    @Rayk Wieland

    “Natürlich bin ich für die Existenz von Kampfgruppen, und natürlich für die Mauer. Man kann nicht für die DDR sein und gegen die Mauer. Ohne die Mauer wären wir schon kaputt. Ich sage ja nicht, daß das für uns spricht, aber es ist so. (Hacks an Kipphardt, 14.11.61)”

    Daß die Mauer defensiv ausgerichtet war, wird Hacks gewurmt haben, er hätte die MG-Salven in die richtige Richtung aus einer Position der Stärke heraus sicher bevorzugt. Mir ist außerdem nicht bekannt, dass sich Hacks sein Zielwasser auf Parteitagen abgefüllt hätte. Hacks hatte wohl keine Lust den getroffenen Hund zu spielen und ein notwendiges Übel als solches zu verteidigen, sich also auf diesen Punkt zu versteifen und sich am Ende gar noch emanzipatorisch daran abzuarbeiten. Dass sich beim späten Hacks die Schönheit etwas mehr dem Zweck unterzuordnen hatte, sieht man an obiger Strophe, Hacks aber - ich unterstelle das ganz unverschämt - würde sagen: ich habe meine schönsten Dramen im Schatten dieser Mauer geschrieben.

    Wessen oder welche durch wen oder was beschränkte Politik?

  7. Andre Thiele 7 ATh

    Daß die Mauer defensiv ausgerichtet war

    Was ist denn eine offensive Mauer? (Antwort (aus dem off): Ein Panzerverband.)

    ich habe meine schönsten Dramen im Schatten dieser Mauer geschrieben

    Das begründet keine Kausalbeziehung. (Außer dieser: Die Sonne schien, in dem Bild, auf der anderen Seite.)

    Ohne die Mauer wären wir schon kaputt.

    Vier Monate nach dem Mauerbau geschrieben - Hacks war Kipphardt gegenüber wirklich ein bissel ‘ne drama queen.

    Ich sage ja nicht, daß das für uns spricht, aber es ist so.

    Isse so? (Welcher offensive Propagandist besingt denn etwas, was gegen die Sache spricht?)

    Manches, was Hacks gelegentlich so verfertigte, klingt, als käme es direkt aus dem Glutkern des Kommunismus; wenn mans dann aber mit kaltem Herzen liest, wirkt es, als habe es der Klassenfeind verfasst (BND, Abteilung “Der Erdenwunder schönstes war die Mauer”).

  8. Schönstens 8 Schönstens

    “Das ['ich habe meine schönsten Dramen im Schatten dieser Mauer geschrieben'] begründet keine Kausalbeziehung. (Außer dieser: Die Sonne schien, in diesem Bild, auf der anderen Seite.)”

    Nun, auf der anderen Seite war man nur in Stimmung für die Sonne (den Schatten mal beiseite gelassen).

    “wie soll, was gegen sie spricht, plötzlich schön sein?)”

    Ein Airbag spricht auch gegen die Stabilität meines Knochenbaus, aber nicht gegen die Leistungsfähigkeit von Herz und Leber.

  9. Felix Bartels 9 Felix Bartels

    @Schönstens
    Es geht doch nicht darum, ob Hacks die Mauer befürwortet hat. Das hat er, ohne Abstriche. Es geht um die Art der Begründung. In “Vaterland” wird die Sache ästhetisch begründet, und diese Begründung ist ganz offenkundig nicht ernstgemeint.

    @Thiele
    Dramaqueen ist, wer ein Thema wie den Mauerbau, das man nur sachlich behandeln kann, ständig emotionalisiert und subjektiviert. Wieso stellen Sie ich eigentlich in der Öffentlichkeit ständig dümmer, als Sie - wie ich weiß - eigentlich sind? Wenn Hacks sagt: “Ohne die Mauer wären wir schon kaputt.” gibt er wirklich nichts anderes als die Tatsachen wieder. Egal, wie man den Mauerbau moralisch oder sonstwie bewertet, sobald man sich sachlich mit diesem Vorgang auseinandersetzt (d.h. die Wirtschaftskrise zu Beginn der Sechziger betrachtet, das Scheitern des Siebenjahresplan etc.), wird man die Tatsache nicht abstreiten können, daß der Bau der Mauer ein beträchtliches stabilisierendes Element in die Wirtschaft der DDR gebracht hat.

