Monatsarchiv für September, 2009

In jedem Kaff ein Klub, in jeder Stadt ein Theater

Klaus Wagenbach erklärt im Gespräch mit Frank Quilitzsch für die Thüringische Landeszeitung, warum Dichter geborene Anarchisten seien und weshalb für die von ihm herausgegebene Lyrik-Anthologie über hundert Gedichte aus der DDR gerade die Anfangsjahre von Belang sei:

Die 50er Jahre waren voller Hoffnung, selbst für einen Dichter wie Reiner Kunze, und man vergisst immer, dass eine Reihe von Autoren vom Westen nach dem Osten gewechselt sind - Stephan Hermlin, Wolf Biermann, Peter Hacks, Adolf Endler, um nur einige zu nennen. Ihre Hoffnungen galten einem Staat, in dem jedes Kuhkaff ein Klubhaus und jede Kleinstadt ein eigenes Theater hatte, in dem jeder größere Betrieb und jede Kaserne über eine Bibliothek verfügte und in dem es sogar ein Literaturinstitut gab. Und es gab - das war mein besonderer Neid - das „Poesiealbum”.

Ein Band von hundert ausgewählten Gedichten klingt nach Kanon, und als Quilitzsch diese Frage Wagenbach stellt, klingt die Antwort vorgefertigt: Keine „Westentaschenkategorien“ im Umgang mit dem Untergegangenen, bitte.

Der Turnwüterich

Peter Hacks sagte, Friedrich Ludwig Jahns Sprache klänge wie „ein deutsches Ur-Muhen“, und in „Ascher gegen Jahn“ stellte er fest, dass der Deutschtümler Jahn mit seinem Feldzug gegen Fremdwörter zugleich und vor allem gegen die Sprache selbst vorgehe.

Knut Germar erläutert auf dem Webblog Bonjour Tristesse aus Halle, warum Jahn, der dort studierte, entgegen der landläufigen Meinung weder Sportler noch Demokrat war:

Zum hartnäckigsten Unsinn, der über seine Person verbreitet wird, gehört das Bild von Jahn als einem Vordenker des modernen Wettkampfsportes. Denn dem „Turnwüterich“ (Karl Marx) und der von ihm zu Beginn des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufenen Massenbewegung ging es um alles andere, als um die Gründung harmloser Sportvereine und die Etablierung halsbrecherischer Kunststücke als olympische Disziplin. Jahn hatte viel Größeres im Sinn. Seine Begeisterung für Bauchwellen, Barren und Bocksprünge war eingebettet in einen Nationalerziehungsplan, mit dem er „Deutschlands Rettungsstern“ zum Aufgang verhelfen wollte, und den er 1810 in seiner Schrift „Deutsches Volkstum“ darlegte.

Einer der faszinierendsten Monologe

Das Saarbrücker Theater im Viertel führt am 23. und 24. Oktober das „Gespräch im Hause Stein…“ von Hacks auf. In der Ankündigung heißt es:

Dass man über Abwesende gern schlecht spricht, liegt in der menschlichen Natur. Und auch eine Dame vom Stande der Frau von Stein ist dagegen nicht gefeit. Da sieht er aber nicht mehr so gut aus, der feine Herr von Goethe, wenn Charlotte in ihrer ganzen Enttäuschung über ihn herzieht, wie man/frau das nur aus enttäuschter Liebe von der bös’ verletzten Seele lässt.

Über das Stück schrieb die Frankfurter Rundschau: „einer der faszinierendsten Monologe, die in deutscher Sprache nach 1945 geschrieben worden sind“. Die Saarbrücker Aufführung hat Albrecht Ochs inszeniert, die Stein spielt Ursula Ochs-Steinfeld.

Zur Ronald M. Schernikau - Biographie

Meldungen rund um Matthias Frings, Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau, Berlin: Aufbau Verlag 2009, 450 S., geb., 19,95 €.

Ronald M. Schernikau war ein Freund von Peter Hacks, sie pflegten einen regen Briefwechsel. Im September 1989 siedelte Schernikau nach Ostberlin über, zwei Jahre später starb er.

‘Zur Ronald M. Schernikau - Biographie’  »

Ein Wanderer zwischen den Welten

Rainer Kirsch dichtet Molières Komödie „Le Misanthrope“ nach und verwendet dafür durchgehend gereimte Jamben. Ein Kunstgriff, befindet die Philologin Heidi Urbahn de Jauregui in ihrer Rezension über Der Menschenfeind in der jungen Welt. Kirsch habe das Stück aus der höfischen Dichtung des 17. Jahrhunderts in die Gegenwart versetzt, ohne an Spannung zu verlieren.

