Monatsarchiv für November, 2009

„Ein kleines Feuerwerk“

Thomas Stroux ist der Intendant und Inhaber des ältesten deutschsprachigen Tourneeunternehmens Der grüne Wagen. Er hat die Kriminalkomödie „Heiraten ist immer ein Risiko“ inszeniert, mit der das Theater gerade durchs Land tingelt. Über das Gastspiel in der Aula des Gymnasiums Wilnsdorf schreibt die Siegener Zeitung:

Wenn der Dramatiker Peter Hacks (u. a. „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“) unter dem Pseudonym Saul O’Hara eine Persiflage auf englische Kriminalstücke schreibt, dann darf der Theaterbesucher sicher sein: Es gibt keine Hau-Ruck-Spannung, sondern intelligente, mit einer Prise schwarzem Humor gewürzte Krimi-Kost. Dazu Pointen wie ein kleines Feuerwerk und geschliffene Dialoge.

Die Kritiken über die Komödie fallen sehr unterschiedlich aus. In der vergangenen Woche unterstellte die Rhein-Neckar-Zeitung dem Stück noch „arg konstruierte Handlungsstränge“.

Kurzmeldungen - November 2009

Wir versammeln hier monatsweise kleinere Meldungen mit Bezug zu Hacks.

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Ekstasen des Lichts in finsteren Zeiten

Hans-Dieter Schütt bespricht für das Neue Deutschland Werner Makowskis Gedichtband Stille Gesellschaft:

Ich las im Schmalband eines mir unbekannten Autors und hatte am Ende der Lektüre die wohltuende Gewissheit, einen Dichter entdeckt zu haben. Makowski? Jahrgang 1950, Chemiker, dann Student am Leipziger Literaturinstitut, Mentor: Peter Gosse. Der vorliegende Band bündelt Gedichte von 1998 bis 2006.

Auf den zweiten Blick fällt Schütt eine Verbundenheit zu Hacks auf:

Der Eislebener beherrscht die alten gediegenen Versformen, er schreibt Sonette und Epigramme, Vierzeiler und Elegien, setzt gelungene Reime; er hat den spöttischen, unsentimentalen Herunterblick eines Peter Hacks, dem er mehr als ein Gedicht widmet: „Tief im Missmut weicht/ er aus in Schönheit,/ macht noch unterm Fels/ sich leicht.“ Und „jene Sonne, die Homer beschien,/ stand hoch auch über seinem Weg“.

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Der Spiritus rektor

Die junge Welt veröffentlicht in zwei Teilen Dieter Krafts philosophische Perspektiven auf Brecht, Hacks und Hegel. Der Theologe hielt den Vortrag bereits am 7. November auf der Peter-Hacks-Tagung in Berlin.

Kraft, der Hegel-Kenner, ist immer wieder von der „unglaublichen Kraft“ seiner Systematik fasziniert, „die selbst den Kern der Subjekt-Objekt-Spaltung überwindet, weil das Wahre eben das Ganze ist“. Und Kraft weiß, dass er mit seinem Empfinden nicht alleine war:

Auch Marx und Engels waren fasziniert, und dann auch Lenin. Wiewohl eingeschränkt. Doch diese Einschränkung hat es in sich – und sie hatte zur Folge die wiederum folgenreiche Vorstellung, dass sich bei Hegel System und Methode separat beerben ließen.

Das ist bekannt, auch dass Brecht und Hacks den Hegel auf je ihre Weise gelesen haben. „Natürlich auch aufgrund der Differenz der Zeit und ihrer Zustände“:

Das widerspiegelt sich bereits im Zugriff auf das Angebot der Dialektik. Der ist bei Brecht geradezu spektakulär, und wir können postum begeistert miterleben, welche Faszination die Entdeckung des Dialektischen auf ihn ausübte.

Für Brecht sei es ein großes Vergnügen gewesen, anderen an seiner Entdeckung der Dialektik teilhaben zu lassen.

Von Hacks wissen wir da bisher weit weniger. Aber man hat ohnehin immer den Eindruck, dass beide eigentlich als Dialektiker geboren wurden. Denn sie präsentieren die „Große Methode” in einer Genuinität, die fast vergessen macht, dass doch Hegel ihr Spiritus rector ist.

Felix Bartels nannte in seinem Blog Neuestes vom Parnassos Krafts Vortrag auf der Tagung „exorbitant gut“, dem ist nichts hinzuzufügen. Und es wird dem Artikel von Kraft nicht gerecht, ihn passagenweise zu zitieren. Allenfalls kann diese Meldung als Ermunterung dienen, den Text komplett zu lesen.