  10. Andre Thiele 10 ATh

    @Bartels

    Es geht doch nicht darum, ob Hacks die Mauer befürwortet hat. Das hat er, ohne Abstriche. Es geht um die Art der Begründung. In “Vaterland” wird die Sache ästhetisch begründet, und diese Begründung ist ganz offenkundig nicht ernstgemeint.

    @ Schoenstens

    Ein Airbag spricht auch gegen die Stabilität meines Knochenbaus, aber nicht gegen die Leistungsfähigkeit von Herz und Leber.

    D.h. Sie kennen einen Dichter von Rang, der sich hergeben würde, eine Ode auf den Airbag zu schreiben? (Denn was nur nützlich ist, ist selten schön.)

    Wer kann die Pyramiden zusammenknallen?
    Den Kreml, Sanssouci, Versailles, Burg Neudeck?
    Von allen Schlössern, Burgen, Kathedralen
    Der Erdenwunder schönstes ist der Airbag.
    Mit seinen festen Stoffen, Brennpatronen,
    Ich glaub, ich möchte gern in einem wohnen.

  11. Schönstens 11 Schönstens

    Es ist einsehbar, dass durch den Vergleich der Mauer mit vermeintlichen historischen Glanzlichtern der Baukunst eine rein ästhetische Begründung nahegelegt wird. Aber da steht auch: “mit ihren festen Toren”. Zu einer Mauer gehört nun mal ein Grundstück.

    Mir war eben nur langweilig bei der von Rayk Wieland geäußerten Vermutung, Hacks irrte, ob absichtlich oder nicht. Die Mauer war natürlich hässlich, ich meine, es war sehr freundlich von Hacks, hier ein Vorwissen vorauszusetzen, das allgemein geteilt wird. So what?

    @Thiele

    Ich bin beinahe geneigt, Ihre lustige Lyrikmaschine mit einem weiteren Bild zu füttern. Ich kenne jedenfalls einen Dichter von Rang, der hat sich dafür hergegeben, eine Ode auf eine hässliche Mauer zu schreiben.

  12. Andre Thiele 12 ATh

    Wo Sie die Wendung von den “festen Toren” erwähnen: Ist der Singular eigentlich der Tor oder das Tor?

  13. Schönstens 13 Schönstens

    Der Knüppel. Wann kommt der gute Cop?

  14. Ina Eff 14 InaF

    Ick sach ma wat als Berlinerin. Det Rumjequietsche wejen de Mauer, det willick nich hörn. Ick meine: Jrenzanlang! Zeing Sie mir ma ne wohljestalte Jrenze! Ick meine ürjentwo. Kommt son Schanghai an, unn sacht mittet vielbezahnte Jesicht: Schieneesn! Kieckda dit an, die Schieneesn, die ham det jemacht, ne anmutje Mauer jebaut.

    Anmut!, Anmut!, sahrick da. Von wehjen. Een riesenhafta Popanz is det. Da kannste denn och den Mamaj-Hügel scheen finden. Schaudahaft, sahrick is det allet, vont reine Ansehn her.

    Aba! Reine Estetik, sowat jibtet eben nich. Jenauso wenich wie formschöne Jrenzen. Dit hat immer och wat mit Zweck und jedanklichem Frommen zu tun. Eeena find die schlümmste Jejend schau, einfach weila da uffjewachsen is. Ick sahre ma Mazahn. Oda Popmusik. Vaschtehste. Falierst det Herze dran, weil det mit andan Lebensdingen uffjeladn is, wo det Herze einfach dranne hängt. Eijentlich janz einleuschtend, wa?

    Naja, scheinba nich für so Intelljenzbestien wie hier so.

  15. rayk wieland 15 rayk wieland

    @inaf
    mit dieser offen regressiven sozialromantik, ja, kann die rettung von strophe und gedicht gelingen. hacks, denke ich, hätte das gefallen. mir ist es zu provinziell.

    @schönstens
    die mauer hatte keine tore, bestenfalls durchlässe, und keine „festen“. sie ähnelten ein wenig verirrten (verwirrten?) bahnübergängen ohne schienen. die kampfgruppen nebenbei, für die hacks schwärmte, waren auch keine kampfgruppen, sondern operettenverbände, die alkoholfahnen schwenkten. als sie gebraucht wurden, waren sie unbrauchbar. eigentlich fehlt eine strophe, sie zu preisen, in dem werk. der hacks des gedichts ist ein revoluzzer mit spielzeugpistole. im ernstfall hätte er natürlich geschossen.

