Monatsarchiv für Mai, 2009

Die Eros-Kämpfer

Der Maler und Graphiker Thomas J. Richter will zeigen, wie lustvoll das Leben nach dem Kapitalismus sein kann. Vor zwei Jahren hat er bereits einen Peter-Hacks-Band mit Liebesgedichten illustriert, der im Eulenspiegel-Verlag erschienen ist. Herausgegeben hat ihn Heike Friauf.

Beide haben ihre Zusammenarbeit für das Buch Eros und Politik fortgesetzt, einem Sammelband mit Texten von Leo Kofler, Peter Hacks und Werner Seppmann. Die junge Welt stellt das Werk in ihrer Wochenendbeilage mit dem Titel gebenden Text von Kofler vor, der Marx’ Menschenbild untersucht. Revolution und die freie Entfaltung von Liebe, Eros und Erotik gehörten zusammen, so wie die Entwicklung der Erotik für die Menschwerdung unverzichtbar gewesen sei:

Das führt zu weitgehenden Konsequenzen. Vor allem zu jener Konsequenz, dass der Lebensgenuss sich nicht ausschließlich auf den Bereich des Sexuellen und seiner Folgen beschränkt, sondern in Formen der Tätigkeit sich ausprägt, die über den Liebesgenuss weit hinausgehen und den flachen Hedonismus überwinden.

Mag die Herausgeberin bei der Textauswahl auch an die vielen Aufgekratzten gedacht haben – jene unentwegt flirtenden Vergnügungssüchtigen, die allabendlich die Straßen, Bars und Cafés bevölkern und in Berlin Prenzlauer Berg am frisch sanierten Haus in der Schönhauser Allee 129 vorbeischwirren, in dem einst Hacks gelebt hat.

Peter Hacks geht in seinem Essay über Pornographie, Kunst und Erotik von der sich in der DDR entwickelnden sozialistischen Gesellschaft aus, in der der Kampf gegen die Entfremdung schon begonnen haben sollte. Der kulturhistorische Essay des Soziologen Werner Seppmann bezieht die unterschiedlichen Entwicklungen in der DDR und der Bundesrepublik ein und charakterisiert die gegenwärtig extreme Beschleunigung der Entfremdungsprozesse.

Heike Friauf präsentiert den Band im Beisein von Thomas J. Richter und Werner Seppmann am Donnerstag, den 4. Juni, um 19 Uhr in der jW-Ladengalerie (Torstr. 6, 10119 Berlin).

Brückenbau

Auf der Seite von Dschungel.Anderwelt: Paul Reichenbach liest George Devereuxs „Baubo. Die mythische Vulva” – mit der Erkenntnis, dass die menschliche Psyche die einzige Brücke sei, die den modernen Menschen noch mit der Antike verbinde. Eine spätabendliche Tagebuchimpression.„Ist doch ihre phantasmatische Essenz, das Unbewusste – in allen Zeiten zu Haus.“

Alles eine Frage der Auslegung, hätte vielleicht Peter Hacks am Tage darauf geantwortet und dabei – wie Paul Reichenbach – an Orest gedacht:

Die auf uns gekommene Version, der zufolge Orest der Ehebrecherin den verdienten Lohn erteilt und dann mit Iphigeniens Hilfe davon kommt, ist eine Propagandafassung, in die Welt gesetzt von Ideologen der Männerherrschaft. Für sie war der Muttermörder eine Art patriarchalischer Revolutionär.

Hacks schloss daraus: „Der dauernde Wert einer Mythe hängt nicht ab von ihrer ursprünglichen Bedeutung.“ ‘Brückenbau’  »

Theatermutter mit Herz

Gunhild Lattmann-Kretschmer, frühere Intendantin des Theaters Junge Generation in Dresden, muss sich gegenüber Vorwürfen aus CDU-Kreisen rechtfertigen: „Sie wollen die Künstler in Watte packen, wie zu DDR-Zeiten“, heiße es bei Konservativen, sagt die Politikerin der Linken.

