Monatsarchiv für April, 2009

Kurzmeldungen - April 2009

Wir versammeln hier monatsweise chronologisch kleinere Meldungen mit Bezug zu Hacks.

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Wertneutral

Der Rezensent Michael Opitz bescheinigt auf Deutschlandradio Kultur den Herausgebern der Anthologie “100 Gedichte aus der DDR” ein feines Gespür. Sie hätten “erstaunliches zusammengetragen”. Der Band sei eine überzeugende Auswahl - von den Hoffnungen bis zu den Abgesängen.

Nur beschränkt sich Opitz leider aufs bloße Aufzählen von Lyrikern und zeigt sich überrascht, dass auch Literaten wie Hartmut Lange oder Heinar Kipphardt in dem Band verteten sind. Die machten sich doch auch im Westen einen Namen.

Mit Kipphardt fühlte sich Hacks bekanntlich über zwei Jahrzehnte lang verbunden. Die Freundschaft endete aber im Streit, und Hacks schrieb dem Kipphardt-Biographen Adolf Stock vor 25 Jahren auf Anfrage:

Es ist richtig, ich war mit Kipphardt einmal eng befreundet. Aber das ist sehr lange her, gewissermaßen vor meiner Zeit. Ich habe da keine nennenswerten Erinnerungen … Kipphardt und ich hatten niemals ähnliche Meinungen.

Michael Opitz geht auf die Biographien der Literaten und auf die Aussageabsichten ihrer Gedichte nicht ein. Er kratzt nur an der Oberfläche, als handle es sich um Naturbetrachtungen aus dem 19. Jahrhundert, als gehe ihn die Epoche nichts an. Doch dafür wurde keines der 100 Gedichte geschrieben.

Gegensätze

Der Historiker Fritz Stern war ein Zeitgenosse von Peter Hacks, zwei Jahre älter als der Dichter und auch in Breslau geboren. Beide kannten sich seit ihrer Kindheit. Die Familie Stern verließ jedoch wegen ihrer jüdischen Herkunft 1938 Deutschland und emigrierte in die USA.

Seinen Wurzeln blieb Fritz Stern jedoch verbunden: Er befasste sich immer wieder mit der kulturellen und politischen Geschichte Deutschlands. Bekannt wurde er mit seiner Promotion zum Thema “Kulturpessimismus als politische Gefahr” und einer Doppelbiographie über Bismarck und dessen jüdischen Bankier Gerson Bleichröder. Unter dem Titel “Gold und Eisen” wurde die Arbeit ein Standardwerk über die Lage der Juden in Deutschland vor dem Weltkrieg.

Darüber hinaus nahm Fritz Stern Einfluss auf die Politik. Als erster ausländischer Staatsbürger hielt er 1987 im Deutschen Bundestag die Festrede zum 17. Juni, wobei er alle Erwartungen auf eine Wiedervereinigungs-Rhetorik unterlief: Der Arbeiteraufstand 1953 habe allein die bürgerlichen Freiheitsrechte zum Ziel gehabt, befand er.

Fritz Stern traf auch Peter Hacks noch einmal wieder. Das war 1954 in einem Nachtgespräch, wie der Historiker in seinen Memoiren verrät. Er habe den Dichter “angefleht”, nicht aus Westdeutschland in die DDR zu gehen: “Eine Diktatur sollte Dir reichen!”

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Goethe ein Frauenfresser?

Sewan Latchinian ist der Intendant der Neuen Bühne Senftenberg. Dort hatte am Samstag Latchinians Stück Eine verbotene Liebe seine Uraufführung. Das Drama bezieht seinen Stoff aus einem Buch von Ettore Ghibellino , das nachzuweisen versucht, dass Goethe keine Liebesbeziehung zur Charlotte von Stein, sondern vielmehr zur Herzogin Anna Amalia gehabt habe.

Der nun in Senftenberg aufgeführte Monolog sei eine Replik auf Hacks’ Monodrama “Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe”,  schreibt die Märkische Allgemeine Zeitung.

