Monatsarchiv für Juli, 2009

Die Widerspenstige

Ursula Karusseit wird am 2. August 70 Jahre alt. Die junge Welt blickt anlässlich des nahenden Ehrentags zurück auf ihre erfolgreiche Rolle als Gertrud Habersaat in dem erfolgreichen Fernsehmehrteiler „Wege übers Land“ (1968) nach dem Drehbuch des Schriftstellers Helmut Sakowski:

Sie verkörperte das Gegenteil von Puppenhaftigkeit derartig überzeugend, dass sie in Zukunft weitgehend auf die Rolle der Widerspenstigen, Burschikosen festgelegt war. Dabei haben ihr die Kritiker immer wieder Wandlungsfähigkeit, Ausstrahlung und Charme bescheinigt. Sie sei „von einer Expressivität seltener Art, von einer natürlichen Intensität ohnegleichen“, und sie könne „wie ein Sturzbach über Szene und Publikum hereinbrechen“ (Inge Nössig).

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Karusseit und Besson empfangen die sowjetische Künstlerin Malinowska (1974)

Doch in erster Linie blieb sie eine Bühnenschauspielerin. Sie trat am Deutschen Theater  in „Der Drachen“ von Jewgeni Schwarz auf. Diese Aufführung bezeichnet sie als ihr schönstes Kunsterlebnis. Besondere Beachtung erzielte sie mit der Rolle der Roten Rosa in „Moritz Tasso“ von Peter Hacks  unter der Regie ihres Ehemannes Benno Besson.

Hacks verprügeln

Bei der DDR-Premiere der Hacks-Komödie „Margarete in Aix“, die Benno Besson inszenierte und in der Ursula Karusseit die Hauptrolle spielte, sorgte der Dichter im Oktober 1973 für einen Eklat: André Müller sen. berichtet in seinem Anekdotenband Gott hält viel aus, wie Hacks im Zuschauerraum sitzt und Besson ihn nach dem Ende des Stücks auf die Bühne holen lässt. Hacks habe sich widerwillig erhoben und sei lässig, mit finsterem Gesicht, eine Hand in der Hosentasche, von der zehnten Reihe aus auf die Bühne gegangen.

Ich sehe, wie er sich verdrossen verbeugt, die Karusseit […] leicht auf die Wange küsst und dann wieder – die Hand weiter in der Hosentasche – zurück zu seinem Platz geht. Er hat Besson damit vor aller Welt desavouiert. Natürlich ist der Beifall kaputt, und es gibt mindestens 20 Vorhänge weniger. […] Die Schauspieler weinen und besaufen sich, die Karusseit heult ungeheuer und geht dann empört auf mich los. Dann wollen sie Hacks verprügeln, saufen aber lieber.

Kurzmeldungen - Juli 2009

Wir versammeln hier monatsweise chronologisch kleinere Meldungen mit Bezug zu Hacks.

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Peter Hacks und Fritz Erpenbeck

Hacks war gerade nach Berlin gezogen, als er und Fritz Erpenbeck den Lessing-Preis erhielten. Das Foto vom 24. Januar 1956 zeigt beide auf der Feier mit einem Glas Sekt anstoßen.

Erpenbeck (1897-1975) war während des Weltkrieges Chefredakteur des Senders „Freies Deutschland“ und Mitglied der Gruppe Ulbricht. Von 1946 bis 1958 leitete er die Zeitschriften „Theater der Zeit“ und „Theaterdienst“ und gründete zusammen mit Bruno Henschel den Henschel Verlag. Darüber hinaus war er im Ministerrat der DDR und von 1959 bis 1962 Chefdramaturg an der Berliner Volksbühne.

Ohne den letzten Vorhang

Die Leipziger Volkszeitung berichtet über den Spendenaufruf für Jochen Bergs Begräbnis: Der Dichter habe seinen Frieden noch immer nicht gefunden. Denn sein letzter Wunsch sei es gewesen, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin – im Umfeld also von Heiner Müller und anderen einst Vertrauten – beerdigt zu werden, schreibt Michael Ernst. „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze. Und für den Theatertexter hat sie, in Abwandlung dieses Schiller-Zitats, nicht mal ein Grab?“

Jochen Berg ist schon zu Lebzeiten ein tragisch Verkannter gewesen. Dabei war er, nach Peter Hacks und Heiner Müller, der meistgespielte Bühnenautor aus der DDR – freilich auf westdeutschen Bühnen. Dort, wo er zu Hause war, kamen seine Werke nicht auf die Bretter und bis auf eine frühe Ausnahme in der Zeitschrift „Theater der Zeit” nicht mal in die Verlage.

