Die Sorgen und die Reformdebatte

Die Frage, warum das Hacks-Stück „Die Sorgen und die Macht“ für einen Skandal sorgte, wird auch in dem Internetforum cosmiq diskutiert. Dort erläutert ein Leser namens Morten die Hintergründe für diesen Eklat folgendermaßen:

Hallo,

die DDR war zu diesem Zeitpunkt mit einigen Problemen konfrontiert; ein Wirtschaftswunder à la BRD blieb aus, viele Ostdeutsche flohen in den Westen. (1961 wurde deswegen ja auch die Mauer gebaut.) Die SED wollte daher logischerweise die sozialistische Literatur fördern – eine Literatur, die die DDR und ihre Führung nicht in Frage stellte. Hacks war über lange Zeit ein Schriftsteller, der sich durchaus mit der DDR identifizierte, ihr aber nicht unkritisch gegenüber stand. In „Die Sorgen und Macht“ schildert er die Mühe und die Widersprüche des Aufbaus einer neuen Gesellschaft in der DDR, was ihm die Kritik einiger SED-Oberen einbrachte. Daher geriet er in Schwierigkeiten, was ihn aber nicht davon abhielt, weiter für die DDR zu schreiben.

Gruß, morten345

Hacks war mit seiner gesellschaftlichen Kritik am Beginn der Sechzigerjahre nicht allein. Elmar Altvater und Raul Zelik zeigen dies in ihrem Dialog, den sie in dem Buch Vermessung der Utopie veröffentlicht haben, auf. Altvater meint:

Man begann in Osteuropa und zum Teil auch in der Sowjetunion über die Effizienz des ökonomischen Systems zu diskutieren. Man überlegte, ob man nicht mehr Marktmechanismen einsetzen sollte, da man doch auf dem Weg zum Sozialismus offensichtlich sowieso Zwischenstadien durchlaufen müsse. Diese Debatte wurde in der Sowjetunion 1962 vom Ökonomen Lieberman aufgeworfen, aber auch in der DDR (Protagonisten waren schon Ende der Fünfzigerjahre Fritz Behrens und Arne Benary), der CSSR, Ungarn oder Polen geführt. Die Wortführer dieser Reformdebatten wurden teilweise scharf kritisiert.

Damit will ich Folgendes sagen: Das sozialistische Lager war sehr viel weniger ein homogener Block als gemeinhin unterstellt wird. Es gab Debatten, die meist aber nur halb öffentlich geführt werden konnten.

„Die Sorgen und die Macht“ wurde aber aufgeführt und folglich als unakzeptabler Einspruch gewertet. Raul Zelik blickt in seiner Antwort und auf die westlichen Industriestaaten, die in den Siebzigerjahren begannen, ihre Kritiker zu tolerieren:

Das hat wohl auch damit zu tun, dass Herrschaft in einer Marktgesellschaft subjektloser daherkommt. Es muss hier keinen politischen Zwang geben, um Verweigerer zurück ins System zu holen. Solche Prozesse können sich beiläufiger vollziehen. Die Notwendigkeit, sich das Überleben verdienen zu müssen, bringt die Ausreißer „wie von selbst“ zurück. Unter den Verweigerern gibt es Leute, die Musik machen, mit Computern herumbasteln, mit Grafik experimentieren, einen neue Partei gründen möchten, Mode entwerfen. Sie müssen Geld verdienen, nutzen ihre Interessen und werden zu Kleinunternehmern.

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