Ein Prosaist contra Lyrik

Die Tageszeitung bespricht „100 Gedichte aus der DDR“ in einem Essay. Jochen Schmidt, Berliner Schriftsteller, führt launisch durch die Anthologie: Wer sind die 59 Autoren dieser 100 Gedichte? – fragt er: „15 Nationalpreisträger, 15 Absolventen des Leipziger Literaturinstituts, 18 Autoren, die irgendwann in den Westen ausgereist sind.“

Neugierig macht ihn folgendes:

Neben einigen ehemaligen Germanistik- oder Psychologiestudenten herrschen ungewöhnliche Berufe vor. Leichenträger, Werbetexter, Tiefbauarbeiter, Handelskaufmann, Elektronikfacharbeiter, Hochfrequenztechniker, Kugelschreibermonteur, Dreher, Traktorist, Bauarbeiter, Dekorationsmaler, Blumenbinderin.

Schmidt, der Prosaist, möchte mehr aus diesen Erfahrungswelten erfahren – doch „leider spiegelt sich, wie so oft bei Lyrikern, davon in den Gedichten nicht viel wider.“

Der Schriftsteller gesteht, niemals in der S-Bahn einen Lyrikband zur Hand zu nehmen, weil das affektiert aussehen würde. Er konstatiert: „Gedichte hatten in der DDR offiziell einen hohen Stellenwert. Man gab sich ja gern gediegen.“

Der Staat hatte schon mit einem Gedicht begonnen, im Grunde einem der besten Texte aus dieser Sammlung, der Nationalhymne der DDR, geschrieben von einem drogensüchtigen Autor, Frauenmörder und opportunistischen Kulturfunktionär: „Auferstanden aus Ruinen“.

Peter Hacks - der die DDR als legitime Erbin der Weimarer Klassik verstanden habe, wie jüngst das Münchner Kulturmagazin 089 schrieb - nimmt in Schmidts Ausführungen „Glenfiddich trinkend“ Platz. Zweifellos ist das eine anerkennende Erwähnung in einem Essay, der ansonsten wenig lobt.

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