Dabei war der 1948 in der Harz-Gemeinde Bleicherode geborene Künstler mehr als eineinhalb Jahrzehnte lang Hausautor des Deutschen Theaters! Was für ein Treppenwitz in der Bühnengeschichte, dass Bergs Stücke – darunter eine anspielungsreiche Tetralogie mit Querbezügen zwischen Antike und deutsch-deutscher Gegenwart – in der einstigen Hauptstadt Berlin nicht zu erleben waren. Für sozialistischen Realismus war der gelernte Kalibergbauer und Krankenpfleger, der Lehre und Schauspielstudium abgebrochen hatte, nicht zu haben.

Spendenaufruf für Jochen Bergs Beerdigung

Egon Krenz aus der Haft

Rudolf Hempel schreibt auf Blogsgesang über neue Bücher, auch über Egon Krenz’ Gefängnis-Notizen, woraus er zitiert:

Peter Hacks beschrieb vor einigen Jahren: „Diesem Land ist weggenommen worden ein schlechter Sozialismus und gegeben worden ein schlechter Kapitalismus“. Er glaube, dass die Leute lernen, dass der „schlechteste Sozialismus immer noch besser ist als der beste Kapitalismus.“ Hacks vertraut darauf, dass die Menschen lernfähig sind. Er hat Recht behalten. Überdies haben die Ostdeutschen einen großen Vorteil: Sie haben zwei gesellschaftliche Systeme erlebt. Sie können vergleichen.

Die Passage sei provokant, meint Hempel und beschreibt im Anschluss Krenz’ Haltung:

Sein Vertrauen auf wissenschaftliche Analyse und die Forderung nach politischem Anstand kollidieren, so seine Sicht der Dinge, grundsätzlich mit dem neuen Souverän. Der mit der Logik des Siegers eine Deutungshoheit über die Geschichte für sich beansprucht.

Egon Krenz wurde wegen vier Todesfälle an der innerdeutschen Grenze zur Verantwortung gezogen und im August 1997 vom Landgericht Berlin zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt. Die Haftstrafe trat er am 13. Januar 2000 in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Hakenfelde an. Am 18. Dezember 2003 wurde Krenz vorzeitig entlassen, und die Reststrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Weitere Ermittlungen gegen ihn wegen Anstiftung zum Wahlbetrug wurden eingestellt.

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Jochen Berg - Zweiter Aufruf

Wir hatten bereits berichtet, dass der am 25. Juni verstorbene Jochen Berg noch immer unbeerdigt ist, weil das Geld fehlt, ihn angemessen zu bestatten.

Heute hat der Verlag einen elektronischen Newsletter mit der Bitte um Hilfe für die Familie Bergs versandt. Wir dokumentieren hier sowohl den Rundbrief als auch einen Teil der zahlreichen Reaktionen.

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Aus dem Postparadies

Die Badische Zeitung berichtet über die Inszenierung „Eva oder die Freiheit der Fische“ von Susanne Franz, aufgeführt im Innenhof des Wentzingerhauses am Münsterplatz in Freiburg:

Was wäre, wenn Eva im Paradies in den Apfel gebissen hätte, nur um aus dem verteufelt bequemen Pferch Eden auszubrechen, endlich durchzustarten ins wahre, selbstbestimmte Leben? Und was, wenn sie und ihr einstiger Liebster sich heute wieder träfen, nach jahrtausendelanger Erfahrung mit der postparadiesischen Praxis? Susanne Franz hat dieses Treffen auf die Bretter verlegt, welche bekanntlich die Welt bedeuten: Eva, eine arbeitslose Polarforscherin, putzt im Theater. Er, Saisonschauspieler, müht sich ausgerechnet mit Peter Hacks’ Version von Aristophanes Komödie „Die Vögel”. Wir erinnern uns des sprichwörtlichen „Wolkenkuckucksheims”.