    @bartels, @ath: ganz recht, es geht mir um die ästhetische begründung. was ich sagen wollte, ist nur, daß ich befürchte, sie könnte, wie alles andere im gedicht dito, ernstgemeint sein.

    @hacks
    vor zehn jahren habe ich, für einen einheitsliedwettbewerb der deutschen burschenschaften, einmal ein „lob der mauer“ geschrieben und versucht, die komplikationen, in die Sie geraten mußten, zu vermeiden. herausgekommen ist, zugegeben, eine auch mir etwas zu platonische lösung, die immerhin keiner „schmucken türme“ bedarf, um ggf. einzuleuchten. (gewonnen habe ich damit den wettbewerb, wie vielleicht nicht unbedingt erwähnt werden müßte, nicht.)

    Lob der Mauer
    (teilweise nach der Melodie von »Am Brunnen vor dem Tore« zu singen)

    Wo sie war, da war Ruhe,
    Idylle, Biotop.
    Kein Schwein störte sich an dem Bauwerk,
    Das sich durch die Straßen schob.

    Architekturkritiker
    Bemängelten an ihm nichts.
    Und Anrainer erfreuten
    Sich des Durchgangsverkehrsverzichts.

    Vögel überflogen,
    Pollen querten bequem,
    Radiowellen passierten
    Die Mauer ohne Problem.

    Das Leben war hüben und drüben
    Mit allen Dingens präsent.
    Mit teils konträrer Spezifik
    Und der Mauer als Trennelement.

    Mag sein, sie war nur ein Remake
    Aus China und Jericho.
    Doch taugt diese Ahnenschaft weder
    Als Contra, noch taugt sie als Pro.

    Mag sein, sie war baulich kein Highlight
    Und ästhetisch ein Solitär.
    Mag sein, sie sprach eher gegen
    Als für die DDR.

    Mag sein, die Geschichte hat sie
    Wie falsch geparkt kassiert.
    Doch bleibt die Idee der Mauer
    Davon praktisch unberührt

    Und hat Gültigkeit auf Dauer
    Und behält ihren eigenen Reiz
    Zur trennenden Verbindung
    Von einer- und andrerseits.

  16. Andre Thiele 16 ATh

    ich befürchte, sie könnte, wie alles andere im gedicht dito, ernstgemeint sein

    Bei Hacks, lieber Rayk Wieland, ist alles ernstgemeint. Das ist die Ironie von Hacks’ Ironie: Es ist immer wirklich genau so gemeint.

    Bissel anders liegt die Sache mit der logischen Form der Begründung. Wo Hacks sagt, die Mauer sei schön gewesen, kann er doch nichts anderes ausdrücken, als dass sie notwendig war. Da sagt er etwas, das er nicht meint, ist also in der Form ironisch. Der Mauer als Notwendigkeit fehlt schon das erste Element der nicht rein natürlichen, also künstlerischen Schönheit: die Freiheit.

    Auch ein notwendiger Mist ist ein Mist, und ich will Mist nicht besungen, insbesondere nicht von Hacks.

    Nennen Sie das meine unmaßgebliche Privatmeinung, aber es ist so.

  17. Felix Bartels 17 Felix Bartels

    Bei Hacks, lieber Rayk Wieland, ist alles ernstgemeint. Das ist die Ironie von Hacks’ Ironie: Es ist immer wirklich genau so gemeint.

    Ich zitiere mal einen Satz aus “Zur Romantik”, den Hacks, Ihrer Theorie zufolge, auch ernstgemeint haben muß: “Bis zum Jahr achtzehnhundert hat weder ein Engländer noch ein Franzose jemals ein deutsches Buch gelesen”.

    Jeder Mensch sagt mal Dinge, die übertrieben, verzerrt oder ironisch sind. Wir sprechen oft in Bildern und oft seltsam gekrümmte Aussagen, weil es beim Sprechen nicht immer nur darum geht, exakte Wahrheit zu bezeichnen, sondern manchmal eben auch darum, bestimmte Wirkungen zu erzielen. Wie kommen Sie eigentlich darauf, daß allein Peter Hacks von dieser Verhaltensweise auszuschließen sei?

