Monatsarchiv für April, 2009

Der Montagswitz IV

Das Branchenmagazin Buchmarkt beendet seine Serie mit Peter-Hacks-Montagswitzen aus dem Anekdotenband „Gott hält viel aus“ von André Müller sen.

Darin kommt Herr B. direkt aus dem Himmel und sieht seinen Schüler Manfred Wekwerth vor dem Berliner Ensemble die Notdurft verrichten, was Herrn B. nun gar nicht gefällt … Aber lesen Sie selbst.

Zur Anekdotensammlung von Müller sen. heißt es bei bücher.de:

André Müller kann von zahlreichen gemeinsamen Erlebnissen, ungewöhnlichen Eindrücken und Begegnungen mit Dritten berichten. Er entschied sich für die anekdotische Form, so dass auf unterhaltende Weise Interessantes, Wichtiges und durchaus auch erhellend Nebensächliches über den Dichter zu erfahren ist.

… Und doch wirkt dieser Montagswitz im Frühjahr 2009 etwas schal und zeigt nur einen polarisierenden Hacks. Immerhin, wir sind froh, dass ein so zentrales Fachmagazin wie BuchMarkt sich mit Hacks beschäftigt.

stefan.otto@peter-hacks.de

Im Herbst 2008 wurde Leo Schmidt unabhängiger Redakteur der Peter Hacks Seite. Er machte sich bei den Hacks-Freunden umgehend einen Namen als zuverlässiger und eigenständiger Kopf. Gleichwohl konnten genaue Leser der Hacks-Seite schnell bemerken, dass die Berichterstattung “holperte”, mal zu spät kam, mal zu knapp ausfiel: Je intensiver Leo Schmidt arbeitete, desto mehr Aufgaben fielen ihm zu. Sehr schnell war der Punkt erreicht, von dem aus er allein das Pensum nicht mehr bewältigen konnte, zumal seine Stärken nicht so sehr im “Tagesgeschäft” des Hacks-Journalismus, sondern im sorgfältigen Recherchieren, im gelungenen Kommentieren und im Aufbau von Kontakten liegen.

Die Aktiven der Hacks-Seite gingen wieder einmal durch schwierige Gespräche und Entscheidungen hindurch, am Ende steht eine, wie wir finden, gute Lösung:

In den kommenden Tagen wird Stefan Otto die alleinige Verantwortung für die Tagesmeldungen der Peter Hacks Seite übernehmen. Stefan Otto ist ein in Berlin lebender Journalist, den Sie aus junge Welt, Neues Deutschland und tageszeitung kennen können. Ein Hacks-Fachmann ist Otto (noch) nicht, was uns dem Ziel, unsere “sektiererischen” Eierschalen abzustreifen,  wieder ein Stück näher bringen dürfte.

Leo Schmidt hat als Chefredakteur die inhaltliche Gesamtleitung der Peter Hacks Seite inne und konzentriert sich auf das Feuilleton, also auf Rezensionen, Berichte und Kommentare sowie auf Öffentlichkeitsarbeit.

Die Peter Hacks Seite bleibt ein Projekt meines Verlages - noch. Wir werden Sie in dieser Sache bald überraschen.

Bis dahin bitte ich Sie, Leo Schmidt unter redaktion@peter-hacks.de und Stefan Otto unter stefan.otto@peter-hacks.de mit Hinweisen und Kritik  zu unterstützen.

Hochachtungsvoll, Ihr  André Thiele

Vor Neid erblassen

Während er für Peter Hacks als, wie er das nennt, “freier Adlatus” arbeitete, schrieb André Thiele Essays und Historien, deren Entstehung Hacks intensiv begleitet hat. Die Texte sind gelinde gesagt seltsam. Thiele hat sie Ende 2008 in einem Band zusammengefasst, den er Eine Welt in Scherben betitelte. Die Presse hat das Werklein nicht besprochen  - dachten wir bisher, vielleicht hätten wir aber auch genauer nachsehen sollen, denn erst heute finden wir dies:

