Monatsarchiv für Juni, 2009

„Haltungen nimmt man ein“

Clown Gerrit fragt in seinem Blog, ob das Theater die heutige Welt darstellen solle. Als Antwort zitiert er aus Peter Hacks’ „Die Maßgaben der Kunst“:

Wenn es wahr ist, daß die Kunst eine Form des Verkehrs von Menschen untereinander ist, so will das Drama nicht auf Informationen über die Welt, sondern auf Informationen über die Haltung des Autors zur Welt hinaus. Haltungen kann man nicht erläutern; Haltungen nimmt man ein.

Einem peinlichen Mißverständnis unterliegen Schriftsteller, die hoffen, irgendwen interessierten ihre vorgetragenen Ansichten. Nichts interessiert außer der Art, in welcher der Autor die Wirklichkeit praktisch bewältigt. Des Autors Praxis ist die Darstellung der Wirklichkeit. Somit folgt aus der Voraussetzung, daß Darstellung der Welt nicht Zweck des Dramas sei, der Schluß, daß das Drama notwendig die Welt darstellen müsse.

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Whisky und Hackseinfluss

Zum Tod des Dramatikers Jochen Berg (1948-2009) schreibt die Berliner Zeitung:

Jochen Berg war Autodidakt; „ich bin einer und nicht zu viel für mich“, hat er mal resümiert. Er hatte sich intensiv mit der klassischen Antike und den Bühnenklassikern auseinandergesetzt. Die Werke Samuel Becketts, Antonin Artauds, Michel Foucaults und des französische Strukturalismus beeinflussten ihn nachhaltig. Der 2004 verstorbene Peter Hacks war für ihn eine wichtige Bezugsperson. Mehr noch als Heiner Müller, der mit Whisky und Zigarre einen Stil prägte, dem Jochen Berg nicht abgeneigt war.

Berg gelangte in seiner Jugend über Erfurt nach Berlin, wo er 1969 ein Studium an der Schauspielschule in Niederschöneweide aufnahm. Weil er jedoch Stücke schreiben wollte, brach er die Ausbildung ab und lebte seit 1972 als freier Schriftsteller. Von 1974 bis 1991 war er als Hausautor beim Deutschen Theater angestellt. Jochen Berg wurde am Donnerstag tot in seiner Wohnung in Prenzlauer Berg aufgefunden.

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Neues von Vorgestern

Berlin, Prenzlauer Berg, unweit der Schönhauser Allee - die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet von einem Seminar des Vereins „Helle Panke“, der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert wird:

Jörgpeter Lund, einst Dozent für Erziehungstheorie und nach der Wende Schulleiter, hält einen Vortrag über DDR-Jugendorganisationen. Er lobt die Thälmannpioniere und fordert von der Linken eine neue pädagogische Offensive. Im Publikum lauter rüstige Rentner, die selbst Pionierleiter waren; sie schwelgen in ideologieschwangeren Erinnerungen. Lund endet seinen Vortrag mit einem Hacks-Zitat: „Wessen sollen wir uns rühmen, wenn nicht der DDR.“ Die Zuhörer beginnen zu diskutieren. Der FAS-Reporter Markus Wehner vermittelt die Gesprächsrunde als eine Zusammenkunft Ewiggestriger.

Das Hacks-Zitat hat einen Makel: Es ist nicht richtig wiedergegeben, denn eigentlich müsste es: „Wessen sollten wir uns rühmen“ heißen. Möglich, dass das auf die Kappe des Autors Wehner geht. Jörgpeter Lund kann es aber auch falsch übertragen haben; oder Lund hat es aus dem Buch „Unter Feuer” aufgeschnappt. In dem Sammelband, der von der Zeitschrift  offen-siv herausgegebenen wird, wurde das Zitat jüngst auch in dieser Form gedruckt.

Kurt Gossweiler: Subskriptionsaufruf

Peter Hacks schätzte ihn sehr: Den kommunistischen Historiker Kurt Gossweiler. Als Faschismusforscher hat er sich einen ehernen Namen gemacht, als Revisionismusforscher wäre er gern mindestens ebenso bekannt.

Die kommunistische Tageszeitung junge Welt gibt bekannt, dass eines von Gossweilers Hauptwerken, dasjenige zur Geschichte des sog. Röhm-Putsches, neu aufgelegt werden soll  - wenn, ja: wenn!, sich 350 Subskribenten finden.

In Zeiten, in denen das Aufrufen noch geholfen hat, hätten wir aufgerufen zu subskribieren: Denn selbst wenn, ja: wenn!, man mit Gossweilers Denken und Methode nicht übereinstimmt: Gossweiler setzt die Ebene, auf der hiergegen argumentiert werden muss. Heute aber, wo die Aufrufe verhallen, können wir nur bitten, sich vom Krisengeschwätz das Klügerwerden nicht ausreden zu lassen und Gossweiler zu subskribieren.

