Monatsarchiv für Oktober, 2009

Messegeplauder

Der VAT Verlag André Thiele nimmt erstmals an der Frankfurter Buchmesse teil (Halle 4.1 Stand D 151). Dabei ergeben sich auch zahlreiche Gespräche rund um Publikationsvorhaben zu Peter Hacks. Wir notieren hier täglich den neuesten Tratsch und Klatsch zu diesem Thema. Es gilt natürlich: keine Gewähr!

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Herbstlied

Ditte Clemens zitiert ein Kinderlied von Hacks im Nordkurier:

Die Tanne spricht zum Herbste:
Das ist ja fürchterlich,
die anderen Bäume färbste,
was färbste nicht mal mich?

Am Abgrund lavieren

Spannungsreiche Widersprüche zwischen hoher Versform und lügengespickter Dialoge verspricht das Schauspielhaus Wuppertal mit der Inszenierung von Jona, jenem bislang unaufgeführten „Trauerspiel” von Hacks. Premiere ist der 6. November. Der Dichter schrieb mit dem Stück gegen die „Staatsschlaubergerei“ der Honecker-DDR zunehmend verzweifelt an, weil er längst ihren Untergang befürchtete. In der Ankündigung heißt es:

Wie so oft kleidet Hacks seine Fabel mythologisch-historisch ein: Der biblische Prophet Jona landet per Wal und wider Willen in Ninive und hat, von Gott beauftragt, über Bestand oder Untergang des dortigen, ganz und gar verkommenen Gemeinwesens zu befinden. Dessen Herrscherin Semiramis hält niederste Intrigen für Staatskunst, vermischt munter öffentliche und private Interessen und erhebt die Lüge zum Prinzip ihrer Politik.

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Mona Kloos (Asyrte), Sebastian Zumpe (Eskar), Kim Doerfel (Semiramis), Marie Bonnet (Belit), Corbinian Deller (Jona)

Einen Vorgeschmack auf die Aufführung mag das Photo geben, das außerhalb des Spielortes im Probenkostüm arrangiert ist.

Trittbrett in die Wirklichkeit

Die Potsdamer Neueste Nachrichten erinnern sich an den alten Standort des Hans Otto Theaters (HOT) in der Zimmerstraße. Vor 60 Jahren fand dort die erste Aufführung statt. Klaus Büstrin führt noch einmal durch die Dekaden und erinnert sich:

Ein kräftiger Wind von Perestroika kam 1988/89 mit „Morgen war Krieg“ von Boris Wassiljew und „Zeit der Wölfe“ nach dem Roman von Tschingis Aitmatow auf die Bühne. Intendant Gero Hammer hatte damit Mut bewiesen, gegen politische Borniertheit sich durchzusetzen. Regisseure wie Uta Birnbaum, Peter Kupke, Günter Rüger oder Rolf Winkelgrund sorgten für anregende theatralisch-politische Wirkungen. Doch auch Anfang der sechziger Jahre musste Gerhard Meyer immer wieder solche Schauspiele, die die sozialistische Wirklichkeit in der DDR beschrieben gegenüber den SED-Oberen verteidigen, Stücke von Peter Hacks („Die Sorgen und die Macht“), Heiner und Inge Müller („Die Korrektur“ und „Der Lohndrücker“ oder Alfred Matusche („Die Dorfstraße). In dieser Hinsicht musste auch Gero Hammer den Spielplan vor der SED-Bezirksleitung stets verteidigen. In den späten DDR-Jahren nahm es lächerliche Formen an.

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„Jonas” Entstehung

Die Premiere von „Jona“ am 6. November im Schauspielhaus Wuppertal rückt näher. Die Redaktion erreichte die Frage, wann Peter Hacks das Trauerspiel verfasst habe.

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Photo von der Probe: Marie Bonnet (Belit), Sebastian Zumpe (Eskar), Kim Doerfel (Semiramis), Mona Kloos (Asyrte), Corbinian Deller (Jona)

Ronald Weber gibt in seiner Bibliographie das Jahr 1986 an. Belege dafür finden sich in der Werkausgabe, Band 15, die Peter Hacks von eigener Hand zusammengestellt und bis zu ihrem Erscheinen kontrollierend begleitet hat. Über diese Ausgabe schrieb der Dichter:

Man wird, wenn man es darf, von mir darüber hinaus drucken, was man will … Aber man wird es abgetrennt von dem im folgenden bezeichneten autorisierten, authentischen und unabänderlichen Kanon zu drucken haben, dem allein ich den Titel HACKS WERKE zuspreche.

Der Dichter äußert sich über „Jona“ ferner in einem Brief an André Müller senior am 10. September 1986: „Jona ist bei Akt II, pag. 6.“. Nachzulesen in dem von Rainer Kirsch herausgegebenen Band „Verehrter Kollege“.