Hegels „Landstände“: „unglaublich gut!“

Ergänzend zum Vortrag von Dieter Kraft druckt die junge Welt einen Abschnitt aus Peter Hacks’ „Ascher gegen Jahn“ ab, indem der Dichter das geschichtsträchtige Jahr 1815 mit dem Wiener Kongress resümiert:

Unser Ohr erinnert Missklänge, wirre und schrille Geräusche. Wir sollten indes über dem Wutgeschnatter der Romantik nicht überhören, dass auch die Klassik zu den Ergebnissen des Wiener Kongresses mitredete. Wir kennen den Ton von Goethe. Da herrscht Bedauern über Napoleons Scheitern, da herrscht Erleichterung über das Scheitern der Romantik. Da wird der von Napoleon durchgesehene Absolutismus besonnen in Kauf genommen; die Entsagung, schließlich, ist noch nicht die Verzweiflung. Wir kennen den Ton von Saul Ascher.

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Übel nachgeredet

enzensberger johnsonDie Frankfurter Rundschau bespricht den Briefwechsel von Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger, der 1959 kurz nach Johnsons Übersiedelung in den Westen Berlins und der Veröffentlichung seines Debütromans „Mutmaßungen über Jakob“ begann. Die „FR“ merkt diesbezüglich an:

Man wusste im Westen nicht genug über die DDR, um die zahlreichen Anspielungen zu verstehen; im Osten dagegen umso mehr, weshalb es dort nicht erschien. Stattdessen fand es entschiedene Gegner, die Johnson als „Hosenscheißer” (Der Sonntag) oder als „Floh” und „dumm” (Peter Hacks) bezeichneten.

Polemiken von Hacks sind immer wieder brauchbare Einsprengsel für das Feuilleton.

Konkret zu Thiele

Das in Hamburg erscheinende Monatsjournal KONKRET nimmt sich heuer in der Rubrik Von Konkret einer Meldung auf der Peter Hacks Seite vom 28.10.2009 an:

Verhackstückisch

Die von André Thiele betreute Site „Hacks.de“ berichtet vom Gespräch mit Dietmar Dath (KONKRET 10/09) und zitiert aus einer Frage, „daß in Ihren Romanen alles vorkommt, was es auf der Welt so gibt, politisch, literarisch, musikalisch, ökonomisch, militärisch, wissenschaftlich-technisch, von Atomphysik über Meatloaf bis Hacks …“ Daran knüpft Thiele die Bemerkung:

„Gremliza geht der Name ‚Hacks’ über die Lippen, das kommt nicht alle Tage vor.“

Das ruft die Erinnerung an Gremlizas Hacks-Rezension „Die Obrigkeit bin ich” (Literatur KONKRET 1990) und einen Brief vom 5. Juni 2007 wach:

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Prosper und die olle Fiebich

prosperDas Bücherjournal, eine Beilage des Neuen Deutschlands, preist Peter Hacks’ Kinderbuch „Prospers Telefon“:

Die Geschichte der kleinen Leseratte Prosper ist eine bezaubernde Hommage an kindliche Neugier und die Faszination Lesen.

Auch der Klappentext wird zitiert; darin steht:

Prosper war ein ruhiger und besonnener Knabe, der mit allen Menschen gut zurechtkam, ausgenommen seine Tante Fiebig. Mit ihr hatte er dauernd Zank.

Ferner heißt es: „,Prospers Telefon’ ist eine Bilderbuchköstlichkeit.“ Nun ja, ohne Frage ist die Geschichte das. Aber wer lobt denn eine Erzählung einfach so in den Himmel? - Das Impressum steht am Schluss: Hinter dieser „ND”-Beilage steckt niemand anderes als der der Aufbau-Verlag selbst – der dieses von Katja Wehner illustrierte Buch herausgibt.

„Nicht der größte dramatische Wurf”

Die Rhein-Neckar-Zeitung vermisst bei der Kriminalkomödie „Heiraten ist immer ein Risiko” von Saul O’Hara alias Peter Hacks mehr Spielanteile für Dietz-Werner Steck – dem bekannten Stuttgarter Tatort-Komissar Bienzle. Das Tourneetheater „Der Grüne Wagen” gastierte mit dem Stück am Wochenende im Palatin in Wiesloch.

Der TV-Liebling hatte nur wenige Auftritte, in denen er vorwiegend darüber zu klagen hatte, dass ihm die nötigen Beweise zur Überführung zweier sechsfacher Gattenmörder - eines männlichen und eines weiblichen - nach sieben Jahren immer noch fehlten.

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Müller spricht Cox Habbema

cox_habbemaDie Peter-Hacks-Gesellschaft führt im Max-Lingner-Haus die Hacks-Gespräche fort. Karl-Heinz Müller, einst Chefdramaturg am Deutschen Theater und an der Volksbühne, arbeitete über Jahre mit Benno Besson zusammen. In der Gesprächsreihe unterhält er sich mit Regisseuren und Schauspielern legendärer Hacks-Inszenierungen. Morgen ist Cox Habbema zu Gast:

Die niederländische Schauspielerin und Regisseurin Cox Habbema, geprägt vom Deutschen Theater unter Benno Besson, wurde eine der populärsten Filmschauspielerinnen und Theater-Regisseurinnen der DDR und zählt heute überdies als Kulturmanagerin zu den einflussreichsten Frauen der Niederlande. Cox Habbema wirkte als Regisseurin und Schauspielerin an mehreren Hacks-Inszenierungen mit und regte seine Goethe-Adaption „Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern” an, die 1975 im Deutschen Theater in Berlin uraufgeführt und zu einem der großen deutschsprachigen Bühnenerfolge wurde.