    Auch ein notwendiger Mist ist ein Mist, und ich will Mist nicht besungen, insbesondere nicht von Hacks.

    Mit anderen Worten: Der Dichter hat immer nur von Freiheit und niemals von Notwendigkeit zu handeln. Und somit natürlich auch nicht vom Widerspruch zwischen beiden. Gratulation: Sie haben gerade die langweiligste Kunst der Welt erfunden.

  18. Felix Bartels 18 Felix Bartels

    Übrigens, Herr Wieland, freue ich mich über die Weltpremiere (?) Ihres famosen Gedichtes. Ich habe mich auch beim zweiten Lesen noch prächtig amüsiert.

  19. Ina Eff 19 InaF

    mir ist es zu provinziell.

    Ah, provinziell! Der Schanghai atmet natürlich Weltoffenheit.

    Ick will Sie wat sahren, Berlin war zweimal Weltschtatt: Einmal aus eigener Kraft, das war vor hundert Jahren. Und einmal mit fremder Hilfe, das war vor fünfzig Jahren. Als Berlin zwei war. Seit Berlin wieder eins ist, verkommt es zur Provinz. Aber det nur am Rande.

    Zur Sache: Mir geht dieses ultraweltoffene Argument seit jeher auf den Keks. Alles sei so grau gewesen in der DDR. So unhappy und deprimierend und kleinkariert. So - und dann kommt unvermeidlich dieses Wort - so provinziell.

    Im Grunde ist das selbst ein ästhetisches Argument. Was eben Sie dem Hacks vorwerfen, das machen Sie genauso falsch. Was heisst denn das: Ein Argument sei Ihnen zu provinziell? Das ist doch weniger inhaltliche Kritik, als geschmäcklerische. Es verkommt zu einer Frage persönlicher Neigungen; und mit Ihren Neigungen, Pardon!, hat die DDR doch recht wenig zu schaffen. Klein, reizlos, provinziell! Pah! Die Größe der DDR lag ja nicht in ihrer Größe.

    Und um die DDR geht es natürlich. Nicht um die Mauer. Das Gedicht heisst “Das Vaterland”. Die Mauer war ein Teil dieses Landes; ich würde denen beifallen, die sagen, ein unabdingbarer Teil. Die Mauerstrophe ist ebenso ein Teil dieses Gedichtes. Sie sagen nun: Ein entbehrlicher. Sie verstehen den Widerspruch?

    Wie soll einer die DDR preisen dürfen, aber nicht die Mauer? Ich finde den ironischen, überheblichen Ton, den Hacks in der Strophe aufschlägt, sehr anständig. Die Pyramiden überstrahlen! Das ist lustig, das ist dreist, das ist kräftig und gerade die ästhetisierende Bagage gehöhnt.

    (Klar, dass die dann ganz verstört ist: Aber die Mauer sieht doch trist und öd und oll aus! Herr Hacks, Sie wähnen sich doch sonst im Besitz eines untrüglichen ästhetischen Urteilsvermögens! Ja, sehen Sie denn nicht den Fauxpas?!)

    Ihr Gedicht, um von dem noch zu reden, ist doch, wenn man von ein paar Unebenheiten absieht, ganz anständig. Nur, wie gesagt, Hacksens Gedicht meint nicht die Mauer. Es eint Zorn und Trauer um die DDR; und es ist ein Gelegenheitsgedicht. Aber sie wissen ja, die einzig gültige Kritik heisst besser machen. Ich habe einmal vor ein paar Jahren ein Gedicht über das gleiche Thema verfertigt. Besser als Hacks wird man, wenn man sich die Mühe macht, es nach Romantik aussehen zu lassen:

    HEUMAHD

    Der Berg, dahinter die Sonne sank
    Steht grau nun und unbewegt.
    Kaum seh ich den Schnitter, der hoch am Hang
    Noch Gras in Schwaden legt.

    Und Saft, der aus den Halmen rinnt
    Steigt von den Stoppeln empor.
    Ruft ins Gemüt mir, die nicht mehr sind,
    Die Düfte, die ich verlor.

