Wir versammeln hier monatsweise chronologisch kleinere Meldungen mit Bezug zu Hacks.
Monatsarchiv für Oktober, 2009
Heute ist Premiere. 13 Jungen und Mädchen inszenieren im Gemeindehaus Nehren – das ist unweit von Tübingen – die Hacks-Erzählung „Der Bär auf dem Försterball“. Das Schwäbische Tagblatt besuchte eine Probe:
Mia hat ein Kissen unters T-Shirt gestopft. Sie spielt zwei Rollen gleichzeitig, sozusagen. Denn einerseits ist sie der Bär, den alle Jäger suchen. Doch just dieser Bär ist ein echter Spaßvogel und schleicht sich im Oberförster-Gewand auf den Ball im „Hirschen“, wo die Waldfreunde eine Geweihausstellung bestaunen und sich im Schießen und im Trinken messen. Wer allerdings zu viel Alkohol erwischt hat, kommt schnell auf dumme Gedanken. Und so steht Mia irgendwann schwankend auf dem Stuhl und lallt: „Ich hab eine gute Idee. Wir schießen jetzt den Bären!“ Wenn das mal gut geht.
Äm, ja. Bleibt nur noch zu sagen: Kinners, pass’ auf: Der Teufel hat den Schnaps gemacht!
Der Schriftsteller Christoph Hein hat kürzlich eine Einladung der Bundesregierung zu einer Veranstaltung zum 60-jährigen Jubiläum des Grundgesetzes ausgeschlagen. In einem offenen Brief begründete er dies mit der Ausgrenzung von DDR-Künstlern in der Ausstellung „60 Jahre – 60 Werke“ im Berliner Gropius-Bau. Im Interview mit dem Neuen Deutschland wünscht er sich, dass das anders sozialisierte Ostdeutschland weniger als Belastung für die Bundesrepublikaner, sondern als hinzugekommener Reichtum empfunden werde.
Christoph Hein erwähnt auch Monika Maron, die es leid ist, von einer DDR-Literatur zu reden. Hein empfindet dies ebenso: Die Fontane-Literatur werde schließlich auch nicht dem regierenden Hohenzollern-Haus gleichgesetzt und Flaubert nicht mit Napoleon III.
Die Autoren, mit denen ich Umgang hatte, Heiner Müller, Peter Hacks, Christa Wolf, Stefan Heym, Günter de Bruyn, Volker Braun verstanden sich immer als deutsche Autoren. Einen Autor, der sich nur als DDR-Schriftsteller verstanden hätte, könnte ich nicht nennen.
Überregional nicht sehr bekannt, aber dennoch: Die Oldenburger Kinder- und Jugendbuchmesse KIBUM ist die größte, nicht kommerzielle Messe im Bereich Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland. Am 7. November eröffnet sie zum 35. Mal - mit einer Theaterinszenierung von Peter Hacks „Jules Ratte“ unter der Regie von Elfie Hoppe mit Kindern der Klasse 3c der Grundschule Staakenweg.
Der Themenschwerpunkt der Messe ist das Land, das nicht mehr existiert: Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls lautet der Titel „Checkpoint KIBUM 2009“. Neben vielen anderen liest dort auch Thomas Brussig aus seinem Schelmenroman „Helden wie wir“, in dem er Fiktion und Wirklichkeit des Geschehens am Grenzübergang Bornholmer Straße am 9. November 1989 vermischt. Sehr zum Unwillen eines Beteiligten übrigens: Der Journalist Aram Radomski war der erste, der die Grenze passierte. Brussig gebraucht seinen Namen im Buch, verfremdet allerdings die Figur wie das wirkliche Geschehen. Radomski kann darüber noch heute nur mit dem Kopf schütteln und sagt: „Das ist frech!“
Einst hat Edith Rimkus-Beseler für den Kinderbuchverlag Autoren porträtiert. Darunter Erwin Strittmatter, Ludwig Renn und Peter Hacks. Der Scheunenverlag aus Kückenshagen gibt nun eine Neuauflage dieser Porträts heraus, oder wie die Autorin Susanne Schulz im Nordkurier anmerkt, sei das mehr als eine Neuauflage, „sondern ein Band, in dem Edith Rimkus-Beseler den Impressionen von damals Gedanken von heute hinzufügt“.
