Peter Hacks schrieb von dem Drama „Die Sorgen und die Macht“ insgesamt drei Fassungen. Die Uraufführung der letzten fand im Oktober 1962 statt. Am Deutschen Theater brachte es Wolfgang Langhoff auf die Bühne, und nur drei Tage später folgte eine Inszenierung des Hans-Otto-Theaters in Potsdam. Dort führte Peter Kupke Regie, und der war gestern, am 27. Januar, bei Karl-Heinz Müller im Max-Lingner-Haus in Berlin-Pankow beim Zeitzeugengespräch, zu der die Peter-Hacks Gesellschaft einmal im Monat einlädt.
Kupke war noch „ein junger Specht“, wie er selbst sagt, und Hacks, der unnahbare Dramaturg, gratulierte ihm zu der Aufführung in Potsdam, „es war ein oberflächliches Lob, wie es sich gehört, für eine ordentliche Arbeit“, erinnert sich der Regisseur. Dennoch wurde das Stück in Potsdam abgesetzt, und am Deutschen Theater in Berlin gab es Tumulte im Publikum. „Die Reihen sieben bis neun hatte die Firma gekauft“, die Staatssicherheit, und dort gab es Proteste. Dem Stück wurde vorgeworfen, es würde den Alltag der DDR gegen die sozialistische Utopie ausspielen. Der Titel bezog sich auf Walter Ulbricht, dessen Zitat Hacks seinem Stück voranstellte:
Die Festigung der Arbeiter-und-Bauern-Macht und die Leitung der Wirtschaft, die Erfüllung der Produktionsaufgaben machen der Arbeiterklasse und den Werktätigen auch Sorgen. Das ist nun einmal so, denn wer die Macht hat, hat auch bestimmte Sorgen.
In Berlin nahm es Langhoff schließlich vom Spielplan. Er habe die Unruhe vorgeschoben, meint Kupke. Da sei kein normaler Ablauf nicht mehr möglich gewesen. „Aber über die Ursache wurde nicht geredet“, hält er seinem Kollegen vor.
Unter den 25 Zuhörern im Lingner-Haus war auch ein damaliger Bühnenbildner aus Potsdam, und der versteht die Aufregung um das Stück bis heute nicht. Die Partei fühlte sich provoziert, das war klar. Die Zeit war turbulent, versucht Kupke die damalige Stimmung zu vergegenwärtigen. Die Mauer stand noch nicht lange und niemand wusste, wie die Stimmung sich weiter entwickeln würde. Es müsse wohl die Angst davor gewesen sein, den alleinigen Führungsanspruch zu verlieren.
Auf Peter Kupke hatte „Die Sorgen und die Macht“ mit dem ersten Lesen eine Wirkung hinterlassen. Hacks traf damit einen Ton, der die Gegenwart auf den Punkt brachte. „So kann man’s machen, dachte ich.“
Am Deutschen Theater gab es über diesen Eklat natürlich anschließend Diskussionen. Seitens der SED kam die unmissverständliche Aufforderung, die parteifeindliche Haltung aufzugeben. Hacks, der ja zu dieser Zeit als Dramaturg noch am Deutschen Theater war, habe sich an den Gesprächen auffallend zurückgehalten, erzählt Kupke.
Drei Optionen hätten im Raum gestanden: Die Regisseure verändern das Stück, man lässt von außen zensieren, oder setzt es ab. „Alle warteten, dass Hacks sich dazu äußern würde. Aber der sagte gar nichts.“ Stattdessen habe er eine „provozierende Arroganz“ an den Tag gelegt. Erst als Langhoff ihn aufforderte, am Gespräch teilzunehmen, sagte er: „Es ist nicht das Amt des Dichters, Scheiße zu vergolden.“ Peter Kupke hat diesen Satz noch immer im Ohr.
Hacks verließ alsbald das Deutsche Theater und entwickelte als freischaffender Schriftsteller die sozialistische Klassik. „Er driftete in die Antike ab. Man hat seine Möglichkeiten, gesellschaftliche Konflikte auf die Bühne zu bringen, nicht zugelassen“, so Kupke. Bald schon habe sich in der DDR eine Agonie ausgebreitet. Auch im Theater.




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