Wenn man einen Autor wie André Thiele liest, der einen mit der schwierigen Auferstehungsproblematik von Resten (Scherben etc.) konfrontiert, so ist es nicht nur beinahe sondern in der Tat so, dass Thiele den Leser auf eine Spur zu führen versteht, die nicht an der Mauer eben dieser Konfrontation entlang führt, sondern sie bereits ganz wunderbar überschritten hat. Das heißt aber auch, dass der Leser zunächst die Zeilen wie in Trance abfährt. Etwas geschieht mit einem. Und das bei Essays oder, wie Thiele das nennt, Historien. Müsste nicht der eine oder andere Literat darüber vor Neid erblassen?

‘Vor Neid erblassen’  »

Der Schuhu ruft …

Es gibt ja Kreise, für die nicht exisitert, was nicht bei Wikipedia steht. Insofern beruhigt uns immerhin, dass Peter Hacks in jenem Lexikon der demokratischen Mitte mit einem recht soliden Eintrag vertreten ist. Wundern allerdings tut uns das nicht; wir haben ihn ja selbst erarbeitet und eingestellt. Nach Einträgen zu Werken von Peter Hacks aber suchte man bis jetzt vergeblich (ausgenommen den Playboy oft the Western World, den Hacks zusammen mit Anna Elisabeth Wiede übersetzt hat).

Heute stolperten wir jedoch über einen Eintrag zu Hacks’ Märchen Der Schuhu und die fliegende Prinzessin. Der Inhalt des Eintrag lautet ungekürzt wie folgt:

Der Schuhu und die fliegende Prinzessin ist eine „Märchen-Novelle in vielen Kapiteln“ von Peter Hacks, die von der Unerreichbarkeit des Glücks handelt. Ihre Erstveröffentlichung hatte sie 1964 in Sinn und Form, 1966 erschien das Kinderbuch (liegt gestaltet durch die Zeichnerin Heidrun Hegewald vor). Für die Schallplatte bearbeitet wurde der Schuhu 1968 (Sprecher: Günter Strack, Bruno Ganz, Angela Schmid), Udo Zimmermann komponierte 1976 seine gleichnamige Oper nach dem Buch.

Sagen wir einmal so: Dieser Artikel teilt uns auf performative Weise sein Bedürfnis nach einem Upgrade mit. Eine Inhaltsangabe wäre nicht schlecht. Ein paar Bemerkungen zur Form und zur Deutung des Werks ebenfalls. Handelt der Schuhu wirklich von der “Unerreichbarkeit des Glücks”? Welche Bedeutung und Stellung hat das Märchen im Gesamtwerk von Peter Hacks? Warum hat Hacks den Schuhu als seinen Faust bezeichnet?

In diesem Sinne, verehrte Hacks-Nachweltler, der Subbotnik harret eurer!

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Und ob

lautet die Antwort, die Peter Hacks auf die Frage, ob der Künstler fleißig sei, gegeben hat. Daran erinnert uns heute Clown Gerrit in seinem Onlinejournal Notate eines Clowns:

Soweit ich sehe, sind alle Künstler fleißig und in dieser Hinsicht ein Vorbild für die restliche Menschheit. Welcher Berufsstand sonst hätte habituell an sich, bis zur Selbstvernichtung an einem Erzeugnis zu arbeiten, von dem er weiß, daß es benötigt wird, und von dem er Grund hat anzunehmen, daß niemand vorhat, es zu bezahlen? Die Künstler wissen stets, was die Zeiten, aber nie, was die Zeitungen von ihnen verlangen; um so mehr verdient sie sind, desto weniger sind sie verdienend; sie unterwerfen sich dem gesellschaftlichen Auftrag, ohne viel zu fragen, ob die Gesellschaft ein Lohnbureau für derartige Sachen eingerichtet hat. Ihre einzige Tugend ist ihre Arbeit. Wie jene hat diese den Lohn in sich; übrigens billige ich dieses Verhalten nicht ohne Einschränkung. Ein Künstler, denke ich, sollte für sich zu sorgen wissen. Wer würde einen Arbeiter loben, der seine Maschine nicht pflegt?