Dies aber sei doch gesagt: Nenne sich keiner Antifaschist, der dieses Buch nicht im Schrank hat.

Heimat der Musen

Der uns wohlbekannte Projektleiter der Hacks-Enzyklopädie, Felix Bartels, weitet mit Neuestes vom Parnassos die Bloglandschaft aus. In einem der ersten Beiträge für dieses Arbeitsjournal gibt Bartels einen Hinweis auf den ARGOS-Aufsatz „Reichtum und Gleichheit“, den er über das Hacks-Schauspiel „Numa“ verfasst hat.

Uwe Schwentzig schrieb darüber im Neuen Deutschland:

Wer oder was ist „Numa“? Wäre das von Interesse? Und ob. Anhand der Gestalt jenes mythischen König nämlich behandelte Hacks in seinem gleichnamigen Stück von 1971 immerhin die völlig unmythischen Grundfragen der Ära Ulbricht. Beidem gerecht zu werden, unternimmt in .Reichtum und Gleichheit’ Felix Bartels – und gewinnt, während er die Staatsidee von Hacks referiert, fernab wohlfeil gängigen Denunzierens und Moralisierens, mit Kenntnis und Klarheit flugs eine versachlichende Perspektive auf die DDR.

Schwentzig beschreibt treffend die Grundzüge von Bartels’ Arbeit: Seine literaturwissenschaftlichen Betrachtungen haben häufig einen Hang zum Geschichtsphilosophischen. Selbst wenn eine Sache bei ihm Sympathie erweckt, lässt er sich dadurch nicht beeinflussen, sondern bleibt bei der Natur des Gegenstandes. Alles Andere würde auch verwundern. Als Romantiker ist Felix Bartels noch nicht in Erscheinung getreten.

Interview: Rainer Neuhaus

Rainer Neuhaus ist Sozialwissenschaftler. Er betreibt im Auftrag der Voltaire-Stiftung die Webseite Correspondance Voltaire,  die sich intensiv und offensiv mit dem französischen Dramatiker beschäftigt. Wir wurden auf die Seite aufmerksam, weil ein Beitrag sich auf Hacks’ Voltaire-Essay „Ödipus Königsmörder” bezog und baten den Verfasser, für das fünfte Heft des ARGOS einen Essay zu Hacks’ Voltaire-Verständnis zu schreiben, der unter dem Titel „Ein konservativer Umstürzler” erscheinen wird. Die dort geäußerten Thesen bewogen uns, Neuhaus’ Gedanken zu Hacks und Voltaire in einem Interview zu vertiefen.

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Das Leiden der Götterkinder

Das Theater Apron spielt in Halle „Die Kinder“ von Peter Hacks. Premiere im Graben der Moritzburg ist am 9. Juli. In der Ankündigung heißt es:

Vater Kronos frisst seine Götterkinder, um zu verhindern, dass sie ihm über den Kopf wachsen; Mama Rhea meint, die Leute würden nun denken, dass sie nicht gut genug koche und verschickt ihren Jüngsten, Zeus eben, weit weg von Papa in die Sommerfrische zur Ziege namens Amalthea. Dort kommt es zum Showdown zwischen den Generationen.

Die Uraufführung der Komödie fand im Theater Greifswald im Februar 1984 statt - drei Jahre, nachdem Hacks das Stück veröffentlichte. Regie führte Manfred Dietrich.

Goethe nicht da

Die kleine Bühne der Volkshochschule St. Ingbert im Saarland führt am 27. Juni das Hacks-Stück „Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ auf. Die Saarbrücker Zeitung schreibt dazu:

Über Abwesende wird gern schlecht gesprochen. Dies ist eine nur allzumenschliche Schwäche, und selbst die gebildete und wohlerzogene Frau von Stein ist ihr erlegen. So wird nun über Herrn von Goethe hergezogen, der von Karlsbad aus gleichsam fluchtartig nach Italien aufgebrochen ist, um seine Sehnsucht nach dem südlichen Land zu erfüllen und um aus den Weimarer Verstrickungen auszubrechen.

Auch wenn der historische Sachverhalt von Ettore Ghibellino Forschungen in Frage gestellt worden ist – demnach habe Goethe nämlich die Herzogin Anna Amalia geliebt und nicht die Freifrau Charlotte von Stein. Letztere klagend und schimpfend und liebend wird in der Hacks-Variante noch immer gespielt.