Im Gegensatz zu Hacks’ Stück - das der Dichter selbst lakonisch zusammenfasste: „Die Sache brachte Goethe weiter und machte die Stein fertig“ - versuche Latchinian, Goethe zu “rehabilitieren”, so die MAZ: Er rede von ihm als einem Mann aus Fleisch und Blut und sehe ihn nicht als den Frauenfresser, den Hacks in ihm vermutet habe.

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Eine Blume für die Kunst

Der Maler Albert Ebert fertigte 1973 zur Hacks-Komödie “Adam und Eva” eine Serie mit kolorierten Lithografien und hat sich damit für die Freunde des Dichters unsterblich gemacht.

Das Licht der Welt erblickte Ebert am 26. April 1906 - wenig privilegiert als Bauarbeitersohn. Nach dem Schulbesuch ging er selbst als Maurer in die Lehre, beendete sie allerdings nicht und schlug sich fortan mit Gelegenheitsjobs durch. In seinem Erinnerungsblättchen “Margeritenblümchen” teilt er mit, wie er zur Malerei kam: nämlich im ostpreußischen Schützengraben während eines der letzten Gefechte des Krieges, der ihm “unbegreiflich” war. Ebert erblickte eine Margerite, die ihm ein Sinnbild für den Frieden werden sollte. Und er beschloss:

“Wenn du nach Hause kommen solltest, lernst du zu malen und zwar all das Schöne und Friedliche, die Blumensträuße, die kleinen Kinder mit den Rosenkränzchen, und alle sollen sich daran freuen.”

So ward es. Albert Ebert studierte an der Kunsthochschule in Halle, verdiente seinen Lebensunterhalt als Heizer und Bauarbeiter, bevor er die letzten 20 Jahre seines Lebens als freischaffender Künstler lebte. Eine Blume in Ostpreußen war für Ebert ein Wendepunkt im Leben.

Klassische Orientierung

Wen das Abtreten der großen Reimkünstler Peter Hacks, Robert Gernhardt und Peter Rühmkorf betrübe, der  “darf den Trauerflor getrost zurück zu den Motten hängen. Makowskis neues Buch ist da”, schreibt die Mitteldeutsche Zeitung euphorisch. Hacks-Freunden ist der Besprochene bereits als ARGOS-Autor bekannt.

Die fast 200 Gedichte handeln von der Lust und der Last, in einer Menschheit zu leben, die zwar immer besser wird, aber noch lange nicht gut ist. Eine der Gaben dieser Gedichte besteht darin, auf kleinstem Raum Geschichte und persönliches Erleben auf schönste Weise in Beziehung zu setzen.

Der Band trägt den Titel “Stille Gesellschaft”, was durchaus doppeldeutig gemeint sei, erklärt der Rezensent Ralf Meyer: Einerseits mache Werner Makowski inmitten einer lauten Gesellschaft eine hohle Stille der Bedeutungslosigkeit aus; andererseits nehme er sie als still teilnehmend wahr.  Der Dichter liebe keine Versteckspiele, er verwende keine Mühe darauf, den Leser in einen Nebel zu schicken, heißt es. Da verwundert es nicht weiter, dass Makowski sich zur Poetik Peter Hacks’ bekennt.

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Gute Leute

Eine ganze Weile ging es auf der offiziellen Website der Peter-Hacks-Gesellschaft e.V. verhältnismäßig ruhig zu. Gerade, als wir begannen, uns Sorgen zu machen, hörten wir auch schon wieder auf - seit kurzem präsentiert sich die Seite im neuen Gewand, wenngleich ein Großteil des Inhalts noch nachgereicht werden muss.

Ein sehr wichtiges Item findet sich dann aber doch, nämlich diese Ankündigung.

