Wir hatten bereits berichtet, dass der am 25. Juni verstorbene Jochen Berg noch immer unbeerdigt ist, weil das Geld fehlt, ihn angemessen zu bestatten.
Heute hat der Verlag einen elektronischen Newsletter mit der Bitte um Hilfe für die Familie Bergs versandt. Wir dokumentieren hier sowohl den Rundbrief als auch einen Teil der zahlreichen Reaktionen.
(1)
Elektronischer Rundbrief an alle Verlags-Kontakte vom 26. Juli 2009:
Sehr geehrte Damen und Herren,
erlauben Sie mir bitte, dass ich mich in einer unangenehmen Sache an Sie wende.
Am 25. Juni starb der Dichter Jochen Berg in Berlin. Jochen Berg war in den achtziger Jahren im Westen der meistgespielte DDR-Dramatiker nach Peter Hacks und Heiner Müller. Dann wurde es, wie man so schön sagt, wenn ein großer Mann vom Kulturbetrieb ignoriert wird, still um ihn.
In der DDR für seine selbstbewusste Kunsthaltung hin und wieder gefördert und hin und wieder verboten, hatte er dort doch immerhin eine feste Anstellung als Hausautor des Deutschen Theaters gefunden. Solche Großzügigkeit mochte die neue Zeit nicht walten lassen, weswegen ihm dieses kleine Auskommen 1991 genommen wurde. Jochen Berg starb folglich völlig mittellos.
Sein Sohn bittet nun auf sehr leise und freundliche Weise darum, dass man ihm helfen möge, seinen Vater zu beerdigen. Denn es fehlt an allem. Jochen Bergs letzter Wunsch war, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beerdigt zu werden. Sollten Sie mit seinem Werk nicht bekannt sein, vertrauen Sie mir in dieser Sache: Er hat verdient, dass man ihm seinen Wunsch erfüllt.
Jochen Berg ist bis heute unbeerdigt. Ich bitte Sie darum, zu überlegen, ob Sie der Familie von Jochen Berg mit einem kleinen Betrag helfen können, dass dieser unwürdige Zustand beendet wird.
Haben Sie Dank und entschuldigen Sie bitte die Störung.
Mit vorzüglicher Hochachtung etc.
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(2)
ach lieber herr xyz,
wenn ich nicht grad die schulden abzahlen würde, die ich machen mußte, um meine mutter unter die erde zu bringen …
beste grüße, ihr u.f.
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(3)
Lieber Herr xyz,
ich habe bereits für die Beerdigung von Jochen Berg etwas überwiesen, mehr kann ich wirklich nicht.
Liebe Grüße
Ihr W.M.
Sehr geehrter Herr M.,
das ist das Problem mit e-mail-Massenprogrammen: Sie sind hilfreich, senden aber Nachrichten auch an die, von denen man weiß, dass sie ohnehin tun, was sie können. Ich entschuldige mich für das Ungemach.
Sie sind sehr großzügig. Haben Sie Dank!
Immer Ihr ergebener etc.
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(4)
lieber herr xyz,
wenigstens antworten möchte ich ihnen auf ihre mail, auch wenn ich mich ausserstande sehe hier derzeit zu helfen. ich meine aber doch, es sollte sache aller jochen berg vertretenden verlage sein und der berliner theater einen “vorschuss” zu geben (volksbühne z.b. !), denn sicher wird ein neues interesse an diesem autor kommen.
auch rate ich, an den berliner senator für kultur heranzutreten, sowie an den bundespräsidenten köhler, der, soweit ich weiß, einen notfonds für solche fälle bereithält. auch hält die akademie der künste soweit ich weiss noch grabplätze auf dem dorotheenstädtischen friedhof, herr staeck sollte da ein ansprechpartner sein.
in der hoffnung, dass sich die institutionen hier nicht verweigern können, verbleibe ich mit herzlichem gruß bmm
Sehr geehrte Frau bmm,
haben Sie herzlichen Dank für Ihre freundliche Nachricht und die praktischen Hinweise, die ich gern weiterleite. Die Leute aus Bergs Umfeld, die ich in den letzten Tagen gesprochen habe, wirken alle wie kluge Menschen, ich bin mir deswegen fast sicher, dass das, was Sie ansprechen, schon ausprobiert wurde. Was ich gehört habe, ist: Die Akademie der Künste zu Berlin soll tatsächlich noch Grabstätten auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof halten, sie soll aber eine nicht unerhebliche “Spende” dafür erwarten, eine zu vergeben. Was ich weiß: Die Akademie hat einen fleißigen und grundsoliden Kenner beauftragt, Bergs Nachlass zu sichten; dies bedeutet aber auch, dass der Nachlass, wenn er von der Akademie aufgenommen wird, erst einmal für lange Zeit nicht mehr zugänglich sein dürfte.