Das Stück sei ein manchmal reichlich kunterbuntes Patchwork aus Mythos, Theater und Beziehungskiste, präsentiert mit einem zuversichtlichem Augenzwinkern und der Hoffnung, wenigstens noch ein Fetzen vom Paradies zu erhaschen. „Glück ist das Erkennen der eigenen Bedürfnisse“, sagte schon Epikur. Diese Sentenz fließe in jede Szene ein, heißt es. Als habe der Philosoph nicht vor 2300 Jahren in Athen gelebt, sondern irgendwann in der Postmoderne.

Berlusconi geht duschen

Als Barack Obama zum US-Präsidenten gewählt wurde, vergnügte sich Silvio Berlusconi mit einer Prostituierten. Das Callgirl Patrizia D’Addario ließ beim Treffen ein Tonband laufen. Die zur Verlagsgruppe der Tageszeitung La Repubblica gehörende Wochenzeitschrift L’espresso hat den Mitschnitt nun veröffentlicht.

Berlusconi: „Ich geh jetzt auch duschen, und du wartest im großen Bett auf mich, wenn du vorher fertig bist.“
„In dem Bett von Putin?“
„Ja, in Putins Bett.“
„Ach wie schön, das mit den Vorhängen …“

Kein sonderlich gehaltvoller Dialog, für D’Addario folgte dennoch ein Karrieresprung. Sie fand sich wenige Monate nach ihrem Rendezvous mit Berlusconi als Kommunalkandidatin in ihrer Heimatstadt Bari aufgestellt.

Ambros Waibel kommentiert in der tageszeitung Berlusconis freizügiges Treiben:

Im Gespräch mit gutbürgerlichen italienischen Intellektuellen trifft man immer wieder genau hier auf eine moralische Leerstelle. Wer auf Mindeststandards besteht, der gilt ihnen bestenfalls als naiv, was letztlich eine Umschreibung von „Idiot“ ist. Die Journalisten von La repubblica, die das „Papi-Gate“ aufdeckten, haben ganz offensichtlich keine Lust mehr gehabt, als Idioten dazustehen. […]
Der Dichter Peter Hacks hat den Vorwurf, er schlüge unter die Gürtellinie, einmal mit dem Hinweis beantwortet: Ja, wenn die Gegner eben nicht immer so groß wären! Berlusconi und seine Entourage haben oft genug bewiesen, dass Rechtsstaat und Demokratie für sie rein formale Begriffe sind. Der einzige Wert, den sie mit allen Mitteln verteidigen, ist die Freiheit ihrer Clique.

Der Graphiker Heinz Edelmann ist gestorben

Heinz Edelmann zeichnete für den Beatles-Trickfilm „Yellow Submarine“ das berühmte gelbe U-Boot – dabei sei er kein großer Fan der Band gewesen, wie er einmal im Interview bekannte. Jetzt ist der Grafikdesigner im Alter von 75 Jahren gestorben. Das habe die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart mitgeteilt, berichtet Spiegel Online.

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Zu seinen Arbeiten zählen die Zeichnungen der ersten deutschen Ausgabe von J.R.R. Tolkiens phantastischem Roman „Herr der Ringe“ für den Verlag Klett-Cotta. Edelmann illustrierte auch das Hacks-Kinderbuch „Kathrinchen ging spazieren“, das der Verlag Middelhauve 1973 herausgegeben hat. Aus einer Kundenrezension bei Amazon heißt es:

„Die Bilder sind eine dramatische Ergänzung der Reime. Heinz Edelmann […] hat so gewaltig gezeichnet, dass Kindern die Reime zu jedem Bild sofort einfallen. Herrlich, wenn bei der Kokodilhochzeit das Brautpaar vereint den Pfarrer auffrisst. Gleichwohl kommt der eigentliche Sinn, die Bescheidenheit im Umgang mit Wünschen zu üben, sehr deutlich heraus. Auch wenn die letzte Erbse lediglich zum Lichtausschalten genutzt wird. Freude und Lebenslust zu genießen erkennen Kinder sehr schnell.”

