Interview mit Sewan Latchinian

Sewan Latchinian (*1961) ist Schauspieler, Autor, Regisseur und Intendant. Seit 2004 leitet er die Neue Bühne Senftenberg. Dort hatte im Mai 2009 sein Stück „Eine verbotene Liebe“ Premiere. Bei dem Stück handelt es sich um die Dramatisierung eines Sachbuches von Ettore Ghibellino, in dem materialreich die These vertreten wird, dass nicht die Freifrau Charlotte von Stein die Geliebte von Goethe gewesen sei, sondern vielmehr die Fürstinmutter Anna Amalia selbst.

www.peter-hacks.de Sehr viele Literaturwissenschaftler veröffentlichen jedes Jahr sehr viele Texte zu Dichtern und deren Leben, und alle, oder fast alle, träumen im Stillen davon, dass sie damit einmal doch auf die großen Bühnen kommen. Sie haben die literaturhistorischen Thesen von Ettore Ghibellino genommen, den Traum der Vielen wahr werden lassen und sie auf eine namhafte Bühne gebracht.  - Was war der erste Impuls, der Sie für Ghibellinos Buch zu Goethe und Anna Amalia aus der Perspektive des Theatermannes gewonnen hat?

Latchinian Mein erster Impuls war, die fast schockhafte Erkenntnis wie leichtgläubig und oberflächlich wir eine seit etwa 200 Jahren überkommene scheinbare Wahrheit zu unserer eigenen gemacht haben. Wie haarsträubend eigentlich die landläufige Version über Goethes erstes Weimarer Jahrzehnt ist, wenn man sie mit dem gesunden Menschenverstand analysiert, mit dem Ettore Ghibellino sich der Sache angenommen hat.

Da auch in der gegenwärtigen Politik oft andere Wahrheiten hinter sogenannten Fakten stecken, ist für mich die Problematik von Täuschung und getäuscht werden hochaktuell und  - über die Goethe-Rezeption hinaus -  von gesellschaftlicher Relevanz.

Außerdem wurde Johann Wolfgang von Goethe für mich plötzlich auch als Persönlichkeit wesentlich interessanter, aufregender. Viele seiner Werke wie z. B. „Torquato Tasso“ oder „Wilhelm Meister“ oder manche römische Elegie oder auch die „Italienische Reise“ wurden zu dem für mich verständlicher.

www.peter-hacks.de Ist Literaturwissenschaft überhaupt bühnenfähig?

Latchinian Wenn Literaturwissenschaft einen Mehrwert hat und über die Literatur hinaus weist und wieder beim Menschen und dem Leben ankommt und dieses verändern kann, wie die These Ghibellinos, dann kann sie durchaus bühnenfähig sein.

Aber es braucht dann oft noch eine zusätzliche Idee um Literaturwissenschaft auf die Bühne zu bringen. Deshalb war im Falle der Thesen Ghibellinos die Erfindung einer Person und einer Rahmenhandlung nötig, die auf originelle, sinnliche und spannende Weise das literaturwissenschaftliche Material übersetzt. So hat natürlich ein Spion der im Auftrag des Vatikans und des österreichischen Kaisers Goethe beschattet, eine ähnliche Perspektive auf Goethe, sein Werk und dessen Korrespondenz wie der Literaturwissenschaftler Ettore Ghibellino 200 Jahre später. Und dennoch wäre ein Vortrag Ghibellinos an einem Pult mit einem Glas Wasser in einem akademischen Zirkel für das Theater nicht so geeignet, wie die Lebensbeichte eines im Sterben liegenden alten Mannes im Venedig des Jahres 1840.

www.peter-hacks.de Würden Sie sagen, dass Peter Hacks mit seinem Monodrama „Ein Gespräch im Hause Stein“ ähnlich vorgegangen ist: Dass er zuerst eine literaturhistorische These hatte und dann zu der das Stück geschrieben hat?

Latchinian Ich denke, dass Peter Hacks keine explizite neue literaturhistorische These hatte, als er „Ein Gespräch im Hause Stein“ schrieb, sondern nur die gängige überkommene Legendenbildung ausgestaltete. Insofern hatte er keine andere Herangehensweise, als Friedrich Schiller mit dem „Wallenstein“- Material oder Grabbe mit dem Hohenstaufenkomplex. Eher ausmalend als neu interpretierend.

www.peter-hacks.de Als Sie mit der Arbeit an „Eine verbotene Liebe“ begannen, hatten Sie da, vom Inhaltlichen abgesehen, im Formellen bereits die Parallele zu „Ein Gespräch im Hause Stein“ vor Augen?

