Monatsarchiv für Mai, 2009

barabass, das brod tunkend

Am 15. Mai veröffentlichte Martin Mosebach in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 15 Thesen zu Kardinal Lehmanns Betreiben im sog. Fall Kermani. Wir erhielten heute von einer Leserin folgende Zuschrift: ‘barabass, das brod tunkend’  »

VAT: Lesungen in Mainz

Halten Sie sich im Rhein-Main-Gebiet auf?

Auf der am Donnerstag, den 21. Mai, beginnenden 20. Mainzer Minipressen Messe wird sich der VAT Verlag Andre Thiele zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentieren.

Sie finden uns am Rheinufer, Höhe Rathaus, im Hauptzelt am Stand B09.

Wir werden unser ganzes Programm vor Ort auslegen und beantworten gern Ihre Fragen. Natürlich haben wir auch alle Hacks-Titel dabei - und eines der letzten Exemplare der Hacks-Büste.

Am Donnerstag, 21.5., wird von 15 Uhr bis 18 Uhr Marco Tschirpke am Stand seinen soeben erschienen Gedichtband Die Melancholie der erledigten Dinge vorstellen und signieren.

Am Samstag, 23.5., wird von 15 Uhr bis 18 Uhr Mathias Ullmann am Stand seinen Roman Josephsmacher signieren.

Freunde des Verlages laden wir am 21.5. um 20 Uhr zur Lesung von Marco Tschirpke ein und am 23.5. um 20 Uhr zur Lesung von Mathias Ullmann. Die Lesungen finden in der Galerie ka5 in Mainz statt. - Hierfür müssen Sie sich bitte vorher anmelden unter info[at]vat-mainz.de oder 06131-4817521.

Wir würden uns freuen, Sie an unserem Messestand begrüßen zu dürfen!

Messeöffnungszeiten
Donnerstag, 21.5. - 14 Uhr 00 bis 19 Uhr 30
Freitag, 22.5. - 14 Uhr bis 19 Uhr 30
Samstag, 23.5. - 10 Uhr bis 19 Uhr 30
Sonntag, 24.5. - 10 Uhr bis 18 Uhr

Kurzmeldungen - Mai 2009

Wir versammeln hier monatsweise chronologisch kleinere Meldungen mit Bezug zu Hacks.

‘Kurzmeldungen - Mai 2009′  »

Zum Tod von Monica Bleibtreu

Eine große Mimin mit einem wundervollen Namen ist tot. Kurz vor ihrem Tode und sehr in seinem Angesicht hat sie sich nicht das Vergnügen nehmen lassen, Hacks zu bringen.

Monica Bleibtreu, Peter Striebeck und Henning Venske spielen und lesen das auch unter Hacks-Kennern wenig bekannte Dramolett „Die Höflichkeit der Genies“: der Physiker Einstein besucht den virtuosen Geiger Menuhin überraschend und wird von dessen Schwester gebeten, wenn er schon einmal da und obendrein Physiker ist, die defekte Klingel zu reparieren…

Wir werden ihr gelassenes Spiel vermissen.

Tränen für Demjanjuk

In der heutigen Ausgabe der Tageszeitung junge Welt weist deren Chefredakteur Arnold Schölzel auf das Internetportal Die Achse des Guten, auf dem sich eine Gruppe teilweise namhafter, radikal-liberaler Publizisten versammelt. Vera Lengsfeld, einstmals populäre DDR-Bürgerrechtlerin, hat dort jüngst einen Beitrag veröffentlicht, in dem sie den derzeit vor Gericht stehenden Ukrainer Demjanjuk, dem vielfacher Mord während der Nazi-Zeit vorgeworfen wird, zum Opfer stalinistischer Machenschaften erklärt:

‘Tränen für Demjanjuk’  »

Die Wirklichkeit ist Kommunist

Die Redaktion erhielt folgenden Zuruf:

F. S.*
Tod eines Pfau’s

Der ach, so kluge! Peter Hacks
Bekam am Ende einen Knacks,
Als der geliebte Staat verging,
An dem er mit viel Inbrunst hing.

Er hatte in ihm gut gelebt,
War in den höchsten Höh’n geschwebt
Und fiel nun auf den Boden nieder:
Dem Volk war jener Staat zuwider.

‘Die Wirklichkeit ist Kommunist’  »

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Sündenbocksuche

Im Oktober 1965 druckte die Zeitschrift neue deutsche literatur (NDL) ein Kapitel von Werner Bräunigs Roman „Der Rummeplatz” ab. Es schildert das Leben in der frühen DDR hart und ohne Illusionen, wenngleich dem neuen Staat durchaus zustimmend.