Allem Tratsche zum Trotze …

… Einblicke in Charlotte von Steins Befindlichkeit zeigt das Theater in Halle:

Charlotte von Stein – zehn Jahre lang allem Tratsche zum Trotze Freundin, Erzieherin, Muse und Adressatin des umjubelten Goethe – sieht sich betrogen. Der Mittelpunkt des Weimarer Musenhofes und ihrer fortdauernden Bemühungen ist abgereist. Goethe ist fort!
Ihrem Gemahl, dem fürstlichen Oberstallmeister Josias, erzählt sie, dass sie die Männer auswendig kennt und selbst Goethe zurückrufen könnte. Aber ist Goethe ein Mann? Oder doch eher ein Genie? Indem sie mit aller Macht ihr Fühlen und Denken zu verschweigen sucht, verrät sie uns ein Goethebild jenseits allbekannter Klassikerverehrung.

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Ein Schmirgler und Schmeichler

Wiglaf Droste, der Dichter und Musiker, schreibt in der jungen Welt einen Erguss auf die Sängerin Uschi Brüning. Der künstlerische Adel der DDR habe sie verehrt und verehre sie noch immer, und das einfache ostdeutsche Volk sei nicht minder hingerissen …

Noch einmal fand ich literarisch beschrieben, was es mit Uschi Brünings Art zu singen auf sich hat. Peter Hacks schrieb in seinem Gedicht „Die Welt, schon recht“: „Wenn deine Schönheit sich ins Engelhafte / Verklärt und dann in einem Aufschrei birst, / Und alles Fühlbare in diesem Schrei ist, / Mit dem du aller Wirrsal dich entwirrst”. So klingt das, wenn Uschi Brüning „Compare to what“ singt. Und sie macht kein bisschen Aufhebens davon.

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Der besinnliche Voradvent

Die Aachener Zeitung läutet schon im November die Adventszeit ein. Auf der Website rät Andreas Drouve in seinem Artikel, der pikanterweise von einem Video flankiert wird, auf dem die Leute im Beaujolais baden, zu mehr Besonnenheit im Konsumrausch. Kinderbücher seien immer eine gute Sache:

Die von Sabina Berchtold bedachtsam ausgewählten „Weihnachtsgedichte und Weihnachtslieder“ bringen bekannte Lyriker wie Christian Morgenstern, Josef Guggenmos und Peter Hacks zusammen. Die traditionellen Lieder zum Fest werden von Noten begleitet.

Bleibt nachzutragen, dass Claudia Weikert das im Insel Verlag erscheinende Kinderbuch illustriert hat und eine Aufzählung der Dichter lang wäre: Verse von Krüss, Rilke, Goethe oder Ringelnatz sind in der Auswahl ebenso enthalten.

Ein Pult wie ein Pferd

Bei einer Inszenierung des Hackeschen Hoftheaters in Berlin stand einmal ein Stehpult im Mittelpunkt. Die Aufführung behandelte Peter Hacks Text „Die Last mit der Lust”, und dieses Stehpult ist nun offenbar wieder aufgetaucht: Ein Antiquariat bietet Sandro Boticellis Zeichnungen zu Dantes „Göttliche Komödie“ in einem Buch an. In der Beschreibung dazu heißt es etwas kryptisch:

Mit einer Einleitung des Verfassers. Achtung: Den geschätzten Verehrern von Dante sei erzählt: Im Antiquariat gibt es ein Stehpult, gewidmet der Szene aus dem 5. Gesang (?), dem Satz: „Quel giorno non vie leggemeo avante”, bezieht sich auf die kreisenden Kraniche, deren Geschichte Vergil gern von Dante gehört hätte (oder umgekehrt). Dieses Stehpult mit einem integrierten Vibrator, ein 8 Kilo schwerer Aluminiumguss, der – wie das Pult – an ein Pferd erinnert, ist sowohl in Amplitude als auch in Frequenz durch zwei versteckte Schalter zu regulieren […]

Prüfung des Kanons

ddr-lyrikDie Frankfurter Allgemeine bespricht den von Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach herausgegebenen Lyrikband 100 Gedichte aus der DDR und fragt nach dem literarischen Vermächtnis aus dieser Epoche:

Heute kann man den Blick auf Dinge richten, die damals weniger im Fokus standen, die Dramatik von Peter Hacks, Volker Braun und Heiner Müller etwa, oder eben die Lyrik. Einige wichtige ostdeutsche Dichter sind in letzter Zeit gestorben, Christa Reinig, Adolf Endler und Heinz Czechowski. Eine erneute Prüfung des Kanons ist an der Zeit.

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