Latchinian Selbstverständlich hatte ich von Anfang an die Parallele zu „Ein Gespräch im Hause Stein“ vor Augen, denn dieses in sich wunderbare Hacks-Stück, dass nur eben leider auf falschen Tatsachen basiert, gehörte zu meinen prägenden Jugenderlebnissen als Schüler im Theater. Mir war übrigens auch immer klar, dass ich trotz einiger eigener auch gedruckter und aufgeführter Theaterstücke die sprachliche Höhe und Brillanz von Peter Hacks niemals erreichen könnte und hatte dies auch nie vor. Mein Plan war, ein Gebrauchsstück für die neue revolutionäre These Ghibellinos hinzubekommen. Das spannend, intelligent und gern auch humorvoll ist und vor allem durch die Lebensgeschichte eines Spions, die letztlich eine Geschichte über ein Scheitern auf hohem Niveau ist, noch einen doppelten Boden hat.

www.peter-hacks.de Die Freifrau von Stein spricht bei Hacks nicht zum Publikum, sondern zu ihrem Mann Josias, der als Puppe mit auf der Bühne sitzt. In „Eine verbotene Liebe“ wird auf diese Zwischenperson verzichtet, es wird direkt zum Publikum gesprochen. Halten Sie den „Josias“ für überflüssig?

Latchinian Diesen konzeptionellen Einfall von Peter Hacks habe ich, mit Verlaub, auch schon als Schüler für entbehrlich gehalten. Ja sogar für ungeschickt. So fällt nur noch mehr auf, dass es kein Gespräch mit Josias ist, denn Josias hätte immer mal geantwortet. Aber dies war sicherlich auch einer dramatischen Ästhetik der 70iger Jahre in der DDR geschuldet. Obwohl schon Brecht in den 50iger Jahren dafür plädiert hatte, die sogenannte vierte Wand, also die zum Zuschauerraum einzureißen. Für mich als Theaterregisseur gibt es diese Wand auch schon länger nicht mehr, als es die Berliner Mauer nicht mehr gibt. Es braucht für ein Gespräch mit dem Publikum keine „Strohpuppe“, so sehr es offensichtlich für Goethe und Anna Amalia eine Frau von Stein als Strohfrau brauchte.

www.peter-hacks.de Ghibellino geht direkt auf den Kern von Hacks’ Stück los: Er sagt, Goethe habe nicht die Frau von Stein, sondern vielmehr die Herzoginmutter Anna Amalia geliebt. Die Stein sei zwischen ihr und Goethe nur der „postillon d’amour“ gewesen. Halten Sie Hacks’ Stück nun überhaupt noch für spielbar?

Latchinian Eigentlich halte ich Hacks’ Stück, abgesehen von seinen sprachlichen Qualitäten, inzwischen für nicht mehr spielbar, denn es ist nach meiner 99,99 prozentigen Überzeugung leider falsch. Vielleicht wäre ein Doppelprojekt mit „Eine verbotene Liebe“ und „Ein Gespräch im Hause Stein“ interessant.

www.peter-hacks.de Peter Hacks war Kommunist und ist 1955 aus Überzeugung in die DDR gegangen, war also an den sogenannten „bürgerlichen Konventionen“ nicht sonderlich interessiert. Warum, denken Sie, hatte er Grund, an dem „Weimarer Staatsgeheimnis“ der von Ghibellino behaupteten Liebe des Dichters zur Herzoginmutter festzuhalten?

Latchinian Ich vermute mal, dass Peter Hacks gar keine Kenntnis von dem „Weimarer Staatsgeheimnis“ hatte. Denn sonst hätte es so einen dialektischen, streitbaren Geist sicherlich interessiert und vielleicht auch überzeugt und inspiriert.

www.peter-hacks.de Wenn Goethe für einen Theaterabend wieder zum Leben erwachte, welches von beiden Stücken würde er wählen: „Eine verbotene Liebe“ oder „Ein Gespräch im Hause Stein“?

Latchinian Natürlich kann ich auf diese Frage nicht anders antworten, als dass er „Eine verbotene Liebe“ wählen würde. Aber vielleicht hätte er auch Spaß an dem bereits erwähnten Doppelprojekt und vielleicht gibt es auch eine dritte Wahrheit, denn viele unserer tagtäglichen Gewissheiten erweisen sich später als vorläufige Irrtümer.

Vielleicht verband Goethe auch mit Frau von Stein und Anna Amalia eine menage à trois …

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(c) www.peter-hacks.de 2009
Alle Verwendungen des Interviews bedürfen der vorherigen schriftlichen Genehmigung.
Interviewpartner: Sewan Latchinian, Senftenberg
Geführt von: André Thiele für www.peter-hacks.de per e-mail.
Beendet: 26. Mai 2009

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