Unsere Sammlung von Fundstellen und Ereignissen: Peter Hacks im Netz und andernorts. Ohne Gewähr, dafür mit Pepp.
28.7.2010 - Der Deutschlandfunk brachte heute in seiner Sendung Bücherstube ein Feature von Florian Felix Weyh zu Peter Hacks und zum VAT Verlag André Thiele.
Wir erhielten heute den folgenden Beitrag, den wir mit freundlicher Erlaubnis des Autors hier wiedergeben:
Hendrik Weber Mit besten Grüßen aus Langley
Erinnerungen zum Todestag von Peter Hacks
Vor einiger Zeit hatte ich das große Vergnügen Jana kennenzulernen. Sie verbüßt eine Haftstrafe und wird demnächst entlassen. Wir arbeiten daran, ihre Geschichte in lesbare Form zu bringen. Ich bin sicher, Sie werden von ihr hören.
Jana ist 26 Jahre jung und nicht nur über Durchschnitt intelligent, sondern auf eine Weise klug, die es mir ermöglicht, sie als Repräsentantin ihrer Generation zu sehen.
Auf Jana zu treffen war ein Ereignis, angesichts dessen ich mir in mein Gedächtnis rufen musste, was mich bewegt hat, in den 90er Jahren, als ich, grob gesagt, ihres Alters war.
Wir veröffentlichen hier eine persönliche Stellungnahme unseres Verlegers André Thiele zu den Vorwürfen von Heidi Urbahn de Jauregui gegen ihn in der Tageszeitung »junge Welt«:
Das ist so und damit muß man leben
Heidi Urbahn de Jauregui, eine hochgeschätzte Autorin meines Verlages, die mehrfach Beiträge zum bisher von mir herausgegebenen Hacks-Journal ARGOS geleistet hat, zuletzt im sechsten Band, hat heute in der Zeitung junge Welt einen Aufsatz unter dem Titel »Seltsame Freunde. Peter Hacks und der ‘falsche Anhang’« veröffentlicht, in dem sie mich ob meiner Äußerungen zum Werk des Dichters in die Nähe von Nazis rückt.
Ralf Meyer, seines Zeichens Chefdramaturg am Schauspiel der Stadt Halle, hat an die Redaktion des ARGOS folgenden Leserbrief geschickt:
Der hervorragende Verleger und Essayist André Thiele vertritt in der F.A.Z. vom 12. Juni 2010 die These, Peter Hacks habe die Grundfeste seiner Ästhetik bereits als junger Mann in seiner Münchner Zeit beisammen gehabt. Anlaß für diese Überlegung bietet Thiele ein wieder aufgefundenes Manuskript von 41 Gedichten des jungen Hacks. Nun müßte man, die Richtigkeit dieser Annahme zu belegen, Hacks´ Position erklären, was dem Rahmen eines Zeitungsartikels nicht entspricht. Thiele könnte das, die Zeitung will es nicht. Thiele widerfährt ein Fehler: Er interpretiert die frühen Schriften vom Ende her. Der Hacks-Kenner Thiele findet in den frühen Gedichten, was er aus Hacks´ fünfzehnbändigen „Werken“ weiß!
Ob es, wie gesagt wurde, die Hacks-Meldung des Jahrzehnts ist, bleibe dahingestellt. Eine Sensation jedenfalls ist es: Das Deutsche Theater in Berlin wird am 4. September 2010 Hacks’ Stück »Die Sorgen und die Macht« zur Aufführung bringen.
Was ist hieran sensationell? Das DT war lange Jahrzehnte die Leitbühne der DDR und ursprünglich Hacks’ Hausbühne. Nach seinem Gang in die DDR im Jahr 1955 arbeitete er zunächst als Dramaturg am Berliner Ensemble, 1960 ging er an das DT. 1958 hatte Hacks das Stück »Die Sorgen und die Macht« geschrieben, von dem mehrere Versionen entstanden, deren endgültige 1962 am DT zur Aufführung kam: Die Inszenierung wurde der Theaterskandal der DDR, die Diskussionen wurden quasi Staatsangelegenheit, das Stück wurde schlussendlich abgesetzt, für viele Beteiligte, so den Intendanten Wolfgang Langhoff, hatten die Vorgänge erhebliche Konsequenzen, Hacks verließ das DT 1963 und arbeitete fortan als freier Autor.
Im soeben erschienenen sechsten Band des Hacks-Journals ARGOS haben wir die Vorgänge mit vier Essays umfassend dokumentiert und diskutiert. Einer unserer Autoren ist Alexander Weigel, der von 1964 bis 2001 Dramaturg am DT war und die Geschehnisse aus der Perspektive des Theaters beschreibt.