Den Bundespräsidenten würde ich in dieser Sache derzeit nicht fragen müssen mögen; denn der muss jetzt erst einmal der Frau Gesundheitsministerin für viele 10tausend Euro eine neue Dienstlimousine kaufen, weil dieser Flitzpiepe ihr alter beim Urlaub in Spanien abhanden gekommen ist.
Es grüßt Sie dankend Ihr etc.
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(5)
Lieber xyz,
danke für Ihre mail. Ich kannte Jochen Berg persönlich und habe ihn - auch als Autor - geschätzt.
Meine Einkommenssituation als Autorin mit 3 Kindern unterscheidet sich von seiner leider nicht wesentlich. Trotzdem könnte ich vielleicht einen Beitrag erübrigen oder auch mit Freunden zusammenbringen.
Den verbreiteten Wunsch, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beerdigt zu werden, kann ich selbst zwar kaum nachvollziehen und finde ganz ehrlich gesagt, dass ein Spendenaufruf in diesem Zusammenhang irritiert, aber wenn Jochen Berg solch ein Grab wünschte, kann dies ja wohl keine reine Sache des Geldes sein.
Diese Art ‘Ehrengrab’ bei Brecht&Co ist schwer zu bekommen, für einen Dichter könnten es die Kollegen und Freunde einfordern. Passiert etwas in der Richtung?
Mit Hochachtung A.L.
Sehr geehrte Frau L.,
haben Sie Dank für Ihr Bemühen, in Ihrer Lage etwas für diesen Zweck, und vielleicht auch mit Freunden, zusammenzubringen.
Sie finden, ehrlich gesagt, den Spendenaufruf in diesem Zusammenhang, dem der Beerdigung des Jochen Berg in einem sog. Ehrengrab, irritierend, und ich kann nur entgegnen: Gut so. Denn es kommt nicht auf die Sachfrage an, die man notfalls still lösen könnte, sondern auf das Symbolische an der. Ich behaupte nicht, dass ich Anhänger einer Gesellschaftsordnung bin, in der die Dichter von der Hälfte ihres Jahreshonorars eine Stiftungen über 25 Millionen Mark gründen können, während verstorbene Vorsitzende großer Autokonzerne unbeerdigt in Kühltruhen zwischengelagert werden, derweil ihre Familien beim Bundespräsidenten um Bestattungsgelder betteln. Aber die Ordnung, die wir heute haben, und die sich am Fall Jochen Berg anschaulich macht, scheint mir in einem solchen Maß frei von Anstand zu sein, dass sie ein Chaos ist, das beseitigt gehört.
Man muss Jochen Berg dort bestatten, wo er bestattet werden wollte, und man muss öffentlich sagen, wer das bezahlt hat, nämlich zum Beispiel Autorinnen mit drei Kindern, die selbst kaum hinkommen. Man muss sagen, dass wir in einer Republik leben, der es an Milliardengräbern nicht mangelt, an Ehrengräbern für ihre Dichter aber schon.
Haben Sie nochmals Dank.
Mit freundlichen Grüßen etc.
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(6)
[anonym]
Appell
Weil ihr arm seid, müßt ihr spenden.
Die ihr unter Brücken gammelt,
Die ihr lehnt an Bahnhofswänden,
Gebt die letzte Mark. Gesammelt
Wird für eine Grabesstelle
An dem Platz für Geisteshelle.
(Übrigens zu wünschen wär
Uns ein neuer Robespierre).Großer Beifall. Sehet fruchten,
Liebe Bettler, eure Spende.
Mögt nun das Jahrtausend wuchten
Kraftvoll im Genuß der Wende.
Auch die Kinder, schwatzend, hüpfend,
Tücher über Blusen knüpfend,
Sind mit ihrem Pionier-
leiter zum Vergnügen hier.(nach Peter Hacks)
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(7)
Lieber Herr xyz,
haben Sie vielen Dank für Ihre Nachricht - als Nichtleser vom “Tagesspiegel” habe ich wirklich erst durch Sie vom Tode Jochen Bergs erfahren - ich kannte ihn, wie viele Theaterleute, eine zeitlang. Leider bin ich nicht reich genug, eine angemessene Spende zu geben - aber wenn sich nur hundert Kollegen fänden, die so gering wie ich spenden können, wäre schon etwas getan.
Herzlich
Ihr
M. B.
Sehr geehrter Herr B.,
auch ich habe von Bergs Tod über die Peter Hacks Seite erfahren - deren Redakteur Stefan Otto brachte am 30. Juni eine Meldung. Mir war Berg bis dahin nur bei Hacks begegnet, ich kannte ihn außerdem aus zwei kürzeren Texten. Was dann aber losbrach, und auf der Peter Hacks Seite gut nachvollzogen werden kann, an Meldungen und Weiterungen, hat mich vom Wert dieses so unglücklich verstorbenen Mannes restlos überzeugt.
Haben Sie Dank für das geringste, was Sie tun können, das auch immer das Angemessene ist. Und Grüße an die 100 Kollegen!
