„Hacks’ Theorie mitdenken“

Die junge Welt veröffentlichte gestern einen Auszug aus Dichterliebe, Heidi Urbahn de Jaureguis gerade erschienenem biographischen Roman zu der Schriftstellerin Camille Selden (1825–1896) – alias Elise Krinitz alias Johanna Christiana Müller. Selden gab sich viele Namen. Bekannt wurde sie aber vor allem als die „Mouche“ Heinrich Heines (1797–1856), dessen späte Geliebte und Begleiterin im letzten Lebensjahr sie war. In einer Einführung zum Vorabdruck heißt es:

Das Buch verbindet wissenschaftliche Solidität mit einer spannenden Erzählweise. Die Biographin schaltet zwischen sich und ihre Heldin einen männlichen Erzähler, der von den kritischen Einwürfen seiner Freundin Madeleine begleitet wird. Das schafft zugleich die Möglichkeit, problematische Punkte im Leben der „Mouche“ in der angemessenen Form des Dialogs zu behandeln.

Felix Bartels nimmt auf der Seite Neuestes vom Parnassos den Vorabdruck zum Anlass, um auf den Hintergrund der Autorin hinzuweisen. Urbahn de Jauregui ist eine ausgewiesene Hacks-Kennerin, und diesen Einfluss macht Bartels in „Dichterliebe“ aus:

Insbesondere im 3. und 4. Kapitel des Buchs, worin jeweils von den Begriffen der Liebe und der Politik gehandelt wird, die Heinrich Heine sein Eigen nannte, muss man als Folie die entsprechenden Theorien von Peter Hacks mitdenken. Dass es möglich ist, diese Auseinandersetzung mit Heine auch eine mit Peter Hacks sein zu lassen, hängt nun wieder damit zusammen, dass Hacks und Heine bezüglich Liebe und Politik recht ähnliche Vorstellungen besessen haben.

Wie nun die Anschauungen beider Dichter gegenwärtig wahrgenommen werden, darüber staunt Felix Bartels:

Heine hat kaum minder deutlich seine politische Gesinnung offengelegt als Peter Hacks, doch seltsamerweise besteht, während bei Hacks alle Welt um seine Gesinnung weiß und Teile von ihr sogar Schwierigkeiten haben, überhaupt etwas anderes in diesem Dichter zu sehen, bei Heinrich Heine auch nach guten anderthalb Jahrhunderten die Hauptarbeit der Philologie immer noch darin, diese Ansichten dem Publikum und sogar […] Teilen der Fachwelt überhaupt erst einmal zur Kenntnis zu bringen.

Alle Welt weiß um Hacks’ kommunistische Gesinnung. Heine, wie Heidi Urbahn de Jauregui ihn darstellt, war jedoch Monachist, der dem Volk Charakterlosigkeit unterstellt. Ungeachtet dessen werde der Dichter heute vor allem als Demokrat wahrgenommen - wundert sich Bartels.

2 Responses to “„Hacks’ Theorie mitdenken“”


  1. Nephe 1 Nephe

    Was wundert sich Bartels? Wenn er das Leben so gut kennen würde, wie er immer meint, würde ihn an der Legendenbildung um Dichter und Denker nichts wundern.

  2. Felix Bartels 2 Felix Bartels

    Mich wundert vor allem der Umstand, daß Sie die Protasis des Konditionalsatzes mit “würde” konstruieren.

    Inhaltlich haben Sie schon ein bissl recht: Natürlich ist die Bildung der Meinungen über die großen Dichter auch nicht anders als Meinungsbildung immer ist. Die meisten Menschen sehen nunmal mit Vorliebe, was sie sehen wollen. Aber genau das ist doch, trotzdem es wahr und gewöhnlich ist, im Grunde eine große Verrücktheit, über die sich zu wundern man nie aufhören sollte.

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