Nicht selten wurde mir in meiner Leitungstätigkeit als Intendantin vorgeworfen, dass ich die jungen Schauspielerinnen zu sehr in mein Herz geschlossen hätte, was sich in ihrer guten Bezahlung, in kontinuierlichen schauspielerischen Entfaltungsmöglichkeiten, Kämpfen um Wohnraum, Prämienvorschlägen, Sorge um den Arbeitsschutz, Einrichtung einer Kinderstube u.a.m. widerspiegeln würde.

Für Lattmann-Kretschmer ist eine solche Förderung jedoch ein wichtiges Fundament, „um sich in der freien Szene zu behaupten“, sagt sie und erinnert sich an Peter Hacks, der meinte: „… ich müsste mich sehr irren oder Kunst hat nie einen anderen Sinn gehabt als Leben üben …“ Und dazu brauche es, fügt die frühere Intendantin hinzu, dass die Kunst von Frauen ihren gleichberechtigten Platz habe neben der von Männern. ‘Theatermutter mit Herz’  »

Interview mit Sewan Latchinian

Sewan Latchinian (*1961) ist Schauspieler, Autor, Regisseur und Intendant. Seit 2004 leitet er die Neue Bühne Senftenberg. Dort hatte im Mai 2009 sein Stück „Eine verbotene Liebe“ Premiere. Bei dem Stück handelt es sich um die Dramatisierung eines Sachbuches von Ettore Ghibellino, in dem materialreich die These vertreten wird, dass nicht die Freifrau Charlotte von Stein die Geliebte von Goethe gewesen sei, sondern vielmehr die Fürstinmutter Anna Amalia selbst.

www.peter-hacks.de Sehr viele Literaturwissenschaftler veröffentlichen jedes Jahr sehr viele Texte zu Dichtern und deren Leben, und alle, oder fast alle, träumen im Stillen davon, dass sie damit einmal doch auf die großen Bühnen kommen. Sie haben die literaturhistorischen Thesen von Ettore Ghibellino genommen, den Traum der Vielen wahr werden lassen und sie auf eine namhafte Bühne gebracht.  - Was war der erste Impuls, der Sie für Ghibellinos Buch zu Goethe und Anna Amalia aus der Perspektive des Theatermannes gewonnen hat?

‘Interview mit Sewan Latchinian’  »

Antiker Spott

Für die Tageszeitung betrachtet Esther Slevogt das Treiben auf Berlins Bühnen und bleibt bei „Vögel ohne Grenzen“ hängen – einem Stück, „das auf eine antike Komödie von Aristophanes zurückgeht und den Stellungskrieg zwischen Menschen, Göttern und Vögeln verhandelt, die ihre verloren gegangene Macht von den Göttern und Menschen zurückerobern wollen.“

Die Aufführung hat am Mittwoch in der Volksbühne Premiere. In der Ankündigung heißt es:

„Ohne Aristophanes lässt sich kaum wissen, wie dem Menschen sauwohl sein kann“, sagte einst Hegel über den Dichter, der mit seinen satirisch spöttischen Komödien die athenische Politik an den Pranger stellte.

Weil die Volksbühne wegen Renovierung geschlossen ist, wird der französische Theatermacher Jérôme Savary in Bert Neumanns Amphitheater Agora draußen vor der Tür seine Version der Geschichte zeigen – die schon Goethe und Peter Hacks inspiriert habe, schreibt Esther Slevogt.

Ob Savary nun auch auf Hacks oder Goethe zurückgreift, wird der Zuschauer selbst erkunden müssen.

Konkurrenz für Hacks?

Die Neue Bühne Senftenberg gibt mit dem Monolog „Eine verbotene Liebe“ am 29. Mai ein Gastspiel in Weimar.

Dargestellt wird darin die Beichte eines greisen Spions, der kurz vor seinem Tod sich der Last des Geheimnisses von Goethes standesungleicher Liaison mit der Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar entledigen will. Der Intendant Sewan Latchinian folgt damit dem Buch  „Goethe und Anna Amalia – Eine verbotene Liebe?“.  Der Autor Ettore Ghibellino versucht zu beweisen, Goethe habe mit Anna Amalia und nicht mit Charlotte von Stein eine Beziehung gehabt.

Für den Theaterkritiker Ernst Schumacher bedeutet der Monolog eine „scharfe Konkurrenz“ für Peter Hacks’ „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“.