Hofkünstler und Staatsdichter

Jens Bisky gesteht, in der Leipziger Werner-Tübke-Retrospektive zum 80. Geburtstag des Künstlers habe er vor den wuchtigen Ölgemälden unausweichlich mit der falschen Frage im Sinn gestanden: „War der in der DDR hochdekorierte und im Westen beliebte Meister ein Staatskünstler? Wäre er dafür zu verurteilen?“ – schreibt er in der Süddeutschen Zeitung.

Tatsächlich verhalte es sich aber anders: Formale Versiertheit verschleiere politische Indifferenz, das habe Tübke vor den Wechselfällen herrschaftlicher Gunst geschützt. In seinem Urteil beruft Bisky sich auf den Kunsthistoriker Eckhard Gillen, der im Ausstellungskatalog erläutert:

Von Anfang an verbindet sich seine unpolitische Haltung mit einem politischen Opportunismus, der sich darin zeigt, dass der Künstler beispielsweise auf seinen Bildern des Ungarn-Aufstands die Massen mit höchst artifiziell gemalten Choreographien bewegt, ohne sich jedoch im geringsten für die Beweggründe dieser Massen zu interessieren.

Bisky spitzt das Argument zu: Tübke sei kein Staatskünstler, sondern Hofkünstler – allerdings ohne Hof. Genauso wie Heiner Müller ein Revolutionsdramatiker ohne Revolution gewesen sei. Und Peter Hacks? Auf den passt offenbar der Begriff Staatsdichter – auch ohne Staat. Versteht sich.

Kurzmeldungen - Juni 2009

Wir versammeln hier monatsweise chronologisch kleinere Meldungen mit Bezug zu Hacks.

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Ein geistvoller Aphoristiker

Kurt Schwaen (1909-2007), einer der wichtigsten Komponisten von Hacks-Texten, wäre heute 100 Jahre alt geworden.

Als Kommunist war Schwaen während der NS-Herrschaft interniert, ließ sich nach dem Kriegsende wieder in Berlin nieder und nahm aktiv am Aufbau von Volksmusikschulen teil. In dieser Zeit arbeitete er mit Ernst Busch zusammen, schrieb für Bertolt Brecht und vertonte viele Texte von Günter Kunert. Außerdem wirkte er von 1948 bis 1953 als Musikreferent der Volksbühne Berlin. Ab 1953 war er freischaffend tätig und vertonte auch Lieder und Gedichte von Peter Hacks.

Er wirkte lange im Komponistenverband der DDR. Außerdem wurde er im Jahre 1961 Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in Berlin, 1962 bis 1978 war er Präsident des Nationalkomitees Volksmusik der DDR.

Axel Bertram schrieb 2001 über Kurt Schwaen:

In den Augen sieht man die Spottlust blitzen, in den Mundwinkeln nistet Skepsis. Aber er zeigt in Gesprächen weder Bitterkeit noch gar Zynismus, obwohl der Lauf seines Jahrhunderts ihm Anlass genug gegeben hätte. Ihn schützt etwas, was man bei ihm lange nicht vermutet, eine fröhliche Naivität. Dabei weiß man, dass ohne sie Kunst gar nicht denkbar ist. Doch Schwaen ist ein so geistvoller Aphoristiker, ein so brillanter Gesprächspartner, den die Bonmots wie Bienen umfliegen, dass man hinter all diesem die melancholische Tiefe seines Humors nicht leicht gewahrt.

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Hohe Schule des Rechthabens

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlicht heute in der Druckausgabe (S. 32) eine Rezension der Essaysammlung Eine Welt in Scherben von André Thiele. Christian Schärf schreibt dem Buch etliche positive Eigenschaften zu, vor allem aber will er darin „die spezielle Note” gefunden haben, mit der auch schon Peter Hacks die Leserschaft polarisiert habe.

Der Rezensent macht bei dem Autor ein ausdrückliches Bekenntnis aus:

Thiele [...] bekennt sich zu Hacks und zu seiner spezifischen Form der literarischen Aufklärung [...] Auch Hacks’ Bekenntnis zur Klassik und seine Ablehnung der Romantik kehrt bei Thiele ungebrochen wieder. Wobei ihm das Wichtigste zu sein scheint, niemals hinter die von Hacks gelieferten Erkenntnisse zurückzufallen; einen Fehler, so Thiele, den sich die literaturwissenschaftliche Forschung ununterbrochen leiste.

Bei www.perlentaucher.de finden wir eine beinahe sarkastische Zusammenfassung der Rezension: André Thiele sei bei Peter Hacks in „die hohe Schule des Rechthabens sogar in historischen Fragen” gegangen.

Wir können nur raten, vermuten aber, dass das logische Gegenteil der „hohen Schule des Rechthabens” die Klippschule des Irrens ist.