Hacks’ Antwort auf den Niedergang der DDR? Orgien! - Aber ich greife vor.
Das Buch, das es zu besprechen gilt, kommt aus dem Hause Eulenspiegel, - will sagen, es ist vorzüglich gemacht. Und der Preis ist wie immer korrekt. Soviel dazu. Außerdem bietet der Band Zeichnungen von Klaus Ensikat, für die man erstaunlicherweise nichts extra berechnet bekommt. Aber: 16 Zeichnungen von Ensikat preist der Verlag an, diese Zahl stimmt nicht; ich habe nachgezählt, es sind 17, wenn man die eigenständige Zeichnung des Covers korrekt mitzählt. Das kritisiert man gern: Dass man mehr bekommt als angekündigt wurde.
Zu Ensikats Bildern sag’ ich nichts; sie sind zu gut, man muss sie sehen. Ensikats Idee ist es, den Diskurs der zwei linken Arbeiter und die zuhörende Dame Corinne in ein Caféhaus zu verlegen. Hacks hatte ihn in einem salonähnlichen Raum spielen lassen. Ensikats Grund: So kann er jede Menge Hintergrund zeichnen, und dieser Hintergrund ist eine so detailreich ausgeführte Sache, dass er eine ganz eigene Geschichte erzählt. Im Grunde gleichen die Illustrationen einer langen Kamerafahrt durch das besagte Café; ich meine, einige prominente Gesichter erspäht zu haben, jedenfalls: Menschen und Menschliches überall. Am Ende des Textes greift Corinne sich aus ihrem Sessel heraus ein Buch aus dem Regal. Im Caféhaus gibt es keine Sessel und kein Regal; da stimmen Illustration und Text nicht überein, aber der Intimität des Salons und deren Reflex auf das Gespräch jedenfalls nimmt die Caféhausatmosphäre eben nichts. - Also, Buch großartig, Illustrationen großartig.
Ich will, bevor wir zum Inhalt kommen, meine einzigen beiden Kritikpunkte loswerden.
Erstens, Hacks nannte seinen Essay “Linke Arbeiter”. Warum nun “Gewisse Geheimnisse”? Zugegeben, Hacks’ Titel ist schlecht, der neue ist viel besser; aber gibt uns das das Recht, Hacks zu ändern? - Nun, besonders wichtig ist das nicht.
Zweitens, der Verlag veröffentlicht für die Presse folgende Auskunft: “Erst ihre Gespielin Corinne verhilft ihnen zu einer Lösung ihres Dilemmas: »Gewissen Geheimnissen, und wenn sie offenbar wären, muss man durch Verhüllen und Schweigen Achtung erweisen«, resümiert sie mit Goethe, und begibt sich mit den beiden Männern ins Bett.” Oh nein, das tut sie nicht. Im Buch steht als letzter Satz: “Corinne, Viktor und Adelbert erheben sich selbdritt und gehen in ihre zwei Betten.” Wenn wir nun annehmen, dass die beiden Betten in einem Zimmer stehen, dann würde immer noch einer in ein Bett gehen und die beiden anderen in das andere; denn sonst hieße es “gehen in ihr eines von zwei Betten”. Wenn sie zu dritt in ihre zwei Betten gehen, dann geht eben einer in eines und zwei in das andere, und es wäre nicht einmal sicher, dass nicht Corinne die Einzelgängerin ist. Wenn wir uns aber vorstellen, dass die beiden Betten in einem Zimmer ein gemeinsames Bett bilden, dann eben machte die Formulierung von den zwei Betten keinen Sinn; vielmehr gingen die drei dann eben in ihr Bett, was sie aber nicht tun.
Hacks’ Abschluss ist ein prüder: Sie stehen selbdritt auf, gehen in ihre zwei Betten, und nur zwei tun es zusammen. - Der letzte Satz von “Gewisse Geheimnisse” ist von keiner geringeren Traurigkeit als der letzte des “Candide”.
Wir sind nun also endlich beim Inhalt.
Eigentlich können wir hier schon wieder Schluss machen, denn der Essay hat keinen. Sicher, wir verhandeln Hacks, also findet sich einiges von Gehalt; aber der Gehalt ist doch an Hacks’ Essays nicht das, was den Inhalt macht. Hacks kommt zu Ergebnissen. Hacks denkt eben nicht um des Denkens willen, er denkt um des Ergebnisses willen. Dieser Essay hat kein Ergebnis. Teufel, ich weiß ja nicht einmal, wer hier redet und worüber. Zwei linke Arbeiter - was ist denn ein linker Arbeiter? - schnattern wie die Waschweiber, mal mit, mal ganz ohne Sinn, und es geht um Sex. Ja, da sind schon einige Definitionen zu finden, klassische auch, endgültige und brauchbare. Aber eine Bestimmung ist das nicht.
Wenn das Thema die Pornographie im Sozialismus sein soll, oder meinetwegen gleich der Beischlaf in dem, dann kommt der Essay einfach zu keinem Ergebnis. Kennen Sie einen Hacks-Essay, der zu keinem Ergebnis kommt?