So hat Kirsch nicht den französischen Alexandriner übernommen, der, wie wir von Peter Hacks wissen, der adäquate Hofvers des französischen Absolutismus mit seinen langen Dienstwegen ist. Der Hofmensch habe seine Wahrheit außen, wohingegen die des bürgerlichen Zeitalters innen getragen werde, und also vom Seelenkundlichen weniger abgesehen werden kann als zur Molière-Zeit. (Nur im Sozialismus hielten sich, so Hacks, „die öffentliche und die sogenannte menschliche Seite die Waage”. Der Sozialismus, das sei die „Weltrevolution und die Datsche”.)

Kirsch, der Wanderer zwischen den Welten, sei nicht nur ein begabter Dichter, sondern stehe über seiner Zeit. Er „hat zu den wenigen DDR-Dichtern gehört, die nach der Wende nicht zu Kreuze gekrochen sind“ – und nicht zuletzt sei ihm in „Der Menschenfeind“ dieser Sprung über die Zeiten und Lebenswelten hinweg so famos gelungen, schlussfolgert Heidi Urbahn de Jauregui.

Der Fotograf Roger Melis ist tot

Im Alter von 68 Jahren ist der Fotograf Roger Melis nach langer, schwerer Krankheit in seiner Heimatstadt Berlin gestorben. Das teilte der Lehmstedt Verlag in Leipzig mit. Er zählte mit seinen Reportagen und Porträts zu den bekanntesten Fotografen Ostdeutschlands.

Roger Melis wuchs ab seinem siebten Lebensjahr im Haus seines Stiefvaters, des Dichters Peter Huchel (1903-1981), auf. Das Künstlerleben war ihm vertraut, und Schriftstellerporträts in halbnahen Einstellungen waren sein Metier. Er fand immer wieder Details, in denen die Porträtierten ihre Eitelkeit verloren. Die Badische Zeitung schrieb über ihn:

Ein ausgebeultes Jackett bei Günter Grass trägt plötzlich zu Charisma und Charakter bei. Allein zwischen Heiner Müllers Zigarre und Peter Hacks‘ Zigarettenspitze liegen Welten. […] Schnappschüsse, etwa bei Schriftstellertreffen, sind die Ausnahme, aber die Fotografien von William Saroyan, Miguel Angel Asturias oder Pablo Neruda setzten auch sie in ihr Recht. Grundsätzlich wird nicht einfach fotografiert, sondern Melis versucht, sein Gegenüber zu erkennen.

„Hacks geht nicht weit genug“

Zum hundertsten Geburtstag von Alfred Matusche (1909-1973) erscheint im VAT-Verlag André Thiele unter dem Titel „Das Lied seines Weges“ eine Festschrift für den Dichter, in der es zuhauf Verweise auf Peter Hacks gibt. Hier schon einmal eine Kostprobe:

In den Notizen Armin Stolpers über seine Gespräche mit Matusche aus dem Frühjahr 1968 finde sich eine Passage, schreibt Manfred Pauli in seiner Abhandlung über „Matusches DDR in seinen Stücken“, die – gleichsam beiläufig – als so etwas wie eine poetische Konfession gelten könne:

Ihn störe, sagt Matusche, das Sterile bundesdeutscher Gesellschafts- und Kunstverhältnisse, und er hält dagegen:

„Insofern sehe ich für die Kunst hier viel größere Möglichkeiten. Man muss allerdings die Provokation auf die Höhe der Kunst bringen, sonst bleibt es Kabarett. Hacks werfe ich nur vor, dass er nicht weit genug geht, dass er ein immer besserer Wortbastler wird. Freilich der Dichter beginnt mit dem Sprachlichen …“

‘„Hacks geht nicht weit genug“’  »

„Jona“, das Lügenstück

Ein besonderer Termin rückt langsam näher, daher sei darauf noch einmal hingewiesen: Im Schauspielhaus Wuppertal präsentiert der Regisseur Marc Pommerening am 6. November „Jona“ von Peter Hacks. Der Dichter hat das Stück 1986 geschrieben. Bislang ist es eines der wenigen Dramen, die noch nicht aufgeführt wurden.