‘Konkurrenz für Hacks?’  »

Ein Prosaist contra Lyrik

Die Tageszeitung bespricht „100 Gedichte aus der DDR“ in einem Essay. Jochen Schmidt, Berliner Schriftsteller, führt launisch durch die Anthologie: Wer sind die 59 Autoren dieser 100 Gedichte? – fragt er: „15 Nationalpreisträger, 15 Absolventen des Leipziger Literaturinstituts, 18 Autoren, die irgendwann in den Westen ausgereist sind.“

Neugierig macht ihn folgendes:

Neben einigen ehemaligen Germanistik- oder Psychologiestudenten herrschen ungewöhnliche Berufe vor. Leichenträger, Werbetexter, Tiefbauarbeiter, Handelskaufmann, Elektronikfacharbeiter, Hochfrequenztechniker, Kugelschreibermonteur, Dreher, Traktorist, Bauarbeiter, Dekorationsmaler, Blumenbinderin.

Schmidt, der Prosaist, möchte mehr aus diesen Erfahrungswelten erfahren – doch „leider spiegelt sich, wie so oft bei Lyrikern, davon in den Gedichten nicht viel wider.“ ‘Ein Prosaist contra Lyrik’  »

Hacks, Mahomet und der Ramadan

Am 20. Mai veröffentlichte die extremistische Internetseite Politically Incorrect (PI) eine Meldung: Der umstrittene Islamwissenschaftler Tariq Ramadan plane in Bagdad die Gründung eines islamischen Friedensforschungsinstituts. Ramadan wolle damit „ein Zeichen setzen”: Gerade der Islam habe sich immer bemüht, machbare Kompromisse zu entwickeln, damit ein friedvolles Miteinander möglich sei, so Ramadan laut PI.

Uns interessiert der 45. Kommentar zu dieser Meldung; sie stammt von einem PI-Leser, der sich Candide nennt:

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Aus dem Ländle über das „Ländchen“

Die Stuttgarter Zeitung rezensiert Wagenbachs „100 Gedichte aus der DDR“:

Kein Name fehlt, auch kein selten genannter wie Richard Leising oder Uwe Greßmann … Von den Parteibarden werden uns nicht alle Namen erspart, die schlimmsten aber doch.

Peter Hacks sticht unter den 59 Dichtern heraus. Er gebe als ein „nicht jeder“, schreibt der Rezensent Jürgen Verdofsky und zitiert aus dem Gedicht „1990“, wie Hacks „beim Glenfiddichtrinken hinterm Dachfirst die Epoche sinken“ sehe.  (Wie von selbst schließt Verdofsky vom Werk auf den Dichter.)

‘Aus dem Ländle über das „Ländchen“’  »

Es funkeln nur die Sterne

Die Allgemeine Zeitung Mainz fragt anlässlich der Mainzer Minipressenmesse, ob auch Kleinverlage von der Krise betroffen seien:

Michael Itschert vom Remscheider Gardez-Verlag macht vor allem bei wissenschaftlicher Literatur Einbußen aus – der Verlag hat sich auf Philosophie und Filmanalysen spezialisiert. “Den Stiftungen und Bibliotheken gehen die Sponsoren aus.“

André Thiele (VAT Verlag) dagegen sieht in finanzschwachen Zeiten auch eine Chance:

„Die Leute interessieren sich jetzt mehr für gute, anspruchsvolle Literatur“. Fraglich allerdings, ob da noch viele Kapazitäten für Thieles Maskottchen, funkelnde Peter Hacks-Büsten zum Messepreis für 249 Euro, bleiben.

Der Verleger über die etwas ungenaue Beschreibung der von Manfred Salow angefertigten Büste: „Das Ding funkelt nicht; vieles lass’ ich mir nachsagen, aber nicht, dass es funkelt!“ André Thiele hat recht. Kaltbronze glitzert nicht.

Friedrich Dieckmann, Geglückte Balance

Vielleicht habe ich dem Leser zu diesem Buch nichts Besseres mitzuteilen, als ein dummes Vorurteil: Dass es nicht primär um Goethe geht darin, sondern wenigstens gleichberechtigt um Peter Hacks.