Kennen Sie einen Hacks-Essay, in dem man nicht erkennen kann, wo Hacks’ Position ist wo eine Gegenposition? Hier geht es flott im Wechsel, dieser sagt dieses, jener sagt jenes, dann sagt dieser jenes und jener dieses. Keiner steht irgendwo. Caféhausparlando halt. Hochgebildet, sehr kultiviert, sehr nett. Und dann sind da diese nicht eben DDR-freundlichen, messerscharfen Witze.
Ich habe nie recht verstanden, warum ein so kluger Mann wie Hans Heinz Holz (in: ders., “Nun habe ich Ihnen doch zu einem Ärger verholfen”, Berlin 2007) Peter Hacks einen Satiriker nennen konnte. Jetzt verstehe ich Hans Heinz Holz besser, denn ich habe “Gewisse Geheinisse” gelesen.
“Gewisse Geheimnisse” ist reine Satire. Lesen wir doch einmal:
“die Pornographie ist die Schule der Nation” (S. 15) - wenn das stimmt: ich desertierte sofort auf den Mond! Aber bleiben wir wissenschaftlich: Wenn die Pornographie die Schule der Nation ist, ist Keuschheit dann Hochverrat? Wenn Pornographie die Schule der Nation ist, ist der gangbang dann die Schule des Internationalismus? Was machen die Antinationalen, müssen die in den Zölibat? Und wenn sie die Schule der Nation ist, die Pornographie, aber ist sie dann die Hauptschule, das Gymnasium oder die Hochschule? Und was passiert, wenn die Nation durchfällt? Muss sie dann ohne Penetration ins Bett?
“Der Beischlaf ist eine zu ernste Angelegenheit, als daß der Staat sie dem Individuum anheimstellen dürfte.” (S. 38) - Beischlafführerscheine! Beischlaferlaubnisantrag! Stempelkarte für Verkehrsverstöße! - “Koitieren für Anfänger. Hauptkurs Donnerstags in der Werkkantine direkt nach dem Mittagessen”. Lehrer: “Mit der Stoßstange brauche ich jetzt wohl nicht mehr zu kommen … ” (13 Jungpioniere wälzen sich auf dem Boden; vor Lachen, versteht sich.)
“[...] die Einbindung der Pornographie als einer Feierlichkeit ins Gesamt ihrer Kultur: als eines der Sakramente des Staates, beispielsweise im vorbereitenden Umfeld der Jugendweihe oder im Zeichen der Gruppenerregungen des Frauentages” (S. 55) - Wer jetzt nicht lacht, ist Frauenbeauftragte.
Fassen wir zusammen: 1988 ist Hacks mies, und eben das steht in “Gewisse Geheimnisse”: “Mir ist mies”. Hacks langweilte sich dermaßen, dass er der sozialistischen Welt sein Programm einer “Décadence gegen den Niedergang” vorstellt. Aber leider: Hacks’ Sexualtheorie taugt nichts. Schon 1948 hat er in dieser Sache erheblichen Stuss geredet. Und 1988 ist er eben nicht weitergekommen. “Gewisse Geheimnisse” bietet einige wertvolle Ideen und Definitionen, eine Bestimmung bietet der Essay nicht. Gut daran ist der konsequente Konversationston, um den es wohl auch in der Hauptsache geht: das unernste Haben ernster Themen, das entspannte Behandeln des Spannenden. Gut ist der Anti-Puritanismus. Gut ist der Hass auf die Hurerei: “Sie tun es für Geld. Wer fragt Huren nach ihren Gründen? (S. 34)
“Arbeitsplatz Prostitution”, “Sexarbeit” - ich glaube, ver.di hätte hier in Hacks keinen Flügelmann: “Tatsache bleibt, sie schicken ihre Divination auf den Strich.” (S. 34)
Wer glaubt denn noch an solch’ unmarxistische Dinge wie Divination und Sakramente, wenn nicht dieser Marxist?
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(c) www.peter-hacks.de 2009
Alle Verwendungen des Textes bedürfen der vorherigen schriftlichen Genehmigung.
Peter Hacks
Gewisse Geheimnisse
Vom Nutzen und Nachteil der Pornographie
Mit 16 Zeichnungen von Klaus Ensikat
Berlin: Eulenspiegel Verlag 2008
62 S., 14.90 EUR
Hacks’ Abschluss ist ein prüder: Sie stehen selbdritt auf, gehen in ihre zwei Betten, und nur zwei tun es zusammen.
Merkwürdige Definition von prüde. Wer kein Gruppensex macht, ist verklemmt? Ich würd eher sagen, Gruppensex ist was für Verklemmte, die es brauchen …
Und übrigens: Natürlich ist es Corinne, die allein in ihr Bett geht, während die beiden Herren es gemeinsam tun. Freunde von Boston Legal wissen: entweder schwul oder Schlafparty.
Prüderie bedeutet: gern in den Grenzen des Schicklichen weilend. - Übrigens, ich weile gern in den Grenzen Frankreichs, was aber nicht bedeutet, dass ich immer und in jedem Fall dort anzutreffen wäre.
Prüderie kommt von etre prudent: weise sein, weltklug sein.
Das Gegenteil von prüde sein ist dumm sein.