Kundt-Petters wurde Frau von Stein

TV-Altenburg würdigt Karin Kundt-Petters 40-jähriges Schauspieljubiläum am Landestheater Altenburg. Nach ihrem Studium an der Theaterhochschule Leipzig begann sie ihr Engagement zur Spielzeit 1969/70. Das Theater habe sie bereits als Oberschülerin aus Borna bestens gekannt, weiß der Lokalsender.

[Sie] begann […] mit den Traumrollen jeder jungen Schauspielerin wie Emilia Galotti, Amalia (Die Räuber), Kathariana (Der Widerspenstigen Zähmung), spielte Ibsens Nora, Sophokles’ Elektra, Goethes Stella, um nur einige zu nennen. Sie wuchs ins reifere Rollenfach hinein, wurde Frau von Stein (Peter Hacks), Clara (Vor dem Ruhestand), Jeschute (Ritter der Tafelrunde), Babette (Sugar Dollies), Daja (Nathan der Weise), Ludmilla (Polonaise von Oginski), Frau Miller (Kabale und Liebe) Lotte (Zaungäste) – konnte so ihre ungeheure Wandlungsfähigkeit beweisen.

Clever & smart

Das Tourneetheater Der grüne Wagen spielt „Heiraten ist immer ein Risiko“ von Saul O’Hara – einem scheinbaren Iren, hinter dem sich jedoch Peter Hacks und seine Frau Anna E. Wiede verbergen. Beide schrieben unter dem Pseudonym. Premiere für das Stück war im September in Wiener Neustadt, Österreich. In der Ankündigung heißt es:

Wie überführt man einen charmanten, cleveren sechsfachen Gattenmörder und eine raffinierte, verführerische sechsfache Gattenmörderin? Inspektor Campbell findet den richtigen Dreh: Er bringt die beiden dazu, einander zu heiraten.

Fortan wird der Zuschauer von dem Duell zweier Ebenbürtiger in Atem gehalten, die sich auf ihr tödliches Metier verstehen. Aber erst einmal verfehlen ein herabstürzender Kronleuchter, eine giftige Pilzsuppe und eine angesägte Leiter ihren Zweck. Doch Inspektor Campbell zieht weiter geschickt die Fäden – bis …

Die Rolle des Inspektors Campbell spielt  Dietz-Werner Steck, der langjähriger Stuttgarter Tatort-Komissar Bienzle.

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„Feuilletonessay-Literatur“

Es ist ein Verriss, den Thomas E. Schmidt in der Zeit über Dietmar Daths Buch Sämmtliche Gedichte geschrieben hat. „Dath rettet die Welt und schreibt einen Leitartikel-Roman“, heißt es in der Unterzeile. Es ist eine wortreiche Rezension, die immer wieder zu neuen Nackenschlägen ausholt. Nachfolgend zwei Kostproben, in der einen kommt Peter Hacks vor (sonst stünde die Meldung nicht hier auf der Seite):

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Ausbrüche und Hoffnungen

Debatte bei der Linkspartei. Sascha Stanicic äußert in einen Essay zur Gründung und dem Niedergang der DDR seinen entschiedenen Widerspruch gegen die Behauptung, der real existierende Sozialismus sei nach den utopischen Kommunisten in den USA und nach der Pariser Kommune der dritte Versuch eines Ausbruchs aus dem Kapitalismus gewesen.

Die Sowjetunion stehe für eine brutale und – historisch gesehen – reaktionäre Diktatur auf nichtkapitalistischer wirtschaftlicher Grundlage, meint er. Die toten Kommunarden hätten es nicht verdient, mit den Figuren der Ulbricht-Clique auf eine Stufe gestellt zu werden.

In seinem Rückblick über die Entstehung der DDR hält Stanicic jedoch auch die Hoffnungen der Anfangsjahre fest:

Es sollte auch nicht vergessen werden, dass eine halbe Million Deutsche in den vierziger und fünfziger Jahren von West nach Ost ‘rüber machten’, darunter nicht wenige antifaschistische Intellektuelle, die sich erhofften einen Beitrag zu einer sozialistischen Entwicklung in Deutschland leisten zu können und aus der Emigration in die SBZ kamen. Dazu gehörten unter anderem Bertolt Brecht, Stefan Heym, Anna Seghers, Arnold Zweig und Ernst Bloch. Der Schriftsteller Peter Hacks siedelte noch 1955 von München in die DDR über. Für viele war auch klar, dass eine Bedrohung des Nachkriegs“friedens” vom Westen ausging.

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Hacks in der Super Illu!

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Willi Sitte, Schwimmer

Die Kunstwerke waren tausendfach im DDR-Alltag zu sehen, „weil sie den Weg aus den Museen in Lehrbücher auf Briefmarken und in Zeitungsveröffentlichungen nahmen”.  Super Illu feiert ein Wiedersehen mit den 40 Bildern, die nun auf mattgestrichenem Kunstdruckpapier in einer Mappe beim Verlag Neues Leben herausgekommen sind.