(Peter Hacks, Die Maßgaben der Kunst, Berlin 1978, S.175)

Manchmal ist er schon rätselhaft, der Herr Hacks. Wer solches über Künstler sagt, kann unmöglich auf das 20. Jahrhundert geblickt haben. So bleibt denn zu rätseln, ob diejenigen Künstlerexistenzen, die nicht unter diese Beschreibung passen, nun die Ausnahme von der Regel bilden oder gar nicht erst unter die Gattung fallen sollen.

Der Montagswitz III

Der Buchmarkt führt seine Reihe fort:

„Und was frisst der Pudel?“

lautet die Pointe des Witzes. Den Rest sollten Sie an Ort und Stelle lesen.

Und wieder säuselt die Stein …

Sofern wir richtig zählen, bewegt sich die deutschsprachige Theaterlandschaft langsam, aber sicher auf die 200. Inszenierung des Hacksschen Monodrams Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe zu.

Drama, weiß man, ist Verhinderung von Langeweile. Über zwei Stunden lang von nicht mehr als einer Person nicht gelangweilt zu werden, das wäre unmöglich, wenn das Stück nicht gut wäre. Über dreißig Jahre auf etwa 200 Premieren über zwei Stunden lang von ein und derselben Person nicht gelangweilt zu werden, das freilich ist schon eine andere Gleichung.

Aber eingedenk der unglaublichen Geschicklichkeit, mit der Dramatiker Hacks jene zwei Stunden mit einer derart begrenzten Personage die Spannung erhält, wird es uns sicher nie langweilig werden, jedesmal wieder auf die neueste Inszenierung der Stein hinzuweisen.

Die, um die es diesmal geht, findet im Kölner Theater Tiefrot statt. Die Stein hat dort am 15. April 2009 Premiere.

Der Montagswitz I und II

Das Branchenmagazin Buchmarkt pflegt eine regelmäßige Rubrik: den Montagswitz. Anlässlich der jüngst erschienenen Hacks-Anekdoten von André Müller sen. wird die Redaktion vier Wochen in Folge den Montgswitz von Peter Hacks (bzw. von André Müller sen.) sein lassen. Unsere Schuld ist es, dass wir verabsäumten, Sie rechtzeitig darauf hinzuweisen, so dass wir heute, einen Tag vor dem dritten Montag der Reihe, die ersten zwei Folgen kompakt nachreichen müssen.

Der Hacks-Montagswitz I:

Der Drei Masken Verlag in München führte einen langwierigen Kampf mit …

dem realexistierenden Sozialismus? … dem Theatermob? … dem Dicher Hacks gar? Lesen Sie’s selbst.

Der Hacks-Montagswitz II:

Hacks hatte einem Lektor ein Manuskript (…) gegeben.

So beginnen, wie man weiß, die besten Tragödien. Lesen Sie auch das Ende des Dramas.

Goethe-Matinée mit Stein

Die Ortsgruppe Eisenach der Goethe-Gesellschaft hat eine besondere Tradition, am Ostermontag um 10 Uhr 30 zu einer Matinée in das Landestheater zu laden. Die Thüringer Allgemeine berichtet heute von deren Ursprung:

Es begann 1949 auf Initiative des Schauspielers Friedewald Berg. Er rezitierte damals im Hof des Luther-Gymnasiums Texte aus Faust I und II. In den nachfolgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Faust-Matinee für Literaturfreunde zu einem unverzichtbaren kulturellen Höhepunkt. Die Tradition wurde nach der Neugründung der Goethe-Gesellschaft Eisenach nach 1990 aufgegriffen und fortgesetzt. Sie findet nun zum 60 Male statt.

