Rainer Neuhaus ist Sozialwissenschaftler. Er betreibt im Auftrag der Voltaire-Stiftung die Webseite Correspondance Voltaire, die sich intensiv und offensiv mit dem französischen Dramatiker beschäftigt. Wir wurden auf die Seite aufmerksam, weil ein Beitrag sich auf Hacks’ Voltaire-Essay „Ödipus Königsmörder” bezog und baten den Verfasser, für das fünfte Heft des ARGOS einen Essay zu Hacks’ Voltaire-Verständnis zu schreiben, der unter dem Titel „Ein konservativer Umstürzler” erscheinen wird. Die dort geäußerten Thesen bewogen uns, Neuhaus’ Gedanken zu Hacks und Voltaire in einem Interview zu vertiefen.
www.peter-hacks.de Jeder gebildete Deutsche meint, Voltaire zu kennen. Aber man sollte ja denken, dass man, wenn man jemanden kennt, von dem auch die Hauptsache kennt. Voltaire war in der Hauptsache Dramatiker. Wie viele Dramen von Voltaire haben Sie schon auf Deutsch gelesen?
Neuhaus Ich habe auf Deutsch gelesen: Ödipe, Zaire, Mahomet, Tancrède, Alzire, Merope.
www.peter-hacks.de Voltaire hat mehr als fünfzig Dramen geschrieben. Warum wurden nur so wenige übersetzt?
Neuhaus Es wurden schon recht viele Theaterstücke Voltaires ins Deutsche übersetzt, wenn auch oft recht schlecht; nur sind die seit etwa 100 Jahren nicht mehr aufgelegt worden. Die Stücke verschwanden zuerst aus den Spielplänen der Theater und so schwand auch das Interesse an ihnen. Vereinzelt haben sie sich in Ausgaben für den Schulgebrauch gehalten, Mahomet und Tancrède vor allem in den Gesamtausgaben der Werke Goethes. Die allgemein akzeptierte Erklärung für diese Verbannung von der Bühne lautet, dass die Entwicklung des deutschen Nationaltheaters die früher so beliebten französischen Stücke und mit ihnen auch die Dramen Voltaires verdrängt habe. Das ist sicher nicht ganz falsch, da man sie aber auch in Frankreich selbst nicht mehr zeigt, befriedigt diese Erklärung nicht wirklich.
www.peter-hacks.de Als der Mahomet im August 1743 in Paris uraufgeführt wurde, bekam der Generalstaatsanwalt, der Kardinal Fleury, einen Wutanfall. Zwar ging es in dem Stück um den Religionsgründer Mohammed, aber jeder erkannte sofort, dass Voltaire die soziale Macht der katholischen Kirche im Auge hatte. Heute gibt es keinen Generalstaatsanwalt mehr, der Kardinal wäre. Die soziale Macht der Kirche ist futsch. Die Aufklärung scheint gesiegt zu haben. Also könnte man den Mahomet ja gelegentlich einmal aus sentimentalen Gründen aufführen - vielleicht sogar mit einem Kardinal in der Ehrenloge?
Neuhaus Voltaires Theaterstück Le Fanatisme ou Mahomet, le Prophète wie es vollständig heißt, zeigt ja erstaunlich viele Facetten des religiösen Fanatismus: die Bereitschaft, über Leichen zugehen, zum Lügen und Betrügen, das ständige “Wasser predigen und Wein trinken” und einiges mehr, Dinge, die uns ganz besonders in Bezug auf das Christentum bekannt vorkommen. Das wäre Grund genug, das Stück nicht aufzuführen, Peter Hacks hat darauf hingewiesen: “Dramen, in welchen das Christentum beim Namen genannt ist, bleiben ungespielt. Das Christentum, was es sonst immer sei, ist das Thema, worum das Theater einen Bogen schlägt”. (Peter Hacks, Werke 14, S.478) Aber, um Ihr Bild aufzunehmen: Ein Kardinal unserer Zeit würde der Veranstaltung wahrscheinlich unter dem Hinweis auf die Intoleranz des Stückes gegenüber religiösen Minderheiten fernbleiben. Vorher würde er noch dafür sorgen, daß es auffällige Protestaktionen der moslemischen Gemeinde gibt, garniert durch eine kleine Bombendrohung vielleicht. Ich glaube nämlich, dass man heute von einer Arbeitsteilung zwischen christlichen Großkirchen und dem Islam sprechen kann. Wenn die derzeit finsterste Variante des religiösen Fanatismus, der Islam, die Schmutzarbeit übernimmt, braucht der Papst sein Fegefeuer nicht anfachen. Als 1994 in Genf anlässlich des 300. Geburtstags Voltaires Mahomet aufgeführt werden sollte, veranstalteten die Kreise um die fanatischen Moslems Tariq und Hani Ramadan dagegen sofort eine Hetzkampagne, die dem grünen Kultusminister des Kantons halfen, der Theatertruppe die öffentlichen Mittel zu streichen, womit das Projekt erledigt war. Niemand auf Seiten der sonst doch so um Toleranz besorgten Christen wehrte sich dagegen. Denselben Tariq Ramadan feiern übrigens westliche Medien und Globalisierungsgegner als aufgeklärten Islamisten!




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