Die zweite Tagung zu Leben und Werk von Peter Hacks wird unter dem Motto Gute Leute sind überall gut. Hacks und Brecht am Sonnabend, den 7. November 2009 im Berliner Magnus-Haus am Kupfergraben 7 stattfinden. Die veranstaltende Peter-Hacks-Gesellschaft hat sich für das Thema Hacks und Brecht entschieden, weil es eine ganze Reihe von Grundproblemen ästhetischer, historischer, vor allem auch biographischer Natur berührt, die für die Brechtforschung besser geklärt sein mögen, im Zusammenhang mit Hacks, seinem Werk und dessen Rezeption aber bislang nur sehr unzureichend aufgearbeitet sind.
In der vorbereitenden Diskussion haben sich vier größere, einander durchaus berührende Themenkreise heraus kristallisiert, deren Behandlung besonders viel versprechend scheint:

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Friedrich der Große wäre stolz gewesen

Jetzt hat es ein Hacks-Stück bis ins ferne russische Orjol geschafft. Die Premiere für die Komödie „Adam und Eva“ fand am 11. April statt. Die Hacks-Freunden bestens bekannte Ella Wengerowa hat das Stück ins Russische übersetzt, Alexander Michailow führt Regie.

Das Theater „Freier Raum“ sei gebührend für die Aufführung, findet Wengerowa, die von dem barocken Gebäude schwärmt: „Da wäre Friedrich der Große Stolz gewesen.“ Orjol liegt 380 Kilometer südwestlich von Moskau und wird oftmals als Literaturhauptstadt Russlands bezeichnet. Die berühmtesten Söhne der Stadt sind die Literaten Iwan S. Turgenjew und Nikolai Semjonowitsch Leskow.

In Kürze wird Ella Wengerowa für die Peter Hacks Seite über die Aufführung berichten.

Erbfragen

Auch das Neue Deutschland bespricht den DDR-Gedichtband aus dem Wagenbach-Verlag. Dass der Rezensent Jürgen Engler den Lauf der Geschichte bedauert, erschließt sich bereits dem ersten Absatz, wenn er mit dem Epilog und den Versen von Reiner Kunze, Peter Hacks und Volker Braun das Ende vorweg nimmt. Brauns bittere Bilanz über abhanden gekommenes Volkseigentum scheint auch der Schmerz des Rezensenten zu sein. Der Duktus ist somit vorgegeben.

Interessant ist jedoch, wie der Rezensent auf die für die Herausgeber Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach entscheidende Fragestellung eingeht: Wie nämlich mit der DDR-Literatur umgegangen werden solle, „die doch selbst das ‚kulturelle Erbe’ so hoch gehalten hat, dass man es manchmal schon nicht mehr erkennen konnte“?

Jürgen Engler geht der Frage geflissentlich aus dem Weg und resümiert stattdessen über den Gedichtband:

Eine Anthologie mit Erinnerns- und Entdeckenswertem. Nachrichten aus einem fernen und einem nahen Land – mit Goethe zu sprechen: dem Land der Dichter und dem Land der Dichtung.

Die DDR-Tradition wird einmal mehr hochgehalten. Wie sollte die ehemals staatstragende Tageszeitung Neues Deutschland auch ihr eigenes Erbe antreten – ohne sich zu verleugnen?

Zensieren?

Im Wagenbach-Verlag ist eine Lyrik-Anthologie erschienen, die 100 Gedichte aus der DDR versammelt. In einem Epilog reiht sich Peter Hacks’ Gedicht „1990“ an Volker Brauns „Verschwinden des Volkseigentums“ und Reiner Kunzes „Die Mauer“.

Keines der drei Gedichte betrachtet die Wende von 1989 als ersehnten Aufbruch. In Kunzes Versen ist das Abtragen der Mauer eine Last; Brauns Zeilen, Silvester 1991 verfasst, sorgen sich um die soziale Sicherheit in Zeiten der Marktwirtschaft: „Und da ist einer, der kann / Nicht das Scherflein hinterlegen / Für einen Schlafplatz“; Hacks’ Gedicht endet mit einem Reim: „Sehn wir nachher beim Glenfiddichtrinken / Hinterm Dachfirst die Epoche sinken.“ Das ist ein Frustbesaufen, keine Frage.

„Die Lyrik der DDR gehört nun zu unserem Erbe, ob wir wollen oder nicht“, bemerken die Herausgeber Christoph Buchwald und Klaus Wagenbach im Nachwort und stellen die Frage, wie man damit umzugehen habe:

Sollen wir auch zensieren? Da wird es still im Saal, nicht nur auf der Richtlinienkonferenz „Deutsch für die Oberstufe“, auf der sich die Erben in den Haaren liegen darüber, ob die Nationalhymne der DDR allenfalls im Geschichtsunterricht zu behandeln sei und Bertolt Brecht nur im Leistungskurs.