Nach einiger Verspätung ist die neue Ausgabe des Hacks-Journals ARGOS ab sofort lieferbar. Wir dokumentieren hier das Editorial aus diesem Band:
»Aber der Blitz soll mich zersägen, wenn ich begreife, wie das alles so
schnell mit mir bis hierhin gekommen ist.«
1958 begann Peter Hacks mit der Ausarbeitung eines Stücks, das sich mit der Produktion von Waren in der DDR befasst und zu dem Schluss kommt, dass der Sozialismus die Voraussetzungen dafür bietet, einerseits die industrielle Produktivität und dadurch den gesellschaftlichen Wohlstand massiv zu steigern und andererseits die daraus resultierenden politischen, sozialen und privaten Probleme auf hohem Niveau im Sinne von Staat undMenschen zu lösen. »Die Sorgen und die Macht«, aus dem das Eingangszitat stammt, wurde der Theaterskandal der DDR: Die Parteiführung schien nicht hören zu wollen, was ein Dichter aus Westdeutschland ihr zutraute.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bringt heute auf S. 41 einen Vorabdruck aus dem neuesten Heft des Hacks-Journals ARGOS. Der in Mainz lehrende Literaturwissenschaftler Gunther Nickel hat 41, zum größten Teil unveröffentlichte Gedichte des frühen Hacks aufgespürt und ediert, von denen die F.A.Z. sich drei ausgesucht hat.
André Thiele hat hierzu einen begleitenden Artikel geschrieben, der zu gewagten Schlüssen kommt:
Die These, die DDR sei conditio sine qua non der Entwicklung von Peter Hacks gewesen, ist damit hinfällig: Die Entwicklung von Hacks’ Denken erweist sich als weitgehend von den äußeren Umständen unabhängige, nach inneren Notwendigkeiten ablaufende, bei Goethe beginnende, aufwärtsführende Schraubenbewegung zu Goethe hin, bei der Brecht und der sozialistische Realismus ein Umweg sind, der am Ende auf höherer Warte zum Ursprung zurückführt. Die Hegelsche Denkweise scheint für Hacks nicht eine angelesene Philosophie gewesen zu sein, sie hat ihn wohl im Innersten ausgemacht.
Der neue ARGOS erscheint am 15. Juni und bringt alle 41 von Gunther Nickel edierten Gedichte des frühen Hacks.
vor kurzem habe ich einer amerikanischen Verwandten (wir versuchen herauszufinden, welche Bedeutung unser Namen hat) geschrieben, so weit ich wüßte, käme weder in Büchern noch in Filmen der Name Knauerhase vor.
Sie meinte, dass doch Peter Hacks eine Erzählung mit dem Titel \”Magister Knauerhase\” geschrieben hat.
Felix Bartels reflektiert in seinem Journal Neuigkeiten vom Parnassos noch einmal gründlich, was es mit dem Einstellen des Tagesbetriebs auf der Peter Hacks Seite und dem Wechsel der Herausgeber beim ARGOS auf sich hat.
Mit dem für September angekündigten siebten Band des Hacks-Journals ARGOS wird Prof. Dr. Gunther Nickel die Herausgeberschaft des von der Fachwelt als „Archiv der Forschung zu Peter Hacks“ (ZfGerm 3/2008) anerkannten Periodikums übernehmen.
Gunther Nickel ist Hacks-Freunden sowohl durch Beiträge im ARGOS als auch durch seine Teilnahme an der ersten wissenschaftlichen Peter Hacks Tagung im November 2008 in Berlin bekannt. Er war Mitarbeiter an der Edition von Carl von Ossietzkys „Sämmtlichen Schriften“ im Rowohlt Verlag, hat als Herausgeber von Carl Zuckmayers „Geheimreport“ für Furore gesorgt und zusammen mit dem Dramaturgen Alexander Weigel die „Gesammelten Schriften“ des Theaterkritikers Siegfried Jacobsohn ediert. Er ist als Lektor für den Deutschen Literaturfonds in Darmstadt tätig und lehrt Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.
Der Gründer und bisherige Herausgeber, André Thiele, wird sich in Zukunft auf die verlegerische Betreuung des Journals konzentrieren.
Als die Peter Hacks Seite 2005 den Betrieb aufnahm, waren die Hacks-Freunde verstreut und isoliert. Die Peter Hacks Seite berichtete tagesaktuell über alle Aktivitäten rund um den Dichter und dokumentierte damit, wieviel insgesamt geschah und ermutigte viele, sich am Bestehenden zu beteiligen bzw. Neues zu bewirken. Die Hacks-Seite war fünf Jahre lang das zentrale Forum der das Internet benutzenden Hacks-Nachwelt. Indem sie das Hacks-Publikum mit sich selbst beeindruckte, schuf sie es zugleich.
Das Ziel ist erreicht.
Man muss den Leuten Hacks nicht mehr aufschwatzen: Es gibt jetzt ein zunehmend kundiges Hacks-Publikum, es gibt viele aktive Hacks-Institutionen, es gibt Medienaufmerksamkeit, es gibt Wissenschaft. Wir müssen folglich nicht mehr einen Boden schaffen, auf dem man arbeiten kann, diesen Boden gibt es, man muss nun auf ihm stehen und vorangehen.
Der Anspruch, täglich über alle Aktivitäten in der Hacks-Nachwelt zu berichten, ist obsolet geworden. Nicht mehr die Quantität der Aktivitäten zum Dichter ist das zentrale Argument, sondern deren Qualität.
Die Phase der Popularisierung von Hacks ist abgeschlossen.