Mit dabei sind Willi Sitte, Max Lingner und Werner Tübke sowie die „wundersame Heidrun Hegewald“. Der Autor Hannes Hofmann beginnt, in Erinnerungen zu schwelgen:

Die erreichte übrigens 1965 für ihre Gestaltung des Kinderbuches „Flohmarkt” des immer sehr scharf zensierten DDR-Dramatikers Peter Hacks die Auszeichnung „Schönstes Buch”. Darin fand sich auch ein Gedicht über die „Eiche Hulda”. Darin heißt es: “Jahrhundert um Jahrhundert/Ein großes Hin und Her./Erst hab ich mich gewundert./Jetzt wundert mich nichts mehr…”. Das erschien damals den staatlichen Kunst- und Kulturbestimmern übrigens aus unerklärlichem Grund als zu konträr zum „wissenschaftlichen Geschichtsbild” der Menschen.

Mehr als ein Geschichtsbuch?

Der Freitag lotet anhand von Alfred Matusches dramatischem Werk den Stand des DDR-Theaters aus. Als Aushängeschilder macht der Autor Wolfgang Behrens „die Antipoden“ Heiner Müller und Peter Hacks fest:

Deren Gedenktage [werden] in regelmäßigen Abständen zur Überprüfung der Bestandsfähigkeit ihres Schaffens genutzt […]. Das Ergebnis der letzten Revision ergab, dass Müllers Zeit vorbei sei oder aber noch gar nicht angefangen habe (beides ist für Müller-Adepten unbefriedigend) und dass Hacks sich am Beginn einer Renaissance befinde, die jedoch außerhalb der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ keiner so richtig wahrnehmen will, jedenfalls nicht im Theater.

Aber Müller und Hacks könne ja nicht alles sein, meint Behrens als „ahnungsloser Westmensch“. Kenner würden ihm irgendwann „drei Silben, die wie eine Geheimbotschaft in Ohr flüstern: ‚Ma – Tu – Sche’”.

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Der Pistolenmann

„Fest steht“, schreibt Christian Eger in der Mitteldeutsche Zeitung anlässlich des hundertsten Geburtstages von Alfred Matusche, „dass der Vielschweiger Matusche in jeder Phase seines Lebens, das 1973 in Chemnitz endete, ein Unzeitgemäßer war.“ Mit einem autoritären DDR-Sozialismus habe er nichts am Hut gehabt. Vielmehr sei er Parteigänger eines abstrakten Humanismus gewesen.

Dennoch schildert die „MZ“ eine ziemlich rüde Anekdote über den Dramatiker:

Peter Hacks soll von einem Mann gehört haben, der 1945 im Nachkriegsosten die Bauern mit Pistole gezwungen hätte, eine Kommune zu gründen. Dieser Idealist sei kein geringerer als Matusche gewesen, das zumindest habe Heiner Müller dem Journalisten Jürgen Serke gesteckt:

„Matusche ist der Moritz Tassow von Hacks. Fragen Sie Peter Hacks!”, sagte Müller. Tassow, das ist der Held jener Arbeiter- und Bauernkomödie von Hacks, die 1965 kaum uraufgeführt wieder von der Bühne verschwand. Aber wer ist Tassows Vorbild? Serke erhielt zwei Antworten von Hacks. Erstens: „Müller lügt immer”. Zweitens: Er kenne die Pistolen-Geschichte. Und er habe da einen Verdacht: “Ich schließe nicht aus, dass sich Matusche so verhalten hat.”

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Literarische Musik

jazz-lyrik-prosaDer Eulenspiegel Verlag hat Vertonungen von Peter Hacks ins Herbstprogramm genommen und schon für den August angekündigt. Tatsächlich ist die CD erst jetzt erschienen. Schauspieler und Musiker aus dem Jazz Collegium Berlin haben für die Reihe „Jazz-Lyrik-Prosa” Stücke des Dichters eingespielt. Die Aufnahmen stammen von einem Live-Mitschnitt aus der Komischen Oper Berlin und der Dresdner Herkuleskeule.

Mit dabei sind die Musiker Ruth Hohmann, Cox Habbema, Annekathrin Bürger, Gunter Schoß und Wiglaf Droste.

„Sterbende sind wir alle“

Die junge Welt gibt eine Beilage zum Jahrestag der DDR heraus und druckt darin Peter Hacks’ Gedicht „Das Vaterland“ ab. Der Dichter hat dieses Gedicht Alfred Neumann gewidmet, der über zwei Jahrzehnte erster Stellvertreter des Ministerpräsidenten der DDR war, und es ihm am 3. November 1997 übersandt. In dem Anschreiben, das die „jW” als Faksimile abgedruckt hat, heißt es:

Lieber Alfred, ich habe Dir dieses Gedicht gewidmet. Wenn ich Dich einen „Sterbenden“ nenne, so ist es nur, um Dein hohes Alter von meinem hohen Alter zu unterscheiden. Es soll kein Wort für einen kranken Zustand sein; Sterbende sind wir von unserer Geburt an alle. Mögest Du hundert Jahre einer bleiben. In Freundschaft, Dein Peter

Hundert Jahre alt wurde Alfred Neumann nicht, er starb 91-jährig im Januar 2001.