Natürlich ist es banal, das zu sagen; ist doch jede ernsthafte und tiefe Beschäftigung mit Goethe heute auch eine Beschäftigung mit Hacks, der sich wie kaum ein anderer ernsthaft und tief mit Goethe beschäftigt hat.

Vorweg aber: Was ist das, eine “Geglückte Balance”? Gibt es denn eine Balance, die nicht geglückt wäre? Eine Balance ist das Gleichgewicht zwischen entgegenwirkenden Kräften; gibt es eine Balance, die ein Ungleichgewicht zwischen entgegenwirkenden Kräften wäre? - Ist der knappe Titel etwa geschwätzig?

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André Müller sen., 200 Hacks-Anekdoten

Ich bin für eine Rezension des neuesten Müllerschen Werkes denkbar ungeeignet, denn ich liebe Prägnanz über alles und ziehe darum einen, der es in einem Satz sagen kann, jedem, der es in zehn sagen muss, unbedingt vor. Müller kann kurz und er kann auf den Punkt, Sie sehen also: Mein Herz ist an Müller verloren.

‘André Müller sen., 200 Hacks-Anekdoten’  »

Teuer wie Goldstaub

Im Jahr eins nach der Wiedervereinigung war der ostdeutsche Buchhandel noch vollends damit beschäftigt, sich seiner Altlasten zu entledigen. Die Buchläden und -lager verramschten ihren Bestand oder stampften ihn ein. Man brauchte Platz für die Kapazitäten von Heyne, Ullstein & Co. Heute werden liebevoll gestaltete Ausgaben aus dieser Zeit bereits als Rarität gehandelt:

So die 1991 im Aufbau-Verlag erschienene dreibändige Ascher-Ausgabe von Peter Hacks im Schuber. „Ascher gegen Jahn. Ein Freiheitskrieg“; „Saul Ascher: 4 Flugschriften“; „Friedrich Ludwig Jahn: Deutsches Volkstum“. Aufgetaucht im Antiquariat Reinhold Pabel.

Ebenso rar: die westdeutsche Ausgabe von Hacks’ „Der Schuhu und die fliegende Prinzessin“ im originalen Pappband der Insel-Bücherei von 1973. Angeboten im Antiaquariat H.R. Schreyer.

Dumme Fragen – dummes Volk?

Fernsehtipp in der jungen Welt. Arte sendet heute die Dokumentation „Deutsche und Deutsche“. Jan Peter spürt darin den Befindlichkeiten der Bewohner der ehemaligen DDR und der alten Bundesrepublik nach. Der Filmemacher stellt dabei fest, dass es auch nach 20 Jahren noch Ressentiments in beiden Landesteilen gibt.

Die junge Welt mokiert sich über den Untertitel der Doku: „Sind wir ein Volk?“. – das sei eine Frage wie „bin ich zu dick?“ und verweist auf einen Seitenhieb Peter Hacks’:

Wer ihnen denn die Fragen, die sie in ihren Cafés erörterten, eigentlich stelle, wollte schon der frühe Peter Hacks von der intellektuellen Lumpenboheme wissen.

Tatsächlich haben im vereinigten Deutschland ungleiche Lebensverhältnisse Bestand. Doch nur wer gleich sei, könne verschieden sein – wer Ungleichheit wolle, brauche „Volk“, schlussfolgert jW.

Wer einen genauen Blick auf die Lage der Nation werfen möchte, möge auf den gestern veröffentlichten Armutsatlas des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes schauen.

Es verrät zweifellos Nase

Eingebettet in einen Bericht über ein wohl geträumtes Tischgespräch hat der Blog Dschungel. Anderswelt einen bisher unbekannten Brief von Peter Hacks im Original veröffentlicht. Hacks bedankt sich darin für einen Tipp, ein Werk des bayerischen Beamten von Joseph von Hazzi (1768 - 1845) betreffend:

… der Hazzi-Tip verrät zweifellos Nase. Zwar sind seine Werke fast immer kameralistischer und agrarwissenschaftlicher Art, aber so ein politisches Buch wäre ihm zuzutrauen und ist keinesfalls auszuschließen.

Der Adressat ist geschwärzt, unterschrieben ist der Schreibmaschinenbrief mit roter Tinte.

‘Es verrät zweifellos Nase’  »