Viele der Schriftsteller haben – wie auch Edith Rimkus-Beseler selbst mit ihrem Mann Horst Beseler, dem Autor der „Käuzchenkuhle”, im mecklenburgischen Hinzenhagen – ihr Refugium in ländlicher Abgeschiedenheit gefunden, umgeben von Landschaft und Tieren. Auch diese Gemeinsamkeit lässt Nähe entstehen – und Respekt […]
Charmant wie der Hacks sein konnte, steckte er Rimkus-Beseler zu: „jetzt einen Photographen getroffen zu haben, der photographiert” – statt „Zelluloid zu verschwenden oder ihren Gegenstand zum Opfer zu machen”.
Ein Interview in der Konkret, das Hermann L. Gremliza mit Dietmar Dath führt. Es geht kurz gesagt um Hufeisenpläne, Lafontaine, Scheißdreck, katholische Mädchenfürsorge, Harry Rowohlt und Faschismus Rosinen. Gremliza stellt am Ende des Gesprächs fest, dass das nun eine große Themenvielfalt sei.
Ich habe vorhin „Kosmos Dath” gesagt. Gemeint habe ich, dass in Ihren Romanen alles vorkommt, was es auf der Welt so gibt, politisch, literarisch, musikalisch, ökonomisch, militärisch, wissenschaftlich-technisch, von Atomphysik über Meatloaf bis Hacks, und von allem scheinen Sie mehr zu haben als bloß eine Ahnung. Ich frage mich, wie jemand in dem zarten Alter von 39 all dieses Zeug auch nur kennengelernt haben kann? Schlafen Sie nie?
Dath: „Ich schlafe tatsächlich sehr wenig.“
Gremliza geht der Name „Hacks“ über die Lippen, das kommt nicht alle Tage vor. Und umgekehrt: Dath nimmt die Vorlage nicht auf. Vielleicht war er am Ende des Gesprächs tatsächlich schon etwas müde. Wer weiß.
Beim zweiten Hacks-Gespräch ist morgen Manfred Dietrich im Max-Lingner-Haus bei Karl-Heinz Müller zu Gast.
Dietrich begann nach dem Studium an der Schauspielschule Berlin und der Theaterhochschule Leipzig seine Theaterarbeit am Hans-Otto-Theater Potsdam und am Berliner Ensemble. In den 80er und 90er Jahren inszenierte er mehrere Stücke von Peter Hacks am Theater Greifswald und am Brandenburger Theater, darunter die Uraufführungen von „Die Kinder” und „Geldgott”.
Einmal im Monat lädt die Peter-Hacks-Gesellschaft eine Person zum Gespräch in das Max-Lingner Haus ein, die mit dem Werk des Dichters verbunden ist.
Die Peter-Hacks-Gesellschaft hat auf ihrer Webseite von Peter Hacks ein Gedicht unter dem Titel Notzucht in Originalhandschrift als pdf veröffentlicht. Dazu bemerkt Hacks: „Die letzte Strophe steht auf der anderen Seite zur Erhebung der Spannung.“ Hacks schrieb die Verse 1950 - offenbar als spätpubertierender Student.
Das Fachmagazin Buchmarkt vermeldet heute, was der Peter Hacks Seite bereits auf der Frankfurter Buchmesse zu Ohren gekommen ist: Unter dem Dach der Eulenspiegel Verlagsgruppe ist ein weiterer Verlag ins Leben gerufen worden, der sich der Pflege des Werks und Andenkens von Peter Hacks widmen soll. Der Aurora Verlag soll im März 2010 sein erstes Programm vorstellen.
Auf der zweite Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft am 6. und 7. November in Berlin soll es eine erste, vorgezogene Veröffentlichung geben:
Unter dem Titel Staats-Kunst. Der Dramatiker Peter Hacks erscheinen die Beiträge zur ersten wissenschaftlichen Tagung, die am 8. November 2008 stattgefunden hat. Thema war die Haltung des Dichters zu Fragen der Politik und Ästhetik, und zwar am Beispiel der Gattung, in der er das meiste geleistet hat: der Dramatik.