Hacks über das Stück:

In diesem Trauerspiel wird so hemmungslos gelogen, dass der Autor Mitleid mit den Schauspielern empfindet. Schauplatz ist Ninive: ein Ort der Verrottung… Über jedes Maß herrschen Verrat und Treuebruch. In Gestalt des Hofrats Jona aus Jerusalem wird die Welt Zeuge einer Intrige um Herzen und Throne, die allem menschlichen Anstand Hohn spricht.

Wieland - 31° le martin

Rayk Wieland verzweifelt in Shanghai und führt ein kurzes Selbstgespräch über den leider abwesenden Peter Hacks:

wie der selten genug verehrte dichter und zigarettenspitzenkenner peter hacks feststellte – ich weiß nicht mehr, wo genau und wie –, gibt es für die menschheit keine noch so aussichtslose lage, aus der sie nicht wieder herausfinden und einen vorteil ziehen könnte.
von mir zu sprechen: hier in shanghai sind gerade die üblichen angeblich nur 31 grad, die luftfeuchtigkeit bringt es heute auf 65, gefühlte 165 prozent. die stirn, an die man sich greifen möchte, ist beschlagen. nachts wird es aus gründen, die ich nicht wissen will, sogar noch wärmer.
m.a.w.: hier geht nicht zu leben, hier geht nicht zu atmen, hier geht nicht zu sein.
doch den cigarren, meinen cigarren, geht’s gut. die stadt ist der größte outdoor-humidor der welt. und: man kann immer und überall rauchen.
shanghai, ich komme!  bzw. bin da.

Untergang, später

679px-bundesarchiv_bild_183-s1006-027_nationalpreis_an_peter_hacks

Noch alles in Butter: Hacks bei Honecker 1977

Das Prinzip Hoffnung mag ein Weltprinzip sein oder auch keines; jedenfalls ist es ein Kunstprinzip. Indem einer Kunst macht, verrät er, dass er mit dem Weltende nicht rechnet. Er gibt sich nicht die ganze Mühe, um einen befristeten Stoff für einen befristeten Verbraucher herzurichten. Würde er mit dem Weltende rechnen, würde er die Sache lassen.

Peter Hacks

Gefunden in dem Blog on the left side von Rainer Rilling.

Parasiten, Wirtstiere und Google

antigoogle-1bEin deutscher Professor nennt Verleger und Autoren öffentlich Parasiten und Tiere. Worum geht’s?  - Das US-Unternehmen Google will das Urheberrecht beseitigen. Im Namen des Fortschritts, natürlich. Denn der Fortschritt ist ein Konzern aus Mountain View in Kalifornien.

Wir dokumentieren hier zentrale Wortmeldungen zur Sache. Der VAT Verlag Andre Thiele unterstützt den Appell für Publikationsfreiheit und Wahrung der Urheberrechte und bittet Autoren, Kollegen und Leser, sich anzuschließen.

‘Parasiten, Wirtstiere und Google’  »

Gespräche der Peter-Hacks-Gesellschaft

Die Peter-Hacks-Gesellschaft startet im Herbst 2009 die Veranstaltungsreihe Hacks-Gespräche. Karl-Heinz Müller, ehemaliger Chefdramaturg am Deutschen Theater in Berlin, empfängt im Max-Lingner-Haus in Berlin-Pankow Gäste. Wir dokumentieren hier die Abende und ggf. Pressereaktionen:

‘Gespräche der Peter-Hacks-Gesellschaft’  »

Endlich erschienen: Lose, Hacks-Vertonungen

Am 28. August präsentierte Marco Tschirpke aus Anlass von Hacks’ sechstem Todestag in Berlin sein Programm Tschirpke singt Hacks. Es war ein bemerkenswerter und dem Anlass angemessener Abend: Jeder Silbe gebührte Respekt, und Klaviertöne klangen nach, als wollten sie die Fliege im Scheinwerferlicht in Szene setzen.

Tschirpke vertonte seine ersten Hacks-Gedichte bereits als Jugendlicher und scheute sich nicht davor, dies dem Dichter auch persönlich mitzuteilen. Der reagierte am Telefon brüsk und sagte, Vertonungen seiner Werke gebe es bereits 600. Auf die eine oder andere mehr käme es auch nicht mehr an.

Aber der Dichter irrte.

‘Endlich erschienen: Lose, Hacks-Vertonungen’  »