Dennoch sei dem orthodoxen Flügel in der Parteiführung der Vorabdruck gerade recht gekommen, schreiben die Historiker Hans-Hermann Hertle und Stefan Wolle in ihrem vielbeachteten Buch „Damals in der DDR”. Es habe eine Suche nach Sündenböcken unter den Intellektuellen gegeben, um die Politik einer vorsichtigen kulturellen Öffnung zu torpedieren. „Der in der NDL veröffentlichte Text und sein Autor Werner Bräunig wurden auf dem 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 in effigie hingerichtet”, so die Autoren (S. 22).

Andere - wie die beiden Antipoden Peter Hacks und Wolf Biermann - sind durch das öffentliche Autodafé des ZK-Plenums erst so richtig berühmt geworden. Der Wismutkumpel Bräunig ist daran zerbrochen. Der Roman wurde nicht weitergeschrieben.

Im Berliner Gorki-Theater hat Armin Patras „Rummelplatz” inszeniert. Nächste Aufführungen: 28.5., 18.6. und 26.6., Beginn jeweils 19.30 Uhr.

Fundstück

Bei Suhrkamp erschien Peter Hacks „Die Sorgen und die Macht” 1965, die Theaterverlage hielten das Manuskript aber schon früher zur Aufführung bereit. Wir haben beim Stöbern nun eine 1960er Ausgabe aus dem Henschelverlag entdeckt, die Aufmerksamkeit verdient, da sie die zweite Bühnenfassung präsentieren dürfte. Im Buchhandel gibt es ausschließlich eine dritte. Zudem liegt dem Heft „Der Eilbote vom Bühnenvertrieb des Henschelverlages” bei.

Als das Stück 1963 im Deutschen Theater aufgeführt wurde, kam es zum Eklat: Wolfgang Langhoff musste als Intendant zurücktreten, und Peter Hacks verlor seine Assistentenstelle. Ihm wurde vorgeworfen, er habe den Alltag der DDR gegen die sozialistische Utopie ausgespielt. Der Titel bezog sich auf Walter Ulbricht, dessen Zitat Hacks seinem Stück voranstellte.

Die Festigung der Arbeiter-und-Bauern-Macht und die Leitung der Wirtschaft, die Erfüllung der Produktionsaufgaben machen der Arbeiterklasse und den Werktätigen auch Sorgen. Das ist nun einmal so, denn wer die Macht hat, hat auch bestimmte Sorgen

Loslassen

Robert Streibel unterwegs in Berlin auf den Spuren der DDR. Trifft auf blutleere Ampelmännchen und Revolutionsnostalgie, wie er in der Wiener Zeitung Die Presse schreibt. Er ist auch Brechts längst überdrüssig geworden:

Die vielen Illusionen und das Pathos, die sind für mich schon lange nicht mehr auf der Tagesordnung. Am Friedhof habe ich bei ihm vorbeigeschaut, aber da liegen ja auch andere, was würde Heiner Müller heute sagen? Christa Wolf gibt es noch und den Hacks auch. Still ist es geworden um sie, um viele.

Für das politische Lied hingegen kann er sich noch immer begeistern. Für Billy Bragg insbesondere, den sie 1987 aus der DDR ausgewiesen hatten: ‘Loslassen’  »

Hingebungsvoll

Alfred J. Noll, einer der bekannstesten österreichischen Juristen, reitet in der Tageszeitung Die Presse durch die Kulturgeschichte. Beim Versuch, die Gefühlswelten zu ergründen, lässt er sich vom Zauber des Küssens leiten:

Im gelingenden Küssen sind Geben und Nehmen nicht mehr zu unterscheiden. Jede Hingabe beim Kuss ist gleichzeitig ein Geben, und jedes Küssen ist notwendig ein Nehmen.

Übermächtigt vom Gefühlserlebnis führe die Suche nach dem Grund dafür leicht in himmlische Sphären, konstatiert Noll.

Der alte Heine hatte recht in seinem romantischen Sehnen – man soll sich zum Genossen der Götter emporwünschen. Aber doch nur deshalb, denn – wie Peter Hacks in seinem bösen Zweizeiler dichtete – „es ist von solchem Ernst die Welt beschaffen, / Dass nur ein Gott vermag, ein Mensch zu sein.”