Der Band enthält die Beiträge der Referenten: Ute Baum, Rüdiger Bernhardt, Hans-Jochen Irmer, Kai Köhler, Gunther Nickel, Volker Riedel, Philipp Steglich und Heidi Urbahn de Jauregui, ergänzt um den Tagungsbericht von Bernadette Grubner und die Resonanz auf die Tagung in den Medien.
Er ging in einen grauen
Rock gekleidet, um sich kleiner zu machen,
Denn er kämpfte, der Rührende, für Gleichheit.
Wenn ein Riese aufsteht und kämpft für Gleichheit,
Ach, er möchte uns alle riesig haben.
(Hacks über Brecht)
Der MuMMMBlog des Vereins „Migranten und Multimedia“ weist mit diesen Zeilen auf die Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft am 6. und 7. November in Berlin hin, die Hacks und Brecht behandelt.
Der Beitrag ist eine Hommage an die Hacksschen Nadelstiche, etwa an Hans Magnus Enzensberger („Sind Sie Rockefeller?“). Der Blogschreiber steht Hacks im Austeilen nichts nach und kritisiert vehement Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, der Hacks vor allem für seine literarische Ästhetik schätzt, aber nicht als Kommunist: „Wenn ein Dichter den politischen Aspekt und das Handwerkliche seiner Dichtung einzeln nimmt, kommt dabei ‚Schnulze’ heraus“.
Vor 70 Jahren, also nur wenige Wochen nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, erschien Thomas Manns Roman „Lotte in Weimar”. Antonín Dick erinnert sich in der jungen Welt an die Rezeption, die der Roman erfahren hat; denn der Chefankläger der Nürnberger Prozesse, Hartley William Shawcross, zitierte daraus Goethe in seinem Schlussplädoyer:
Dass sie den Reiz der Wahrheit nicht kennen, ist zu beklagen, dass ihnen Dunst und Rausch und all berserkerisches Unmaß so teuer, ist widerwärtig, dass sie sich jedem verzückten Schurken gläubig hingeben, der ihr Niedrigstes aufruft, sie in ihren Lastern bestärkt und sie lehrt, Nationalität als Isolierung und Roheit zu begreifen, ist miserabel.
Auch Peter Hacks beschäftigte sich mit dem bürgerlichen Bildungsroman, der die antinapoleonischen Kriege 1813-1815 zum Hintergrund hat:
Als „präfaschistisch“ geißelte der junge Literaturstudent Peter Hacks den deutschen Aufstand gegen Napoleon in einer Studie zu „Lotte in Weimar“ – „das Gescheiteste, was je über diesen Roman geschrieben wurde“, quittierte Thomas Mann im Februar 1949 in einem Brief nach München. Die sogenannten Befreiungskriege begriff Mann mit Goethe als monströse Abwehrschlachten gegen notwendige politische Veränderungen, gegen Demokratie und Internationalismus. Sie führten über das Bismarck’sche zum „Dritten Reich“.

Corbinian Deller als Jona im Probenkostüm
„Wieso spielt ihn keiner?“, fragt das Talmagazin anlässlich der näher rückenden Uraufführung von „Jona” im Kleinen Schauspielhaus in Wuppertal. Während im Feuilleton, in der Literatur, ja selbst in der Musik die Wiederentdeckung von Peter Hacks in vollem Gange sei, halte das Theater sich noch bedeckt. Liegt das an der „inkorrekten” politischen Haltung des Biermann-Beleidigers und Ulbricht-Verehrers? Oder „ist es die Scheu vor klassizistisch gebauten, gern aristotelischen Versdramen, die in ihrem scheinbar altmodischen Gestus so gar nicht in die zeitgenössische Theaterlandschaft passen wollen?“ Die Frage bleibt unbeantwortet.