    Aus dieser Stimmung wunderbar
    Formt plötzlich es fassbar sich aus:
    Mein Land. - Wie Eltern, fehlbar zwar,
    Doch uneinholbar voraus.

    Mit jeder Mahd wächst neues Gras,
    Ein Land wie meins, mit Menschenmaß.

  20. Andre Thiele 20 ATh

    Jesus! Iss schon wieder Almauftrieb? Und da wunder ich mich, dass Nachbars Kühe keine Ruhe geben …

  21. Ina Eff 21 InaF

    Wären Sie hier, in Berlin, wüssten Sie Bescheid. Hinter der Trommel her trotten die Kälber…

  22. rayk wieland 22 rayk wieland

    die verzettelei hier, sehr anregend, ist in vollem gange, doch ich bin von den einwürfen, meine eigenen nicht ausgenommen, nicht überzeugt.
    @bartels: die frage der ästhetik der mauer steht stark im raum.
    @inaf: provinziell war nicht geographisch gemeint.
    @ath: das „ernstgemeinte“ zieht uns nicht hinan.

    ich glaube zu wissen, daß hacks sein „vaterland“-gedicht ungern mit dem verweis auf ein minderen gebrauchs- bzw. gelegenheitsmodus entschuldigt sähe. es ist das zentrum des „jetztzeit“-zyklus’. es war ihm wichtig. er legte größten wert drauf. ich glaube ferner zu wissen, daß ihm die mauer-strophe nicht unterlaufen ist wie eine unaufmerksamkeit, auch nicht wie ein schlechter witz. inzwischen habe ich eine neue lesart der partie gefunden, die ich aber hier nicht verraten kann, weil ein preisausschreiben zu der frage ausgerichtet worden ist, ausgerichtet von mir selbst, entschieden aber nicht von mir, sondern von horst tomayer. ich werde mich daran beteiligen, allein schon deshalb, weil ich den preis, der ausgelobt ist, unbedingt behalten will.

    ps
    @bartels
    das gedicht steht am ende meines kleinen und hoffentlich ebenfalls nicht ganz unlesbaren romans “ich schlage vor, daß wir uns küssen”.
    @inaf
    ihr gedicht mogelt sich m.e. etwas zu sehr (aber auch sehr freimütig) um die mauerfrage herum.

  23. Andre Thiele 23 ATh

    ausgerichtet von mir selbst, entschieden aber nicht von mir, sondern von horst tomayer

    Das ist gemein! Hauptpreis wahrscheinlich eine Sauftour auffm Zweirad mit Hotte durch Bayern. Wenn Tschirpke das hört, wird er sauer sein.

  24. rayk wiieland 24 rayk wiieland

    sorry: das preisausschreiben ist zu finden auf http://www.raykwieland.de

    hier noch die ausschreibung:

    “…der erdenwunder schönstes” – ist peter hacks’ rühmung der berliner mauer die fortsetzung der poesie mit ideologischen mitteln?

    für die schönste und erhellendste und zugleich einleuchtendste lesart der o.a. strophe stifte ich das original des seinerzeit von hacks in die KONKRET-redaktion eingesandten blattes mit dem gedicht “das vaterland”*. juror wird sein der dichter und endreimgott horst tomayer, selbst verfasser eines gedichts über die berliner mauer und zuletzt hacks korrespondent in hamburg. einsendungen bitte nicht länger als etwa 6000 zeichen und bis zum beginn der leipziger buchmesse (17.3.) hier in den kommentar. bekanntgabe des gewinners oder der gewinnerin am buchmessensonnntag (21.3.), auf http://www.raykwieland.de.

    * ich kann hier von shanghai aus nur aufrichtig wähnen, daß das stück in meinem archiv auffindbar sein wird. wenn nicht, tja, dann werde ich es zu beschaffen wissen (müssen).

  25. Felix Bartels 25 Felix Bartels

    Ich bin bei Ihrem Ansatz, soweit Sie ihn hier vorgetragen haben, etwas skeptisch und deswegen um so gespannter auf Ihren Beitrag zum Preisausschreiben. Vom Urheber der bislang einzigen intelligenten Wortmeldung zu “Venus und Stalin” wird man wohl jedenfalls eine interessante Deutung erwarten können, auch dann, wenn man ihr vielleicht am Ende nicht zustimmen wird.

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