Noll lässt sich vom Religiösen nicht weiter beirren und misst ihr keine übermäßige Bedeutung bei, sondern geißelt etwas anderes - nämlich die Ausschließlichkeit: Ein „scheußliches Wort” und „grässliches Postulat”, geradezu unerträglich. „Dichotomie … ist etwas für den leeren Kopf, bloß für den Kopf”; es gebe nicht nur ein „Entweder-oder”, sondern auch ein „Sowohl-als auch”. Aber gelte das immer? - hinterfragt sich Noll und muss verneinen. Ausgerechnet auf die Liebe treffe das nicht zu:

Sagt einer „Liebe“, dann bedeutet das immer: „Nur dich!“ Damit erhält die bloße Expression des Unaussprechbaren, die als magische Formel „Ich liebe dich“ daherkommt, in gemeiner Weise einen restriktiv-repressiven Inhalt. Liebesbekundungen sind recht eigentlich nichts anderes als wechselweise hervorgestoßene Exklusivitätsbefehle – und verstößt man in Denken, Reden und Handeln dagegen, dann ist es aus mit der Liebe!

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Die Aussicht ganz oben

Volker Braun ist nun 70. Für Gustav Seibt ein Anlass, um einen Schweif durch die DDR-Literatur zu starten: Wie haben die Schriftsteller die Wende verkraftet? - fragt er in der Süddeutschen Zeitung vom 7. Mai (S. 14). Sei für sie der Staatsuntergang doch eine Überlebensfrage gewesen:

Christa Wolf hatte sich schon vor 1989 zur gesamtdeutschen Familienerzählerin entwickelt, die sich am autoritären Charakter abarbeitete. Heiner Müller wurde römisch-dekadent, also global-pessimistisch, im Übrigen ein anrührender lyrischer Stoiker. Peter Hacks, der Klassizist, war ohnehin schon zeitlos, bis heute der Meister all jener, denen das demokratische Geschwätz auf die Nerven geht: Es ging auch ohne Staat, der Staat war er. Günter de Bruyn schloss das Kapitel der vierzig Jahre mit einer Autobiographie und ist seither Historiker der überdauernden märkischen Kulturlandschaft.

Alles Wendeverlierer also, befindet mit Seibt einer, der die Aussicht ganz weit oben offenbar mag. Lässt sich dort doch am besten herabschauend sezieren. Volker Braun habe übrigens die Kurve gekriegt. Heute, als Direktor der Abteilung Literatur der Berliner Akademie, sei aus dem Dissidenten ein „warmherziger, präzise zuhörender Pater Familias” geworden.

Der unvergessene König

Der Schriftsteller Frank Böhmert erinnert sich an ein Buch aus seiner Kindheit:

Viel wusste ich nicht mehr: Das Buch musste vom Umschlag und den Innenillustrationen her aus den späten 1950ern oder frühen 1960ern stammen; es ging um ein schon ziemlich großes Mädchen und seinen Vater oder Onkel; sie wohnten in einem Turm oder so; einmal bauten sie in einen Baum in Garten eine Windharfe; einmal rauchte das Mädchen eine vertrocknete Weinranke und konnte dann fliegen, über eine Fabrik hinweg.

Böhmert kennt noch ein Gedicht aus dem Buch über den Sonnenkönig Ludwig XIV. Mehr als dreißig Jahre hat er das immer wieder zitiert:

Zwei Doktoren der Sorbonne
Beschrieben ihn genau:
Er glänzte wie die Sonne,
Er roch wie eine Sau.

Der Vers brachte ihn auf die Spur - geradewegs zu Hacks’ Geschichten von Henriette und Onkel Titus, die im letzten Jahr bei Eulenspiegel neu aufgelegt wurden.

Goethe im Kühlschrank

15.4.2009, Köln: Ein Gespräch im Hause Stein

Von Gerrit Wustmann

Ein Kühlschrank, innen beschlagen mit und außen eingefasst in Frischhaltefolie. Steril? Kalt? Vielleicht. Ein gläserner Stuhl im Zentrum, durchscheinend, fragil, im Kunstlichtspot, das Publikum der ersten Reihen mag sein Spiegelbild darin erkennen. Ein wenig unscharf vielleicht. Erstarrt, ja ausgestopft sitzt es, wie der Herr von Stein, als seine Charlotte (Marina Matthias) auftritt, im Morgenmantel, ein Handtuch um den Kopf gewickelt – weiß wie der Kühlschrank, natürlich.

Der Beginn des Monologs über den in Italien weilenden Herrn von Goethe ist ganz Stakkato hinter einer Sonnenbrille, eine Ankündigung eines (Geschlechter)Kampfes, eine Ausweitung der Kampfzone von der Außenwelt zur Innenwelt und wieder zurück, mit starrem, fast manischem Blick und voll solch verkrampfter Empörung, dass man als Zuschauer binnen Sekunden in die zerrüttete Gefühlswelt der von Stein einzudringen vermag – und sich selbst ertappt fühlt. Getroffen mitten in die eigenen emotionalen Verstrickungen, wieder und wieder.

‘Goethe im Kühlschrank’  »