Hochachtungsvoll, etc.
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(8)
Sehr geehrter Herr xyz,
vielen Dank dafür, daß Sie mir die Mail schicken. Ich habe durch eine Mail von N.N. die traurige Nachricht schon erfahren (und auch sofort etwas überwiesen), ich hoffe sehr, daß es möglich ist, Jochen Bergs letzten Wunsch zu erfüllen, denn wo ein Mensch begraben sein will, ist schließlich mehr als wichtig.
Danke, daß Sie die notwendige Publizität der Bitte herstellen, ich hätte es ohne die Information auf Ihrer Website (auf die N.N. verwies) wohl nicht erfahren.
Mit sehr freundlichen Grüßen (und, wo ich Ihnen gerade schreibe, Dank auch für die so schöne Gestaltung des Buches von Werner Makowski)
D.D.
Freie Autorin
Halle
Sehr geehrte Frau D.,
für uns ist die Resonanz auf unsere bescheidenen Hinweise eine große, freudige Überraschung, so auch Ihre. Haben Sie Dank für Ihre Hilfe für die Familie Jochen Bergs. Ich stimme Ihrem Lob für Werner Makowskis Buch aus vollem Herzen zu und darf das auch, denn ich habe nicht das Geringste damit zu tun, es ist alles die hervorragende Arbeit des Dichters selbst und des Lektors Martin Engelmann gewesen, vom Einband bis zur letzten Seite.
Es grüßt sehr herzlich etc.
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(9)
Lieber xyz,
vielen Dank für Ihr ergreifendes Anschreiben, das deutlich macht, in welche Zustände wir von den gegenwärtig herrschenden, ich möchte fast sagen: zurück geboomt sind. - Obwohl ich selbst zu den völlig Mittellosen zähle (und Ihr Schreiben mich insofern wie eine Zukunftsvision trifft), war es gut, dass Sie an mich dachten, zumindest konnte ich das Anliegen vierzehn potentiellen Spendern weiter unterbreiten. Sicher wird es helfen.
Mit herzlichen Grüßen, Ihr
O.B.
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(10)
Lieber Herr xyz,
ich habe von Jochen Berg erstmals nach dessen Tod gehört oder besser gelesen. Dieser Fakt und die Tatsache, dass auch Sie sich seiner Sache annehmen, wiegen mich in der Gewissheit, dass Berg ein anständiger Großer und vernünftiger Guter gewesen sein muss. So was kommt, wie wir wissen, herzlich selten vor.
Leider sehe ich mich im Moment außerstande, einen Beitrag zu leisten, der jenseits der Größenordnung einer netten aber verpuffenden Geste liegen könnte.
Abschließend kann ich mich nicht enthalten zu sagen, dass mich der Fakt, die Not, welche Ihren Spendenaufruf zur Folge hat, weder beheben noch wenigstens lindern zu können, derart beschämt, dass ich schlichtweg sprachlos bin.
Ihr JSS
Sehr geehrter Herr S.,
Ihre Formulierung vom “anständigen Großen und vernünftigen Guten” werde ich unbedingt von Ihnen stehlen, denn sie ist sehr griffig.
Sie tun gut daran, sich zu schämen dafür, dass Sie die Not, welche den Spendenaufruf zur Folge hatte, weder beheben noch wenigstens lindern können. Denn es ist eine Schande, dass wir leben wie wir leben. Wichtig aber ist, diese Schande nicht gegen uns, sondern durchaus und kräftig nach außen zu wenden, und das wollen wir im Falle Jochen Berg doch zusammen einmal gründlich tun.
Es grüßt Sie Ihr etc.
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(11)
[anonym]
Empörung füllt die Herzen unserer Landsleute.
Steht auf! Steht auf! Steht auf!
Chinesische Nationalhymne
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(12)
Lieber Herr xyz,
vielen Dank für diese traurige Nachricht, die mich wegen des Urlaubs erst heute erreichte. Ich werde in den nächsten Tagen einen Berag auf das von Ihnen angegebene Konto überweisen.
Mit freundlichen Grüßen
F.G.
Leitende Lektorin Sachbuch
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(13)
Lieber Herr xyz,
danke für Ihre Mail. Ich war ein paar Tage nicht da. Werde aber heute einen Betrag auf das angegeben Konto überweisen.
Liebe Grüße. K.B., Buchhandlung
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(14)
Sehr geehrter Herr xyz,
vielen Dank für Ihre Nachricht.
Der Dichter Jochen Berg war mir durch einige Publikationen, u.a. in Sinn und Form bekannt. Ich werde mich mit einer kleinen Spende beteiligen, mehr ist mir leider nicht möglich, da ich nur ein sehr geringes Einkommen habe.
Mit freundlichen Grüßen, R.v.S.
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2 Responses to “Jochen Berg - Zweiter Aufruf”
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