Peti, the Vampire Slayer

Dietmar Dath liest, und zwar aus seinem Buch Maschinenwinter. Er tut dies heute, in Berlin, ab 19 Uhr in der Ladengalerie der Tageszeitung junge Welt. Die ist seit Tagen ganz aufgeregt und bringt einen Dath nach dem anderen:

Der 1970 geborene Schriftsteller, Journalist und Übersetzer Dietmar Dath brachte das Kunststück fertig, ein Loblied auf Lenin in jene Zeitung zu setzen, hinter der bekanntlich ein kluger Kopf stecken soll. Im August 2007 war das jedenfalls einmal der Fall, als in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung der umfangreiche Artikel »Lenins Coup« zu lesen war. So kann man Dath als »Vernunftkommunisten« bezeichnen  – der zugleich aber auch die anarchistischen Ideen des Antimarxisten und Antikapitalisten Murray Bookchins in seine Überlegungen für eine Widerstandspraxis einbezieht.

Wenn es “Vernunftkommunisten” gibt, gibt es dann auch “Unvernunftkommunisten”? Sicher, man nennt sie gemeinhin Linke. Jedenfalls, die Aufregung von jW hat uns angesteckt, deswegen schicken wir jemanden hin. Da Hacks in “Maschinenwinter” sehr oft vorkommt, stehen die Chancen gut, dass wir zu berichten haben werden.

P.S. Nein, Dietmar Dath kam nicht auf Hacks zu sprechen. In der Pause verriet er unserem Mitarbeiter aber, dass in seinem neuen Buch (erscheint im Herbst; wenn wir richtig verstanden haben, wird das Buch heißen: Dietmar Dath, “Sämtliche Gedichte (Roman)”) Hacks sehr oft auftauchen wird. Ansonsten: die Veranstaltung war mit ca. 70 Leuten sehr gut besucht, das Publikum war sehr aufmerksam und interessiert, insgesamt eine angenehme Atmosphäre.

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Begegnungen

Freche Tattoos auf blutjungen Bankiers heißt Danny Dziuks neuestes Album, auf dem er ausschließlich Lieder über Berlin singt. Dziuk taucht in die Atmosphäre der Stadt ein und bewegt sich in ihrem Mikrokosmos, ohne jedoch davon eingenommen zu werden. Vielmehr wirke er wie ein weitgereister Querdenker von nebenan, „mit dem man beim Bier in einer Eckkneipe angeregt diskutiert“, schreibt das Neue Deutschland.

Eines der 14 Stücke auf dem Album entlehnt Danny Dziuk von Peter Hacks – obwohl Dziuk keineswegs Hacks’ Strenge teile, wie Wiglaf Droste, ein Weggefährte Dziuks, unlängst in einer Rezension des Albums im Tagesspiegel schrieb. Die Vertonung von Hacks’ „Ode auf Berlin“ hält er für gelungen:

Danny Dziuks Komposition trägt die hymnischen Verse mit angemessener, gut gelaunter Energie. In dieser „Ode auf Berlin“ hat die Stadt einen Lobgesang bekommen, dessen Klasse nicht das Berlin der Jetztzeit beschreibt, sondern ihm als Maßgabe dienen mag. So wünscht man sich Berlin: „O wie gern bin ich alleine / Mitten in der großen Stadt, / Wo man seinen Lärm und seine / Wunderschöne Ruhe hat. // Und ich denke meine Sachen, / Muss mich keinem anvertraun. / Was ich kann, das darf ich machen. / Niemand lugt mir übern Zaun.“

Das Neue Deutschland findet es „uneitel und kollegial“, dass Danny Dziuk sich solches Textmaterial von Peter Hacks entliehen hat, um es mit einem Neil Young-Riff zu kreuzen. Mögen die beiden vielleicht doch Freunde im Geiste gewesen sein. Oder alle drei … Als wären sie sich auf einem Berliner Hinterhof begegnet.