‘Goethe-Matinée mit Stein’  »

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unpraktikabel

Tebb Stroer schreibt in seinem Blog zu Ronald M. Schernikau:

Daher lässt sich dessen Inhalt auch nicht von der kommunistischen Überzeugung entkoppeln, wie es etwa im „Spiegel“ gefordert wurde. Ähnliches regte – genauso unpraktikabel - Frank Schirrmacher vor Jahresfrist für Peter Hacks an. Der wiederum war neben Elfriede Jelinek einer der wenigen, die Schernikau bis zu dessen Aids-Tod förderten und mit dafür sorgten, dass sein letztes, das Schlüsselwerk „legende“ überhaupt erscheinen konnte.

“unpraktikabel”  - ob’s das Wort gibt oder nicht, jedenfalls ist es sperrig.

Heulsuse Hacks

Die Badische Zeitung schreibt heute ohne erkennbaren Anlass und auch ohne erkennbaren Autor unter dem Titel Virtuose des Verschwindens über Hans Magnus Enzensberger:

Rein persönlich hatte Enzensberger sich nichts vorzuwerfen: Er hatte schon in den 50er Jahren immer auf den “Mühen des Zweifels” bestanden, während etwa der SED-treue Peter Hacks mit den Mächtigen der DDR heulte – Enzensbergers erst kürzlich entdeckter und in Marbach präsentierter Briefwechsel mit Hacks belegt das eindrücklich.

Na, wenigstens scheint das tranige “Hacks, der DDR-Oppositionelle” vom Tisch zu sein. Ob aber das feurige “Hacks, der Kryptostalinnazibolschedandy” mehr taugt?

Und wenn sie dann kömmt …

Gestern meldeten wir die Stein-Lesung in Dortmund, heute finden wir diese Rezension:

Sie habe, antwortet Charlotte, diesen ungehobelten Kerl Goethe nicht für sich gewollt, „sondern für Weimar und die gesittete Welt“. „Er fluchte, und wenn er nicht fluchte, flennte er.“ Die Begegnung mit ihm erinnert sie eine einzige inszenierte Selbstdarstellung; zugehört habe er nie. Er habe sie „geliebt“, das heißt benutzt: um schreiben zu können, den „Tasso“, die „Iphigenie“. Sie war das Instrument auf seinem Schreibtisch. Welches Glück, dass Gott sie „vor der Torheit des Liebens“ bewahrt hat!

War es so? Und was war los in der Nacht zum 10. Oktober 1780? Das körperliche Versagen des Dichterfürsten als Anlass der Flucht? Die Wahrheit, die des Peter Hacks jedenfalls, am Ende ist diese: Charlotte wartet auf die Post, Nachricht aus Italien. Und wenn sie dann kömmt, öffnet sie sie nicht.

Wir warten auch auf die Post, aber das ist ein anderes Thema.

Mit Eschloraque auf dem Schneckenstein

Die Leipziger Volkszeitung schreibt unter dem 3. April zu Uwe Tellkamps Roman “Der Turm”:

Und wieder folgt Meno Rohde der Einladung einer “hochgelegenen” Persönlichkeit. Der sympathische Türmler ist mit Judith Schevola, der aufmüpfigen Autorin, unterwegs zum Schneckenstein. Dies ist “der Sitz der Parteileitung, das ehemalige Schloss eines enteigneten Wettinerprinzen ein Bau von kastellhaftem Klassizismus”. Max Barsano, wenn man es so sehen will, leicht verwandt mit Hans Modrow, gibt sich die Ehre, namhafte Kulturschaffende zu empfangen, darunter die Parteiliteraten Londoner und Eschschloraque, die eine gewisse Nähe zu Jürgen Kuczynski und Peter Hacks verraten. Man referiert und diskutiert mehr oder weniger klassenbewusst über “Schädlinge, Formalisten, abgehobene, volksfremde Schreiberei” und Agitatoren, die revolutionäre Poesie in die Schulstuben tragen könnten. [...] Für kurze Zeit, dies sei noch vermerkt, genoss Peter Hacks (oder war es Eschloraque?) die königliche Aussicht vom literarischen Schneckenstein über die Elbtalweitung zum Erzgebirgsvorland.

Hacks in Dresden  - es tät’ uns doch wundern.