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Grauer Antikmarkt

Die Welt blickt zurück auf einen eingeschränkten Kunstmarkt in der DDR. Größere private Besitztümer von Bildender Kunst habe es nicht gegeben – dafür hätten die Voraussetzungen gefehlt:

Es gab kaum große Vermögen, es gab keinen nennenswerten Kunstmarkt, und den für eine sachgemäße Aufbewahrung erforderlichen Raum gab es auch nicht. Die Ideologie, der sich der Staat unterworfen hatte, bevorzugte das kollektive Eigentum. Sämtlicher Privatbesitz musste sich dem unterordnen.

Alte Möbel seien bevorzugt ins Ausland gegangen, das brachte Devisen ein. Dennoch habe sich ein grauer Markt herausgebildet:

Er funktionierte über Zufallsbekanntschaften, Flüsterpropaganda und Kleinanzeigen in Regionalblättern. […] So konnten hübsche private Besitztümer entstehen, vor allem norddeutsches Biedermeier war hoch begehrt. Der erfolgreiche Dramatiker Peter Hacks verfügte in seinen beiden Wohnsitzen über eine vorzügliche Sammlung schöner alter Möbel.

Zähneknirschend ließ das die Staatsmacht gewähren.

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Bekenntnis zur Klassik

Ambros Waibel gratuliert in der jungen Welt dem Schriftsteller Rainer Kirsch zum 75. Geburtstag und zitiert aus dessen „Selbstporträt fürs [DDR-] Fernsehen“ von 1978 folgende Passage:

Beim Schreibenlernen halfen mir, nehme ich an, außer schneller Auffassungsgabe und Übersensibilität sächsischer Fleiß, Neugier und etwas wie kindliches Selbstvertrauen, das man auch gemäßigten Narzissmus nennen kann. (Ein Schriftsteller, der sich nicht leiden kann, scheint mir ungeeignet für den Beruf: wie kann jemand, der nicht einmal sich selber liebt, die Menschheit lieben?)

Für Waibel war Rainer Kirsch prägend, weil er durch ihn Gedichte von Karl Mickel, Richard Leising und Wulf Kirsten entdeckt habe. Mickel stand zusammen mit Kirsch dem ästhetischen Credo von Peter Hacks nahe, was Kirsch in einem Interview mit Rüdiger Bernhardt von 1980 anhand der Begrifflichkeit „Utopie“ erläutert:

Vermutlich hätte ich genauer sagen sollen, dass die Tradition, die mir am meisten bedeutet, die Klassik ist, Klassik in einem sehr weiten Sinn. Auf die Utopie zurückzukommen: Hacks hat, in den „Maßgaben der Kunst”, vorgeschlagen, statt „Utopie“ Ideal zu sagen, weil damit jeder gleich wisse, dass ein Ensemble von Richtwerten gemeint ist, auf die man zugehen kann, die die Menschheit aber nie erreichen wird. Das hat einiges für sich.

Wiglaf Droste taut auf

Der Satiriker Wiglaf Droste hat im März für sechs Monate den Posten des Stadtschreibers in Rheinsberg übernommen. Auf Deutschlandradio Kultur erzählt er über seine Erlebnisse in der Mark Brandenburg: Als großstadterprobter Ostwestfale genieße er die Natur. Droste habe dort Haubentaucher gesehen, die einen ganzen Fisch lebend verschluckten. Nun wolle er selbst noch seine verbleibenden Zeit in Rheinsberg nutzen, um „die edle Kunst des Fischefangens” zu lernen.

Auf die Frage, für was für einen Menschenschlag er die Rheinsberger halte, antwortet Droste:

Peter Hacks hat gesagt in einem Gedicht am Ende: „Dies von der Mark und von den Märkerinnen, man muss die Reize ihnen abgewinnen.“ Und Fontane sagte, dass man die Liebe zu Land und Leuten schon mitbringen muss, wenn man herfährt. Das ist beides wahr, denn es sind Leute, die sich einem nicht gleich an den Hals hängen, die sind erst mal zurückhaltend, und das finde ich aber eigentlich auch sehr angenehm. Menschen, die einem gleich ohne Kenntnis der Person und ohne näheres Ansehen oder Anhören erzählen, wie großartig man sei, führen ja eher dazu, dass man guckt, ob das Portemonnaie noch in der Gesäßtasche steckt. Und der Ostwestfale ist da nicht unähnlich. Sehr herzlich, wenn er auftaut, aber er taut eben erst mal auf.