Zugleich findet vier Bahnstunden entfernt in Berlin die zweite wissenschaftliche Peter-Hacks-Tagung statt, die Hacks und Brecht zum Thema hat. Der Titel lautet: „Gute Leute sind überall gut“. Angesichts der Überschneidung steht so mancher vor der Entscheidung: Forschung oder Bühne? Hacks wäre vermutlich ins Theater gegangen. Schließlich hat er Stücke geschrieben, damit sie gespielt werden – und dennoch wünscht sich jeder Dichter, dass sein Werk diskutiert wird …
‘Gute Leute sind nicht überall’ »

Drei Novellen über die Glückssuche
Es gebe hierzulande wenige Autoren, die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit so aus der Deckung wagen, meint Christian Eger in der Mitteldeutschen Zeitung, als er den Schriftsteller Hartmut Lange zu Gast in der Evangelischen Akademie in Wittenberg erlebt. Plaudernd komme Lange schnell zur Sache:
Gott und die Welt, all das berührt das Publikumsgespräch. Langes Literaten? „Kleist ist mein Bruder, aber ich habe von ihm nicht schreiben gelernt.” Sondern? Von Fontane, Tschechow, dem frühen Thomas Mann. Kafka? „Faszinierend. Schreibt ein schauderhaftes Beamtendeutsch, das aber zu seinem Realismus gehört.” Warum er die DDR verließ? Geschichtsphilosophisch habe er sich gelangweilt, seine Dramen wurden nicht gespielt. „Herr Lange, kennen Sie Bauern, die in Versen reden?” Und Hacks? „Er hatte seine ästhetische Konzeption: die Weimarer Klassik. Außerhalb davon gab es nichts. Er hielt sich für Goethe und mich für Kleist.” Also einen Psychopathen.
„Gedichte in kunstferner Zeit“ lautet die Überschrift von Kai Köhlers Besprechung von Werner Makowskis „Stille Gesellschaft“ auf Literaturkritik.de. Aus seiner Ablehnung der Gegenwartspoetik macht der Rezensent keinen Hehl: Die Zeiten für Lyrik seien schlecht, befindet er und schreibt gar von „Pseudo-Lyrik“ und von „willkürlich in Verse gebrochener Prosa, die auf seitenverschwenderische Weise gedruckt werde“. So sehr Köhler sich auch aufregt, er kann diesem Zeitgeist auch Gutes abgewinnen:
Der modernistische Einspruch hat zur positiven Folge, dass nun die Tradition sich legitimieren muss. Sie hat heute nicht mehr die Gewohnheit auf ihrer Seite, sondern muss die erprobten Mittel Gedicht für Gedicht neu begründen.
„Keine so glückliche Hand hatte Bühnenautor Saul O’Hara, alias Peter Hacks, mit seinem Dreiakter Heiraten ist immer ein Risiko“, befindet Ingo Selle in der Schwäbischen Zeitung über die Inzsenierung des Tourneetheaters Der Grüne Wagen in der Pfullendorfer Stadthalle. Über weite Strecken sei zudem mit der Technik improvisiert worden, um Theater-Atmosphäre vorzutäuschen:
„Jetzt ist Pause” hieß es nach zwei Akten von je knapp 30 Minuten aus dem “Off” hinter der Bühne hervor, nach dem das Publikum den nicht so ganz rasanten Wirkstoff des Handlungsfadens der Krimi-Posse um Kommissar „Inspektor Campbell” auf dem Webstuhl des neunköpfigen Ensembles mit verfolgen durfte. Der ist in seiner mörderischen Rolle als blaubärtiger Oberst John Brocklesby der wahre Dreh- und Angelpunkt der Aufführung gewesen, wenn ihm auch der Rest der Compagnie an schauspielerischer Professionalität nicht nachstand.
70 Spielminuten habe es gedauert, bis sich alle Querelen und Mühseligkeiten aufgelöst hatten. Das Pfullendorfer Abo-Publikum muss geduldig gewesen sein – es applaudierte artig, berichtet Selle. Wenngleich das Stück doch „a matte Sach und ziemlich zach” (zäh) gewesen sei, wie er einen Zuschauer etwas säuerlich zitiert.



